La tête haute

Wie großzügig der französische Sozialstaat ist, und wie gut es Catherine Deneuve mit einem jungen „Delinquenten“ meint.

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Sollte der Junge nicht dankbar sein für all die Leute, die der französische Staat auf ihn ansetzt? Weil seine Mutter völlig mit ihm überfordert ist, kriegt Malony (Rod Paradot) die volle Dröhnung: eine bemühte Familienrichterin (Catherine Deneuve), liebevolle Sozialhelfer, faire Betreuer. Einer dieser Ersatzväter, Yann (Benoît Magimel), legt sich besonders ins Zeug. Etappe für Etappe muss sich Malony bewähren, soll Schreiben lernen, um wieder auf die Schule gehen zu dürfen, vor allem aber Kontrolle über sich und seine Affekte gewinnen. Auf jede kleine Besserung, jeden unterdrückten Gewaltausbruch folgt der Rückschlag. Es geht um Ordnung. Um Prüfen und Strafen, mit Augenmaß. Um das Projekt einer Gesellschaft, die sich um alle kümmern sollte, die sich nicht um sich selbst sorgen können, und um jene, die für sich selbst oder andere zur Gefahr werden. La tête haute (internationaler Titel: Standing Tall) beginnt, da ist Malony gerade einmal sechs Jahre alt, und endet, da steht er kurz vor der Volljährigkeit. Der Film rechnet auf: Was ist es uns wert, diesem Jungen zu helfen? Und kann der Staat das überhaupt.

Schreibtische wütend schubsen

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Abkürzungen folgen auf Abkürzungen, Malony stehen zwar Menschen zur Seite, aber immer auch ein System, das sich aus kryptischen Buchstabenfolgen wie JDC zusammenzusetzen scheint. Die Macht des Schreibtisches muss für einen ungebildeten, vernachlässigten Jungen unendlich und unerreichbar scheinen. Sein Widerstand in den kleinen geschlossenen Räumen, in denen er meist Frauen hinter solchen Schreibtischen gegenübersitzt, ist verständlich. In der Theorie, denn praktisch nachvollziehbar wird wenig in La tête haute. Die Perspektive ist eine recht distanzierte. Als wäre die Protokollführerin, die bei der Richterin im Büro still, aufmerksam und emotionslos beobachtend in der Ecke sitzt, das Ideal, das sich Emmanuelle Bercot für den eigenen Blick gegeben hätte. Für eine solche eher soziologische denn humanistische Empathie ohne Parteinahme muss gleich zwei Mal das abgedroschene Stück „Spiegel im Spiegel“ von Arvo Pärt herhalten. Für eine melancholisch anteilnehmende Grundstimmung ohne Hoffnung auf Katharsis eignet es sich aber auch fraglos gut.

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Schreibtische werden wütend geschubst und Papiere darauf mit Wucht runtergefegt, als sei dadurch etwas Systemisches zu visualisieren. Es sind zwei Stunden ritualisierter Wiederholungen: der zum Täter werdende Junge gegen die Schreibtischtäter. Nur ist das, was Emmanuelle Bercot will, dann eben nicht in den Gegenständen zu finden und leider auch nicht in den Orten, den Heimen, dem Gefängnis, dem Gericht, den Wohnungen. Als müsste von allem allzu Realistischen abstrahiert werden, um zu einem Wesenszug des Sozialen vorzudringen, legt Bercot die Großaufnahme ins Zentrum ihrer narrativen Konstellation. Während die Story in einer Aneinanderreihung exemplarischer Szenen wie am Schnürchen durcherzählt wird, dürfen die Schauspieler auch mal ein bisschen exaltierter auftreten. Vielleicht um der ansonsten grassierenden Statik etwas entgegenzusetzen, kommt vor allem Sara Forestier die Rolle zu, als Eindringling in die sich verstetigende Beziehung zwischen Kind und Staat reinzugrätschen. Mit kaputten Zähnen und aufgequollenen Lippen spielt sie die Kehrseite ihrer umwerfenden Rolle aus Abdellatif Kechiches’ L’esquive, wo sie mit ihrem Spaß an Literatur und Theater einen Ausweg aus der armen Vorstadt zeigen konnte. Bei Bercot gibt es solche Fluchtlinien nicht.

Was das den Steuerzahler kostet

Standing Tall 03

Obwohl die vielen Settings etwas erzählen könnten über Konditionierungen, Perspektiven und Verhinderungen, sucht Bercot offenbar keine Antworten. Sie guckt lieber in die Gesichter, und wir sehen da vor allem sich abrackernde, traurige Schauspieler. Catherine Deneuve meint es gut, das wird sichtbar, sie schlüpft aber kaum einmal in ihre Rolle hinein. Vielleicht ist ihre Aufgabe aber ohnehin, Catherine Deneuve zu spielen. Weil das meiste im Modus der Zurückhaltung gestaltet ist, werden der Film und die aufgeworfenen Fragen kaum greifbar. Dass Malony etwa ein Mädchen kennenlernt, Tess (Diane Rouxel), das ihm mit kurzgeschorenen Haaren zum Verwechseln ähnlich sieht, öffnet einen Handlungsstrang, den Bercot auch durchaus auserzählt, ohne aber das konkrete emotionale oder psychologische Potenzial einer solchen Beziehung ausschöpfen zu wollen. Davon profitiert La tête haute, weil der Film weitgehend angenehm unaufdringlich bleibt und sich als offenes Werk positioniert. Das kann positiv verstanden werden, als Angebot. Es kann aber auch als mangelndes Bewusstsein für die Tragweite des eigenen Projekts gedeutet werden. Narrativ vereindeutigt Bercot gegen Ende nämlich durchaus das Vorhaben des Sozialstaats als notwendige und hoffnungsvolle Aufgabe. Die Teile, die immer wieder in die andere Richtung zu zeigen scheinen, bleiben aber und spitzen sich sogar zu. Es ist so unschuldig nicht, den „Delinquenten“ zu zeigen, wie er für ein besseres körperliches Selbstbewusstsein im Heim massiert wird und er im gleichen Kontext einem Neuankömmling erklärt, er koste dem Steuerzahler 800 Euro am Tag.

Trailer zu „La tête haute“


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