Starlet

Lost in Porn Valley. Starlet erzählt die Begegnung zweier starker Frauen im Schatten der „anderen“ Traumfabrik.

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„Glitzernde Synthesen aus Stereotypen des Lebens und der Liebe“ nannte Jean Baudrillard die Leinwandidole aus Hollywood. „Sie lassen uns nicht träumen, sie sind der Traum.“1 Der vom Showbusiness, vom großen Geld – einfach berühmt werden. Als Simulakrum wird das (Ab-)Bild vom glamourösen Leben realer als das Leben selbst, das Leben wiederum erhält kinematografische Züge.

In Sean Bakers viertem Spielfilm Starlet steht diese Ununterscheidbarkeit symbolisch für die Figur von Jane (Dree Hemingway): Eine junge Frau Anfang 20, wie aus einem Modekatalog: groß, dünn und blond. Sie schläft in Zebrabettwäsche und ihr bester Freund ist ein kleiner Chihuahua namens Starlet, den sie wie ein Kind umsorgt. Privat gibt sie sich betont natürlich, für ihren Job nennt sie sich Tess, trägt Glitzerfingernägel und eine Tonne Make-up. In einem luxuriösen Haus wohnt sie mit einem Junkie-Pärchen zusammen, das sich auf der Jagd nach ihren „15 Minuten des Ruhms“ mit Amateurpornofilmen und Drogenverkauf über Wasser hält.

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Schon Janes Wohnort ist lediglich ein Abklatsch von Hollywood: Das San Fernando Valley nordwestlich von Los Angeles. Auch „San Pornado Valley“ oder einfach „Porn Valley“ genannt, nachdem es in den 1970er Jahren als amerikanisches Zentrum der Pornofilmindustrie berühmt wurde. Doch auch im Valley atmet man die Diskrepanz aus mystischer Transfiguration und schweißtreibender Arbeit vor der Kamera. Nebenbei wird L.A. ausgiebig als der Stadt gefrönt, in der Fortbewegung ausschließlich mit eigenem Fahrzeug möglich ist. Unermüdlich cruised Jane in ihrem schicken Flitzer zu Gangsterrap und Techno durch die Straßen.

Baker inszeniert Janes Leben zu Beginn von Starlet selbstreflexiv als Klischee einer MTV-Reality Soap wie zum Beispiel The Real World. Szenen wirken in ihrer Skurrilität gestellt, die dramatischen Augenblicke bewusst forciert. Ihre Freundin Melissa (Stella Maeve) erscheint mit ihren völlig überdrehten und schlecht gespielten Gefühlsausbrüchen direkt dieser gemachten TV-Welt zu entstammen, die Realitäten propagiert.

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Ein Hauch von Artifizialität durchweht den Film. Beide Mädchen laufen stets lasziv und leicht bekleidet durchs Haus, schreien sich hysterisch an oder sind die besten Freundinnen. Die Kamera suggeriert uns das Chaos als Collage in aneinandergereihten, kurzen Einstellungen von Nahaufnahmen mit wackeligen Bildern und Zeitsprüngen. Der Gelbfilter von Hollywoods Wohlfühlkomödien wird hier bis zur Künstlichkeit gesteigert. Das eigentlich natürliche, hell-strahlende Sonnenlicht generiert eine Überbelichtung der Außenaufnahmen, die das Valley zur leuchtenden Fassade stilisiert.

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Dann trifft Jane auf die mürrische, über 80-jährige Sadie (Besedka Johnson). Ihr kauft sie bei einem Vorgartenflohmarkt eine Thermoskanne ab, in der sich versteckt 10.000 Dollar in bar befinden, die Jane sogleich in 100-Dollar-Scheinen für Klamotten und Glitzer-Accessoires nur so zum Fenster hinauswirft. Weniger aus schlechtem Gewissen als angetrieben von der Suche nach Zuneigung provoziert sie daraufhin fast täglich zufällige Begegnungen mit der Alten. Ohne nachzugeben folgt sie der zurückweisenden Sadie für den wöchentlichen Einkauf in den Supermarkt und schickt ihr Taxi weg, um ihr selbst eine Fahrt nach Hause anbieten zu können.

Neben einigen kommunikativen Anfangsschwierigkeiten fühlen sich die beiden in der Einsamkeit verbunden, die ihr Leben gleichsam umgibt. Die Zeit mit Sadie wird für Jane zur Ruhephase. Formal wird uns diese Stabilität im Laufe des Films in immer längeren und weitwinkligeren Einstellungen verdeutlicht. Ein Kontrast entsteht durch das Hin- und Herspringen zwischen Janes beiden Lebenswelten. Der Senioren-Club, in dem Sadie samstags Bingo spielt und Janes Arbeit auf einer Pornomesse als „Orte des Vergnügens“ stehen sinnbildlich dafür.

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Langsam bauen die beiden eine immer persönlichere Beziehung zueinander auf. Die letzte Reise soll sie nach Paris führen. Sadies langersehnter Traum. Doch als Jane sie fragt, was sie denn an Paris so liebe, kann Sadie nur in (Touristen-)Stereotypen antworten: „The Arc de Triomphe, the Champs-Élysées, Petit Palais, I love it all.“ Was sie vor Augen hat, ist nichts anderes als die klischeehafte Wunschprojektion der Stadt Paris. Vorstellung und Wirklichkeit des Porn Valley treffen in Starlet aufeinander. Im Leben von Jane wird die verklärte Scheinwelt teilweise ihrer Magie enthoben und das wahre Leben nimmt dramatische Züge an.

1 Jean Baudrillard - „Jenseits von Wahr oder Falsch oder die Hinterlist des Bildes“ (1986)

Trailer zu „Starlet“


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Kommentare


Flow

Eine Filmrezension sollte immer begründet wertende Bestandteile haben - aus meiner Sicht eine Pflicht des Kritikers.
Dieser Rezension kann ich nicht entnehmen, ob ich es mit einem (teilweise/in bestimmten Aspekten) gelungenen Film zu tun habe (wohlgemerkt: aus Sicht des Kritikers). Enttäuschend!


Frédéric

@Flow: Ich lese das aus der Kritik heraus, brauche dafür auch keine expliziten Adjektive. Aber natürlich stimmt es, dass hier mehr beschrieben als bewertet wird. Ich für meinen Part messe Bewertungen in Kritiken auch nicht so viel Bedeutung zu, weil die Beschreibungen mir klarer vermitteln, ob ich selbst etwas mit dem Film anfangen könnte oder nicht. In dem Fall hab ich "Starlet" bereits vorher gesehen und kann nur sagen, dass die Autorin den Film sehr gut getroffen hat.






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