Stemple Pass

Die vier Jahreszeiten à la James Benning oder wenn sich eine dunkle Ideologie in die Schönheit der Landschaft frisst.

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Wie lange eine Einstellung im Film gehalten wird, hängt oft schlicht davon ab, wie viel es darin zu sehen gibt. Manchmal geht es aber gar nicht darum, wie lange Auge und Gehirn benötigen, um alle wichtigen Bildinformationen zu verarbeiten. Ab einer gewissen Dauer schlägt die Suche nach Neuem in Kontemplation um und die Informationsvermittlung in Erfahrung. Und auch hier gibt es noch zwei Möglichkeiten, die Länge einer Einstellung festzulegen. Entweder man hält sie so lange, bis sich vermutlich der gewünschte Effekt eingestellt hat, oder man wählt einen vorgegebenen Richtwert, wie es etwa der amerikanische Regisseur James Benning in Filmen wie Ten Skies (2004) oder 13 Lakes (2004) getan hat. Dass hier jede Einstellung exakt zehn Minuten zu sehen ist, bedeutet keineswegs, dass der Zuschauer so lange braucht, um das Bild zu begreifen. Vielmehr wählt Benning einen Ausschnitt, in dem der Zuschauer nach eigenem Belieben schweifen kann und nur bedingt von der autoritären Hand des Filmemachers geführt wird. So eine Einstellung könnte kürzer sein, aber auch länger.

Bennings neuester Film, Stempel Pass, besteht nun wieder aus gleichlangen Einstellungen, genau genommen handelt es sich vier Mal um dieselbe Einstellung zu verschiedenen Jahreszeiten. Jeweils eine halbe Stunde lang ist eine Waldlandschaft mit Tannenbäumen, Hügeln und einem Stück Himmel sowie einer kleinen Holzhütte am unteren Bildrand zu sehen. Wie in beinahe jedem seiner Filme beschäftigt sich Benning auch diesmal mit der gestalterischen Funktion von Licht. Der Stand der Sonne und die Wolken modulieren die Landschaft immer wieder aufs Neue. Regen und Schnee lassen sie mitunter gar wie ein impressionistisches Gemälde erscheinen. Dabei entsteht ein Bild, das sich seiner Statik zum Trotz im ständigen Fluss der Veränderung befindet. Doch was hat es mit der Holzhütte auf sich?

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Stempel Pass ist mehr als eine weitere Studie über unberührte Landschaften und ihre differenzierte Ausleuchtung durch Mutter Natur. Im Zentrum steht ein prominenter Straftäter, der in der amerikanischen Öffentlichkeit sowohl Abscheu wie auch Faszination hervorgerufen hat: Ted Kaczynski, besser bekannt als der Unabomber. Auch wenn er letztlich „nur“ drei Menschen auf dem Gewissen hat, zählt er in den USA zu den bekanntesten Verbrechern. Zum einen weil es ihm zwischen 1978 und 1995 gelang, zahlreiche Briefbomben zu versenden, ohne entdeckt zu werden, zum anderen, weil seine Taten einer technologiefeindlichen Ideologie – auch als Neo-Luddismus bekannt – entsprangen. Demnach müsse die Menschheit von ihrer Versklavung durch Technologie und Wissenschaft befreit werden. 1970 zog sich der überdurchschnittlich intelligente Mathematiker in eine abgelegene Waldhütte zurück, wo er als Selbstversorger lebte und sich seinen wilden Verschwörungstheorien hingab.

Bereits im letzten Jahr beschäftigte Benning sich in seiner Installation Two Cabins mit Kaczynski und stellte dessen negative Faszination für den Wald der positiven des Schriftstellers Henry David Thoreau gegenüber. Bei der Holzhütte in Stempel Pass handelt es sich angeblich um einen originaltreuen Nachbau von Kaczynskis Hütte. Benning teilt nun jede Einstellung und liest jeweils in der ersten Hälfte aus Tagebuchaufzeichnungen, Interviews und Manifesten des Unabombers, wobei sich die Jahreszeiten in Text und Bild oft decken. In den mal erschütternden, mal unfreiwillig komischen Texten erläutert Kaczynski seine Begeisterung für die Natur, erzählt von transzendentalen Erlebnissen im Wald, vom Jagen und Kochen, aber auch davon, wie er die Motorräder seiner Nachbarn zerstört, sich neue Bösartigkeiten ausdenkt oder sich ärgert, wenn ein Mensch bei einem Anschlag „nur“ verletzt wurde. So makellos die digitalen Bilder sind, so Lo-Fi ist der Ton. Man glaubt regelrecht die Räumlichkeit der Hütte zu hören, und selbst wenn Benning sich bei seinem ausdruckslosen Vortrag verliest, nimmt er das in den Film mit hinein. Jedes Stocken und Neu-Ansetzen verhindert einen möglichen Illusionismus und verdeutlicht, dass der Lesende nur Träger des Textes ist, keine Verkörperung Kaczynskis.

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In der zweiten Hälfte jeder Einstellung ist dann nur Originalton zu hören: Der Wind, das Rauschen der Bäume und ab und zu auch ein Auto oder Flugzeug, das die von Kaczynski zelebrierte Naturidylle mit dem Eindringen von Technologie stört. Es handelt sich hier wieder um typische Momente der Kontemplation, jedoch schwingt auch noch etwas anderes mit, eine zumindest indirekte Einfühlung in den Geist des Unabombers. So absurd und widersprüchlich seine Ideen sind, seine Faszination für die unberührte Natur, die letztlich auch nur romantische Verklärung eines Industriestaaten-Bewohners ist, sollen wir auch erleben. Zeit dafür lässt uns der Film genug. Dass das streckenweise auch langweilig sein kann, bevor sich in einem Detail wieder etwas Neues und Fesselndes offenbart, konnte man schon bei früheren, weniger psychologisch aufgeladenen Benning-Filmen beobachten. Natürlich hängt das auch mit der vorgegebenen Dauer zusammen, die eher Vorschlag als Wahrheit ist. Nimmt man das aber in Kauf, wird man mit einem dunklen Juwel belohnt. Stempel Pass zeigt nicht nur auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Schönheit der Natur als Projektionsfläche für zerstörerisches Gedankengut eignet, sondern auch, wie Worte die Wirkung von Bildern beeinflussen können.

Kommentare


Drahtesel

Ist eigentlich jemanden bekannt, wer der Sprecher ist, der die Texte eingelesen hat? Ich habe schon danach gesucht, bin aber nicht fündig geworden.


Michael

Meines Wissens werden die Texte von James Benning selbst gelesen.






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