Staudamm

Die Rekonstruktion eines Amoklaufs als Liebesgeschichte.

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„Keine Ahnung, hab ich noch nie drüber nachgedacht, schon krank irgendwie“ ist die lapidare Antwort auf die Frage seines Chefs Schadt, was er denn von Amokläufern eigentlich halte. Roman (Friedrich Mücke), ein irgendwo zwischen Schulzeit und Studium in den Berliner Seilen hängender Anfang-Zwanziger, fertigt für den Staatsanwalt (Dominic Raacke, über den gesamten Film lediglich in Skype-Bildern zu sehen) Tonaufnahmen juristischer Akten an. Die übrige Zeit zockt an der Konsole oder macht lust- und wortlos mit der genervten Freundin Schluss. Ähnlich wenig Enthusiasmus bringt Roman anfangs für seinen nächsten Auftrag auf. Dieser beschäftigt sich mit dem Fall eines Schülers, der in einer Dorfschule im Allgäu 17 Menschen erschossen hat. Einige Dokumente fehlen jedoch, sodass der gebürtige Münchner kurzerhand selbst in die bayerischen Berge fahren muss. Die Mühlen der Demokratie mahlen dort langsamer als gedacht, sein Aufenthalt verlängert sich unverhofft, und er begegnet Laura (Liv Lisa Fries), die den Amokläufer kannte und die Tat hautnah miterlebte.

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Regisseur und Co-Autor Thomas Sieben erschließt die schreckliche Tat retrospektiv. Anders als Gus van Sants Meisterwerk Elephant (2003), das vor allem die Täter kurz vor ihrem Amoklauf in den Blick nimmt, ist der Schütze in Staudamm längst tot. Die beiden Protagonisten begehen im Verlauf der Erzählung die prägnanten Orte der Geschehnisse: den titelgebenden Staudamm, an dem der Täter von der Polizei gestellt und erschossen wurde, das Haus der umgesiedelten Familie, die nicht mehr in Betrieb genommene Schule, den Tatort. Nach und nach steigert sich Romans Neugierde, die Faszination für die Persönlichkeit und Motive des Täters. Parallel dazu ist es die lang aufrechterhaltene geheimnisvolle Rolle Lauras, die den Film bisweilen zu einer echten Kriminalgeschichte werden lässt. Romans Auto wird zerkratzt, er sieht sich Anfeindungen gegenübergestellt – lockt ihn seine neue Bekannte in eine Falle? Und auf welche Art und Weise war sie wirklich an den Geschehnissen beteiligt? Sieben erzählt bedächtig, dabei formal äußerst innovativ: Immer wieder unterbrechen weitläufige Landschaftsaufnahmen und Dorfansichten den Handlungsverlauf, aufgeladen durch das im Off eingeblendete, monotone Verlesen der Zeugenaussagen, psychologischer Gutachten und wissenschaftlicher Abhandlungen zum Thema. Ort und Zeit der Tat binden sich so an die Protagonisten der Gegenwart, gleichzeitig tun sich aber auch Risse im psychogrammatikalischen Vorgehen bei Unglücken solcher Art auf – es gibt keinen Kriterienkatalog für den Amokläufer.

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Das freie Reenactement des Vergangenen wird im Film mit der allmählich wachsenden Vertrautheit und Annäherung der Protagonisten gespiegelt. Diese schillert andauernd zwischen logischer Kompensationshandlung und tatsächlicher Zuneigung und rückt damit wiederum noch einmal den Täter in den Mittelpunkt: In seinem ehemaligen Zimmer kommt es zum ersten Kuss, ein vor den Behörden verstecktes Tagebuch enttarnt ihn als radikalen, aber auch reflektierten und liebenden Menschenhasser. Siebens Werk wird zu keinem Zeitpunkt zu pädagogisch, entgeht der Klischee- und Stereotypenfalle und nimmt die Thematik in ihrer Vielschichtigkeit nicht nur ernst, sondern findet auch eine adäquate filmische Form dafür.

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