Staub auf unseren Herzen

Alle wollen miteinander, können aber nicht. Hanna Dooses Debüt untersucht das Scheitern einer ganz normalen Familie.

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Beziehungen sind möglich, funktionierende oft unwahrscheinlich. Die Unmöglichkeit funktionierender Beziehungen in Familien mit scheinbar idealen Voraussetzungen – erfolgreiche Mutter, lässiger Vater, nette Tochter, braver Sohn, süßes Enkelchen – ist hoch wahrscheinlich, äußerst realitätsnah, gerade deswegen aber auch schwer inszenier- und dramatisierbar. Hanna Doose hat sich damit auf schwieriges Terrain begeben und zum Glück Susanne Lothar mitgenommen, die bereits in legendären Filmen brillierte, zum Beispiel in Das weiße Band (2009) und Funny Games (1997) von Michael Haneke. Staub auf unseren Herzen ist Susanne Lothars letzter Film, die Schauspielerin verstarb im Juli 2012.

In Dooses Debüt gibt sie Chris, eine Mutter, die den Verlust ihres Mannes ausgleichen will, indem sie ihre Kinder so fest wie irgend möglich an sich zu binden versucht. Ihr Ex-Mann Wolfgang (Michael Kind) hat Chris mit ihrer besten Freundin betrogen und damit gleich zwei Beziehungen auf dem Gewissen, eigentlich fünf, denn seit der mehrere Jahre zurückliegenden Trennung hat er weder von seinem Sohn noch von seiner Tochter, der 30-jährigen Kathi (Stephanie Stremler), oder deren kleinem Sohn viel mitbekommen. Nachdem Chris ihn verlassen hatte, war er in eine andere Stadt gezogen, nun kommt er wieder zurück nach Berlin und pirscht sich mit gekonnter Egomanie an ein Familienmitglied nach dem anderen heran, um die alte Ordnung wieder herzustellen. Dabei geraten alle Beziehungen kräftig ins Wanken, vor allem die zwischen Mutter und Tochter.

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Eine bürgerliche Durchschnittsfamilie, improvisierte Dialoge, reduzierter Einsatz filmischer Mittel: Durch die selbst gesteckten narrativen und formalen Koordinaten kommt Staub auf unseren Herzen plätschernd daher, mutet fast wie eine TV-Geschichte an, die von und aus der deutschen Gesellschaft erzählt – im „Reality“-Format. Da passen Kathis in einem Nebenstrang entwickelte Karriereambitionen gut rein. Sie will sich als Schauspielerin verwirklichen, knutscht dafür sogar mit einem Regisseur rum. Der Zuschauer hangelt sich zusammen mit ihr von einer Casting-Szene zur nächsten, in der sich Kathi nicht verbessert, leider auch Stremler nicht. Auch außerhalb der Casting-Szenen werden die Dialoge immer dröger.

Die Stimme der Protagonistin klingt mitunter so monoton, als lese sie die Zeilen – wie beim Casting – nebensächlich von einem Blatt ab. Dazu kommen verlegene Pausen, in denen Stremler gerade nichts einzufallen scheint. Dieses Improvisieren stellt das Durchhaltevermögen des Zuschauers schmerzlich auf die Probe und drängt die Handlung in den Hintergrund. Man nimmt der Stremler nicht die Kathi ab und dieser Kathi sowieso nichts. Das ist schade. Doch gerade dieses rohe Spiel gibt der Figur eine kindliche Naivität, die ihre Schwierigkeiten im Abnabelungsprozess unterstreicht und der dominanten Rolle der Mutter ein schwaches Gegenüber bietet.

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Überzeugend ist der Film dann, wenn Lothar im Zwiegespräch zu Hochform aufläuft und ihren Antagonisten Bonmots entgegenfeuert. Etwa als sie die Tochter bei Spargel und Kartoffeln herrlich runterputzt, weil die ihr verschwiegen hat, dass sie den Vater in der von Chris selbst bezahlten Wohnung direkt unter ihr einquartiert hat. Und als Wolfgang sie schließlich zum Essen ausführt und sein Ärmel im Teller hängt, weil er über den Tisch „ihre Nähe sucht“, fragt sie frech: „Über die Grissini?“ Selbst die Clownsnase, die sich Mutter und Tochter malen, als sie das neue Zimmer des Nesthäkchens mit kindlichen Motiven bepinseln und in dieser albernen Situation ihre Fehde weiter austragen, kann Lothar nichts anhaben.

Niemand setzt Lothar etwas entgegen, und so kommt Staub auf unseren Herzen nicht richtig vom Fleck, obwohl die narrative Struktur vielversprechend angelegt ist. Der Film arbeitet mit Spiegelungen und selbstreferenziellen Elementen: Da ist die Tochter, die selbst auch Mutter ist und wie ihre eigene Mutter mit der Möglichkeit des Verlusts ihres Kindes konfrontiert wird. Da ist die Mutter, „Lebensberaterin“, die wie die Doose mit psychoanalytischen Mitteln versucht, die Fäden zu ziehen. Und schließlich sind da die Casting-Situationen, in denen Schauspieler Beziehungen simulieren, die nicht funktionieren.

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In einer Schlüsselszene gehen Mutter und Tochter buchstäblich in den Nahkampf, und da hat Stremler plötzlich einen sehr guten Moment. Kathi wirkt wie die einzige Normale in dieser dekonstruierten Familie, wie eine strahlende Heldin im Zirkus der familiären Zwangsneurose. Leider kippt ihre plötzlich errungene Glaubwürdigkeit schneller wieder, als einem lieb ist. Man wird heraus aus der Erzählung, auf die man sich endlich eingelassen hatte, zurück in den Kinosessel katapultiert, und auf der Leinwand bleibt der Debütfilm, der zwar ambitioniert, aber doch zu konstruiert ist.

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