Standard Operating Procedure

Mit Standard Operating Procedure, dem herausragenden Film im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb, setzt Errol Morris wieder einen neuen Standard.

Standard Operating Procedure

Die Frage, was Krieg aus Menschen macht, ist eine moderne. Weder die Griechen noch die Römer kommen in ihren historischen Schlachtengesängen auf den Gedanken, Moralphilosophie zu betreiben. Von der Kunst des Krieges spricht Sunzi. The Art of War – so heißt ein Actionfilm mit Wesley Snipes, in dem gefühlt auch Steven Seagal auftauchen könnte. Ebenfalls die Kunst des Tötens beherrscht John Rambo, der sich dieser Tage auf unseren Leinwänden durch Birma tötet, als seien die Achtziger nie vergangen.
Krieg, das heißt im Kino oft Aktion. Als Affektspektakel à la Normandielandung bei Steven Spielbergs Saving Private Ryan oder in erschreckendem Wechsel mit Bildern der Kontemplation bei Terrence Malick.

Vielleicht ist Standard Operating Procedure tatsächlich The Thin Red Line (1998) am nächsten. Wo dort poetisch-philosophisch überhöhte, emphatisch-pathetische Voice-Over-Monologe über den Sinn des Lebens, den Ursprung des Krieges und den dunklen Kern des Bösen sinnieren, stehen in Errol Morris´ Dokumentarfilm Monologe von Tätern als Reflexionsfläche.
„The Centre of Investigation in Iraq“ nennt einer dieser Soldaten das Gefängnis, das eher einem Gefangenenlager gleicht, von Abu Ghraib. Jene Investigationen, die Befragungen irakischer Verdächtiger, arteten auf verstörende Weise aus. Festgehalten all das auf pornografisch anmutenden Bildern, die um die Welt gingen. Was sagen die Fotografien und Videoaufnahmen eigentlich aus, von welchen Zuständen berichten sie und von welchen nicht? Oder, anders, juristischer gefragt, welche Maßnahmen entsprechen einer Standard Operating Procedure, und welche nicht?

Standard Operating Procedure

Eine eindeutige Antwort darauf findet der Film mit der Stimme eines Militärermittlers. Der spricht mit denselben Floskeln wie die Soldaten, die seine Untersuchungen ins Gefängnis gebracht haben. Dies ist eine Ebene der Reflexion, die Standard Operating Procedure anstimmt: Wie ist das Verhältnis von Primär- und Sekundärmedien zueinander?
Das Bilderreservoir, aus dem die Soldaten schöpfen, bedient sich zum einen pornografischer Vorbilder, setzt aber auch religiöse und kulturhistorische Kontextualisierungen voraus. Die Einordnung der eigenen Situation bemüht Floskeln literarischer und filmischer Genres.

Zunächst verstört den Zuschauer die vermeintliche Nähe zu den Bildern, die durch ihre Bekanntheit evoziert wird. Was der Film dann jedoch erzielt, ist eine Überforderung, die mit der Überfrachtung zusammenhängt. Nach einer halben Stunde meint man, alle Motive gesehen zu haben, doch mit einer quälenden Redundanz erscheinen immer neue Variationen. Erst während des Filmverlaufs bildet sich beim Betrachter prozesshaft eine Ahnung davon, mit welcher Obsession hier massenhaft Folterungen und Demütigungen fotografisch festgehalten wurden.
Zynisch an dieser Anordnung ist die Erkenntnis, dass Abu Ghraib – heute im allgemeinen Sprachgebrauch genauso synonym für Menschenrechtsverletzung wie Guantanamo Bay – ohne diese Fixierung der niederrangigen Militärs aufs Bildhafte niemals Aufmerksamkeit erregt hätte. Die privaten Souvenirs der Soldatinnen und Soldaten wurden zu Beweismaterial. Ihre Dummheit – und dies kommt mehrmals zum Ausdruck – lag nicht in ihren Handlungen, sondern in der fixen Idee, diese aufzuzeichnen.

Standard Operating Procedure

Aber Morris´ Film geht weit über diese Bestandsaufnahme hinaus. Seine Faszination machen vor allem zwei investigative Momente aus: Zum einen kontrastiert er die Interviews der Soldaten mit den Fotos ihrer Taten, zum anderen fragt er nach der Logik ihrer Handlungen innerhalb der militärischen Hierarchie.
Der Grad menschlicher Abgestumpftheit der Täter wird nur übertroffen von ihrer eigenen Unschuldsfantasie. Als Opfer eines Systems sehen sie sich alle. Dass sie, trotz allen Wahnsinns, darin nicht ganz falsch liegen, deckt Standard Operating Procedure ebenfalls auf.
Einen seiner schrecklichsten Momente liefert der Film bei der Beschreibung eines Verhörs. Ein Iraki sollte noch befragt werden, als er schon längst zu Tode gefoltert war. Nur durch Zufall wurde sein Ableben festgestellt. Dieses barbarische Verbrechen wurde nie aufgeklärt, die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen. Auch hier gibt es Bilder vom Opfer – nur waren die Täter nicht so dämlich, sich ebenfalls ablichten zu lassen. In diesem Fall handelte es sich nicht um Militärs, sondern um Geheimdienstler, die, so bestätigen diverse Aussagen Interviewter, genauso unkontrolliert ein- und auscheckten wie die Namens- und Rechtslosen, die Opfer ihrer Willkür wurden.

Die Perfidität der gezeigten Vorgänge manifestiert sich in der Feststellung eines Verhörexperten, die gesamten dokumentierten Aktionen seien, völlig abgesehen von Rechtmäßigkeit oder Rechtsbruch, im Sinne ihrer Vorgabe völlig unproduktiv gewesen. Neben aller aufgedeckten moralischen Verkommenheit entpuppt sich Abu Ghraib ausgerechnet militärtaktisch als Desaster. Alles Foltern und Demütigen führte eben nicht zur Akkumulation verwertbarer Informationen. Hinweise zur Ergreifung Saddam Husseins wurden nicht gesammelt.
Weiter als in seinen bisherigen Werken entwickelt Morris in Standard Operating Procedure neben den unvergleichlichen Interviews, die in der endgültigen Schnittfassung fast ohne seine Stimme auskommen, eine ganz eigene Bildsprache. Dabei vermengen sich assoziative Aufnahmen mit Sequenzen, die sich dem Re-Enactment nähern, ohne jemals szenenhaft zu werden. So setzt der Regisseur dem Grauen der Bilder, die von Stumpfsinn geprägt sind und Abscheu provozieren, Aufnahmen von formvollendeter Schönheit entgegen. Was dem Film in seiner Komplexität nicht nur ein weiteres irritierendes Moment verleiht, sondern ihn auch vom konkreten Gegenstand ablöst und eben wie bei Malick einen Raum der Meditation und Kontemplation schafft.
Trotz all dieser Reflexionsebenen ist es unmöglich, Standard Operating Procedure ein intellektuelles Vergnügen zu nennen. Seine Stärke liegt nämlich ganz woanders: Lange gab es keinen so schwer zu ertragenden Film mehr.

Trailer zu „Standard Operating Procedure“


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