Stein der Geduld

Zarte Gewalt. In Atiq Rahimis Romanadaption entledigt sich eine junge Frau auf ungewöhnliche Weise ihrer männlichen Fesseln.

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Namen und Orte haben keine Bedeutung. Irgendwo im Nahen oder Mittleren Osten passiert es. Benommen liegt eine Frau (Golshifteh Farahani) auf dem Boden neben ihrem Mann (Hamid Djavadan), der seinen Körper an die Wand gelehnt hat. Sie erzählt, redet sich in Rage, spricht von Vergangenem und Gegenwärtigem. Doch es ist kein Bericht über die Ereignisse des Tages, auch keine Konfrontation zwischen den beiden Eheleuten. Mit ihren Worten vollführt die Frau einen sanften, aber erbarmungslosen Akt der Gewalt. Atiq Rahimis Regiedebüt Stein der Geduld (Syngué sabour, 2012) ist die Verfilmung des eigenen Romans von 2008, in der eine Frau dank gewisser Umstände die vollkommene Erlösung findet.

Viel ist der jungen Protagonistin nicht geblieben. Zwei Kinder und ein von Kopf bis Fuß gelähmter Mann, der seit einer Kriegsverletzung tagein, tagaus gepflegt werden muss. Bewegungen sind unmöglich, hören aber, dessen ist sich die Frau sicher, kann er alles. Was Rahimi hier vollführt, ist eine besondere Degradierung des Mannes. Der titelgebende Stein der Geduld, dem man einer afghanischen Legende zufolge seine Sorgen erzählen soll, dient seinem Besitzer zur reinigenden Selbstheilung. Ist er mit Klagen vollgesogen, zerbricht er und verspricht persönliche Errettung. So wird auch der Mann zum emotions- und regungslosen Ding, dessen Bestimmung es ist, eben diesen Zweck zu erfüllen. Die Machtverhältnisse werden umgedreht. Wo keine männliche Zurechtweisung mehr erfolgen kann, wo Rüge, Strafe und Erniedrigung durch das starke Geschlecht nicht gefürchtet werden müssen, da entfesselt sich die Auflehnung.

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Sukzessive arbeitet Rahimi das Leben der Frau auf, die sich immer stärker auf das reizvolle Spiel einlässt. Die Monologe der Hauptfigur und einige Rückblenden dienen ihm dabei als elementare Stationen. Wir sehen die Frau in freudiger Erwartung vor einem Altar sitzend, eine Hochzeitsgesellschaft ist um sie versammelt. Doch neben ihr steht nur ein Bilderrahmen als Ersatz für den abwesenden Bräutigam, der nicht einmal zur Vermählung erscheinen muss. Verheiratung mit einem Foto. Demütigungen werden nach und nach aufgedeckt, und auch ihre Affäre vertraut sie dem passiven Stummen an. Der Aufnahmefähigkeit seines Geistes gewahr, gibt sie schrittweise ihre Verachtung für ihn preis. Ein Rachefilm.

Stein der Geduld zeigt sich vordergründig nicht als solcher, denn erzählerisch und ästhetisch ist er weit entfernt von exaltierten Vergeltungsfantasien, die das feministische Kino nur zu gut kennt. Konzeptionell aber nicht. Behutsam verwandelt Rahimi das Szenario um die Wohnung, in das zunächst punktuell die Brutalität des Krieges Einzug hält und in dem es ständig etwas zu verstecken, zu verbergen und zu leugnen gilt, in etwas Haltgebendes. Es wird nicht vollends zum Traumgebilde, dafür verharrt der Regisseur zu stark in der Realität seiner Geschichte und spielt nur behutsam mit ästhetischen Mitteln. Zu Beginn fährt die Kamera durch die Wohnung an Wänden und Vorhängen entlang, während von draußen Explosionen und Schüsse hereindringen, ebenso wie Soldaten, die sich unbefugt Zutritt verschaffen. Nichts bietet Schutz, es gibt keinen Rückhalt. Etwas später jedoch erscheint alles weicher und gelöster. Das Bild verlangsamt sich, freundliches Licht tritt herein. Nachdem sich die Frau bereits vieles von der Seele geredet hat, blickt sie in den Spiegel und lächelt. Zum ersten Mal. Sie hat sich ihren Raum der weiblichen Selbstbefreiung geschaffen.

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Die Geschlechterkontrastierung in Stein der Geduld ist zwar stark vereinfacht und hangelt sich an extremen Polen entlang, kann einer Betrachtung von archaischen Gesellschaften aber durchaus dienlich sein. Rahimi schmückt das Weibliche etwa mit besonderen Farbakzenten von Kleidern oder Blumen. Männlichkeit dagegen wird unweigerlich an den Krieg gekoppelt und verkommt schließlich zum Spottbild, das vor allem durch einen jungen Soldaten (Massi Mrowat) suggeriert wird. Unbeholfen stotternd bemüht sich der hagere Krieger, dessen Triebhaftigkeit so unschuldig und infantil erscheint, mit pubertär anmutender Hartnäckigkeit um Zuneigung. Sein Versuch der Vergewaltigung ist ein lächerlicher Akt, der schließlich eine Schmach für ihn wird, statt seine Überlegenheit zu demonstrieren. Wenn die Frau ihren Weg der Befreiung beschreitet, verflüchtigen sich dann auch die Indizien des Kriegs mehr und mehr. Die Geräusche der Gefechte verblassen, und alles Männliche schwindet in dieser weiblichen Ermächtigungshandlung unaufhaltsam dahin.

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Rahimis Film mag überdeutlich sein, muss sich vielleicht auch undifferenzierte Rollenzuweisungen vorwerfen lassen, doch ist es das Kino einer faszinierenden, weil subtil-radikalen Form von Gewalt. Und wie es sich mit jedweder gewaltsamen Auflehnung verhält, wie wenig physisch sie sich auch gibt, stellt sich am Ende die Frage nach der Läuterung. Der Stein erwacht zum Leben, alte Strukturen drohen hereinzubrechen. Die Erlösung der Frau könnte dennoch einen konsequenteren Ausgang nicht finden. Ein glückliches Ende.

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