State of Play - Stand der Dinge

Ein Journalist in Cordjacke macht noch keinen cleveren Politthriller. Kevin Macdonalds Verschwörungsfilm versteht sich als Hommage an Die Unbestechlichen, setzt auf große Schlagzeilen und eine löchrige Story.

State of Play – Stand der Dinge

Russell Crowe trägt als Washington-Globe-Reporter Cord. Wie einst Robert Redford als Washington-Post-Reporter Bob Woodward in Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen (All the President’s Men, 1976), dem wohl bekanntesten Paranoiathriller der 70er Jahre. Selbst die dunkle Tiefgarage als gefährlichen Recherche-Schauplatz bringt Regisseur Macdonald als Reminiszenz unter. Crowe mimt „Old School“ Cal McAffrey, den Dinosaurier unter den Print-Journalisten. McAffreys Aufmachung ist so zerknautscht wie sein alter Saab zerbeult ist. Er schreibt auf einem vorsintflutlichen Computer und besticht Polizisten mit Kaffee, ist der Freund der kleinen Leute und der Feind der Online-Redakteure.

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Ausgerechnet mit einer Vertreterin dieses „Blut saugenden“ neumodischen Berufsstandes, der jungen Nachwuchsreporterin und passionierten Bloggerin Della Frye (Rachel McAdams), muss sich McAffrey zusammentun, um einer Politintrige nachzuspüren, in die ein alter Studienfreund von ihm verwickelt ist: Der Abgeordnete Stephen Collins (Ben Affleck) ist das Aushängeschild seiner Partei und der Vorsitzende eines Komitees, das die Ausgaben des US-Verteidigungshaushaltes regelt. Als Collins Assistentin von einem Unbekannten vor die U-Bahn gestoßen wird, gelangt seine heimliche Affäre mit ihr in die Schlagzeilen. McAffrey und Frye vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Vorsitz des Politikers und dem Tod seiner Mitarbeiterin, machen sich auf die Suche nach dem Mörder und decken dabei ein milliardenschweres Bestechungskomplott auf. Am Rande kabbelt sich das ungleiche Reporterduo à la Woodward und Bernstein in klassischer Screwball-Manier.

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Macdonalds Film basiert auf der sechsteiligen britischen TV-Serie State of Play (2003), die „Arte“ unter dem Titel Mord auf Seite eins ausgestrahlt hat. Für die Kinoadaption haben Tony Gilroy (Michael Clayton, 2007; Duplicity – Gemeinsame Geheimsache, 2009), Matthew Michael Carnahan Von Löwen und Lämmern, Lions for Lambs, 2007; Operation: Kingdom, The Kingdom, 2007) und Billy Ray (Enttarnt – Verrat auf höchster Ebene, Breach, 2007) das Drehbuch verfasst – alle drei keine Neulinge in Sachen Wirtschaftsverschwörung und Politgeklüngel. Im Gegensatz zur Fernsehvorlage, Gilroys Michael Clayton oder Rays Enttarnt interessiert sich State of Play – Stand der Dinge aber kaum für komplexe und ambivalente Figurenzeichnungen, sondern baut vorrangig und gar nicht ungeschickt auf das Vorantreiben der Geschichte mittels diverser Handlungsstränge, die unter anderem den US-Kriegseinsatz im Irak streifen. Schließlich offenbart der scheinbar abgründige und aufwendig aufgeblasene Plot aber viel heiße Luft und im Rückblick wenig Logik. Vielleicht sollten Zuschauer zehn Minuten vor Schluss das Kino verlassen. Dann würden sie allerdings den schönen nostalgischen Abspann verpassen, der den Druck einer Zeitung mit McAffreys und Fryes Reportage auf dem Titel nachstellt.

