The City of the Dead

Ein britischer Horrorfilm mit Christopher Lee, der sich alle Mühe gibt, seine Britischsein zu verbergen – und dabei so geistesgegenwärtig ist, sich gleich bei zwei zukünftigen Klassikern aus demselben Jahr zu bedienen.

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Unter dem Jubel der Dorfbewohner wird eine junge Frau als Hexe verurteilt und ohne langes Federlesen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihre Angst vor dem Tod weicht schnell dem Zorn, der sie einen Fluch aussprechen lässt, bevor sie von den Flammen verzehrt wird. Ihr Heimatort, das neuenglische Dörfchen Whitewood, solle auch in Zukunft unter der satanischen Hexenplage leiden. Die Einwohner sind entsetzt: Mit einer solch boshaften Reaktion hatten sie offensichtlich nicht gerechnet. Nur ein anderer Satansjünger in der Schar der Schaulustigen frohlockt ob der sich abzeichnenden Möglichkeiten ...

Der Anfang von John Llewellyn Moxeys The City of the Dead (1960) erinnert den kundigen Betrachter sofort an Mario Bavas einflussreichen Gothic-Klassiker Die Stunde, wenn Dracula kommt (La maschera del demonio, 1960) aus demselben Jahr, bei dem ja auch eine junge Frau brutal als Hexe hingerichtet wird. Beide Filme teilen aber nicht nur das kontrastreiche Schwarzweiß und die Vorliebe für wattig wabernde Nebelschwaden, sondern auch den sich an den Prolog anschließenden Sprung in der Zeit, der in Moxeys Film aber bis in die Gegenwart reicht. Die junge Studentin Nan Barlow (Venetia Stevenson) reist auf Anraten ihres Dozenten Alan Driscoll (Christopher Lee) nach Whitewood, um dort für ihre Arbeit zum Thema „Hexenzauber“ zu recherchieren. In dem gottverlassenen Ort angekommen, quartiert sie sich im Hotel von Mrs. Newless (Patricia Jessel) ein, die der Zuschauer gleich als Nachfahrin der Vorspann-Hexe Elizabeth Selwyn identifiziert und bereits ahnt, welches Schicksal der Protagonistin blüht. Es ist dann am Ende an den Männern, ihrem Bruder Richard (Dennis Lotis) und ihrem Liebhaber Bill (Tom Naylor), sie zu finden und den Hexenfluch zu brechen.

Psycho ohne Duschmord, dafür mit Hexen

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Der heutige Zuschauer muss sich zunächst einmal damit arrangieren, dass die akademische Auseinandersetzung mit Hexenglauben und -verfolgung in The City of the Dead nicht vor dem Hintergrund von Psychologie und Politik stattfindet, sondern von Okkultismus. Driscolls größte Rivalen sind nicht etwa religiöse Fanatiker, sondern im Gegenteil Rationalisten, die schwarze Magie für Hokuspokus halten. Auch Nan reist mit der ausdrücklichen Intention nach Whitewood, Spuren der damaligen Hexerei zu finden. Das ist zumindest eine seltsame Drehbuchentscheidung: Während andere Filme den Konflikt zwischen einer rationalistischen und einer „magischen“ Weltanschauung zu ihrem Thema machen, wird die eine Perspektive hier gleich zu Beginn zugunsten der anderen ins Unrecht gesetzt. Die Skeptiker, allen voran der tumbe Bill, aber auch der arrogante Richard, disqualifizieren sich mit der spöttischen Arroganz, mit der sie Driscoll begegnen. Doch anstatt sie einem echten Kulturschock auszusetzen, ihr in Stein gemeißeltes Weltbild durch Konfrontation mit dem Unbegreiflichen einstürzen zu lassen, treten die beiden bis zum letzten Akt des Films zugunsten der „gläubigen“ Nan in den Hintergrund. Wenn sie im Finale doch noch mit dem schwarzmagischen Treiben konfrontiert werden, sind sie bereits darauf vorbereitet.

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The City of the Dead ist durch und durch britisch, aber er gibt sich die allergrößte Mühe, seine Herkunft zu verbergen: Die Geschichte spielt in Neuengland, das wohlartikulierte Oxford-Englisch eines Peter Cushing sucht man ebenso vergebens wie die gewohnten Gesichter altehrwürdiger britischer Theatermimen. Mit Ausnahme von Christopher Lee natürlich, der so etwas wie der Star des Films ist, wenngleich er eigentlich eher einen ausgedehnten Gastauftritt absolviert. Das staubige Technicolor und die ausladenden Studiosettings der Hammer-Filme weichen einem scharfkantigen Schwarzweiß und einer eher klaustrophobischen Anmutung; den größten narrativen Kniff entlehnt Moxey nicht Terence Fisher, sondern Hitchcocks Psycho (1960): Nach circa der Hälfte des Films muss man sich als Zuschauer von der Protagonistin verabschieden und darauf hoffen, dass sie von den männlichen Helden noch lebend geborgen werden kann.

Probleme mit dem Kreuz

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Leider ist das auch der Moment, in dem The City of the Dead vom effektiven, stimmungsvollen und atmosphärischen Grusler zum etwas stromlinienförmig-schnöden Detektivfilm wird. Waren vorher selbstständige Frauen die Hauptfiguren – Nan und Mrs. Newless –, rücken nun, wie erwähnt, Richard und Bill in den Fokus, und das auch noch auf Zuruf der ebenso hilf- wie ratlosen Patricia (Betta St. John). Die beiden sind langweilig, ihre Konfrontation mit dem Hexenkult birgt keine Fallhöhe mehr: Zu sehr haben sie sich schon mit dem Gedanken arrangiert, dass sie mit ihrer Skepsis falsch gelegen haben könnten. Ihre Suche nach Hinweisen auf den Verbleib der Vermissten ist nur bedingt aufregend. Viel lieber würde man doch mehr über den Hexenkult erfahren, die dunklen Bräuche hinter den verborgenen Türen. Wie das hätte aussehen können, zeigt der Showdown, der dann doch versöhnlich stimmt und das visuelle Versprechen einlöst, das Moxey in der Exposition mit den Bildern des von der Zeit vergessenen Ortes Whitewood gegeben hatte. Wie die vermummten Teufelsanbeter da von feurigen Blitzen aus einem riesigen Kruzifix in die ewigen Jagdgründe geschickt werden, ist zwar tricktechnisch etwas albern, aber das Bild brennt sich dann doch als bemerkenswert fremdartig ein. Ein starkes Ende eines nicht perfekten, aber doch recht sehenswerten kleinen Horrorfilms.

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Moxey, damals gerade 35, drehte danach nur noch selten Kinofilme, war dafür aber überaus produktiv fürs Fernsehen. In seiner 101 Titel umfassenden Filmografie finden sich Dutzende von Fernsehspielen und Serienepisoden, unter anderem für solche Klassiker wie Kobra, übernehmen Sie (Mission: Impossible, 1966–73), Mannix (1967–75), Kung Fu (1972–75), Magnum (Magnum, p.i., 1980–88) und Mord ist ihr Hobby (Murder, She Wrote, 1984–96). Glaubt man der IMDb, ist der gute Mann heute noch am Leben und mittlerweile 90 Jahre alt. Das eben erschienene Mediabook zu The City of the Dead ist eine schöne Ehrung.

Trailer zu „The City of the Dead“


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