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Anders als in Pakulas Die Unbestechlichen oder David Finchers Zodiac (2007) sind die Dialoge hier größtenteils Nebensache oder verfallen in Plattitüden, die nicht immer klar erkennen lassen, ob sie ernst oder ironisch gemeint sind. Man befürchtet Ersteres. Den eigentlich sehr trockenen und gar nicht aufregenden Journalistenalltag, den Pakula und Fincher in ihren Filmen weitgehend nüchtern dargestellt haben, versuchen Macdonald und sein Kameramann Rodrigo Prieto (Babel, 2006) recht bemüht mit einer unruhigen Handkamera aufzupeppen, die in den Redaktionsräumen geschäftige Hektik verbreitet. Prietos dunkel gehaltene Außenaufnahmen Washingtons erzeugen dagegen manche gelungene Paranoia-Atmosphäre.

State of Play – Stand der Dinge

Die um Action und Unmittelbarkeit bemühte Wackelkamera kam bereits in Macdonalds packenden aber oberflächlichen Politthriller über den ugandischen Diktator Idi Amin, Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht (The Last King of Scotland, 2006), zum Einsatz. Ein Stilmittel, das auch seine mehrfach preisgekrönten Dokumentationen Ein Tag im September (One Day in September, 1999) und Touching the Void (2003) auszeichnet. Beide funktionieren wie die Spielfilme des gebürtigen Schotten ebenfalls als Thriller, der Inhalt ihrer Erzählungen wird aber mitunter durch die leicht reißerische und Emotionen schürende Art der Inszenierung getrübt.

State of Play – Stand der Dinge

Ein zweistündiger Kinofilm kann nicht mit der Vielschichtigkeit und dem Detailreichtum einer fast sechsstündigen TV-Serie mithalten. Die moralischen Grauzonen der Vorlage sind in Macdonalds Verschwörungsthriller schwarz-weißer gehalten. Seine Charaktere bestehen überwiegend aus Arche- oder Stereotypen, wobei hier besonders die weiblichen Protagonisten einseitiger oder unbedeutender abschneiden als in der Fernsehversion. Dem Zuschauer wird mehr vorgekaut und weniger zugetraut. Leider auch mehr Bedeutung vorgegaukelt als schlussendlich vorhanden ist. Was in Erinnerung bleibt ist ein sympathisch verschlumpfter Russell Crowe in Cordjacke. Die sollte eigentlich Brad Pitt überstreifen, doch dem hat angeblich das Drehbuch missfallen. Nicht dumm, der Pitt.

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Kommentare


east

Mr Crowe ist in der Rolle des Reporters 100 % glaubwürdig. Brillant gespielt. Mr Pitt hätte das niemals erreichen können, viel zu glatt und geleckt, sorry. Ein wirklich spannender und intelligenter Film, den man im Kino sehen muss und bestimmt noch eimal auf DVD erleben möchte!


Martin Z.

Dieser Krimi ist prominent besetzt u.a. mit Helen Mirren, Robin Wright Penn und Ben Affleck, spannend inszeniert und wartet mit einer optisch und logisch klar nachvollziehbaren Lösung auf. Es geht um ein düsteres Kapitel, das wir seit den Golfkriegen kennen: die enge Verbindung von Politik und Wirtschaft. Die Bush-Administration hat uns bewiesen, wie das geht, wenn Konzerne durch Staatsaufträge Milliarden verdienen, und Mitglieder der Regierung im Aufsichtsrat der Waffenlieferanten sitzen. Wenn Loyalität nur gegenüber dem eigenen Scheckbuch gilt.
Hier wird so ein Fall geschildert, der zunächst nur eine moralische Dimension hat: ein verheirateter Spitzenpolitiker hat ein Verhältnis, das überraschend zu Tode kommt. Und während sein Jugendfreund Russell Crowe - hier in für die Branche unüblicher Haartracht - als investigativer Journalist tätig ist, stößt er auf einen Sumpf von Korruption und Gewalt, von Drohung und Protektion mit Verbindungen bis in höchste Staatsämter. Die Dialoge zeugen nicht nur von großer Sachkenntnis, sondern auch von guter Menschkenntnis. Gelegentlich blitzt sogar mal ein cool formulierter Joke auf. (Whisky ist ’irischer Wein’ oder ’Ich sag’s dir nur, bevor du den nächsten Dünnpfiff im Netz absonderst.’) Das ist alles solide gemachte, gute Unterhaltung.
Und bei dem Spielstand gewinnt hier mal die freie Presse.






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