Stadt als Beute

Drei Regisseurinnen inszenieren René Polleschs Theaterstück Stadt als Beute. Ihnen gelingt ein faszinierendes Porträt Berlins und eine Einführung in die Arbeit eines der interessantesten gegenwärtigen Regisseure und Autoren.

Stadt als Beute

Leseprobe im Prater, dem Nebenspielplatz der Berliner Volksbühne: Regisseur René Pollesch und seine Schauspieler warten, auf Marlon (Richard Kropf), der an seinem ersten Tag etwas zu spät kommt, und Ohboy (David Scheller), der noch später auftaucht. Inga Busch, von Pollesch gerne in seinen Inszenierungen der eigenen Stücke besetzt, spielt Lizzy, eine der wartenden Darstellerinnen. Marlon, Lizzy und Ohboy sind die Protagonisten in diesem Reigen um die Kunst des Überlebens in der deutschen Hauptstadt, der gleichzeitig Einführung ist in das Theaterschaffen eines der interessantesten gegenwärtigen Regisseure und Autoren.

Die anfängliche Szene bildet ein Bindeglied zwischen den drei Episoden, die die Regisseurinnen Irene von Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn über Marlon, Lizzy und Ohboy gedreht haben. Am Ende jeder Episode wird wieder alles auf Anfang gestellt und die Probe aus der Perspektive eines anderen gezeigt. Marlon, der naiv-gute Jungschauspieler, findet keinen Zugang zu seinem Text. Die Regieassistentin denkt bereits an Umbesetzung. Pollesch gibt ihm einen Tag Zeit, aber anstatt seinen Text durchzugehen, muss sich Marlon auf die Suche nach dem Kind seiner Mitbewohnerin begeben und gerät dabei an allerlei Egozentriker. Miriam Dehne begleitet Lizzy, die von Glanz und Glamour, Starsein und roten Teppichen träumt. Aber auf dem Weg zur Filmpremiere landet sie im Rotlichtnachtclub, wo sie auf die junge Pornoaktrice Babe (Julia Hummer) und Julian (Stipe Erceg) trifft, die sie ver- und vorführen. Esther Groneborns Episode zeigt schließlich Ohboy, der als einziger nichtprofessioneller Schauspieler an Versagensangst leidet, auf seinem Weg durch Berlin. Auf der Suche nach Sinn in Polleschs irritierenden Dialogen begegnet der Sozialhilfeempfänger den alltäglichen Großstadtverrückten: eine dicke, penetrante Frau, die in ihm Ähnlichkeit mit Iggy Pop erkennen will oder eine alte Dame, die behauptet, gar nicht da zu sein.

René Pollesch ist seit der Spielzeit 2001/2002 künstlerischer Leiter des Praters der Berliner Volksbühne unter dem Intendanten Frank Castorf. Seine Stücke, die er fast immer auch selber inszeniert, sind komplex und unverwechselbar, eine faszinierende Mischung aus Theoriediskurs und Seifenoper-Strukturen, die bewusst brechen mit Publikumsgewohnheiten. Die Terminologie wissenschaftlicher Abhandlungen bringt er geschickt in Verbindung mit der Banalität von TV-Erzeugnissen aller Art, die er bis zur Groteske überhöht. Für seine Arbeit erhielt René Pollesch unter anderem 2001 den Mülheimer Dramatikerpreis und wurde 2002 in der Umfrage der Theaterzeitschrift „Theater heute“ für seine Prater-Trilogie – Polleschs Stücke sind oft ebenfalls nur Episoden, Teile einer Reihe – zum „Autor des Jahres“ gewählt.

Die drei Regisseurinnen von Stadt als Beute nutzen Polleschs Texte als Grundlage für ihren Film. „Wir konnten einzelne Sätze aus dem Zusammenhang nehmen und von verschiedenen Seiten beleuchten.“ erklärt Irene von Alberti. Seine Diskurssprache übernehmen sie nicht vollständig. Sie taucht bewusst nur während der Theaterproben auf und als Gedanken aus dem Off, um den Bezug zwischen Handlung und Theatertext herzustellen. Von Alberti, Dehne und Gronenborn gehen dem Auftrag nach, den Pollesch zu Beginn seinem Ensemble gibt, nämlich herauszufinden, was sein Text überhaupt mit ihnen, den Schauspielern, zu tun hat.

Stadt als Beute

Die Streifzüge durch den Moloch Berlin werden hier zur berauschenden Großstadtcollage: Hypnotische Performances in dunklen Kellern, exzentrische Nachtschwärmer, das sterile Sonycenter und die heruntergekommene Potsdamer Straße, die Frau hinter der Theke der Billig-Kneipe und Ohboys Bad im Brunnen des Sony-Centers. Dabei bedienen sich die Regisseurinnen der Videoclip-Ästhetik und machen mit ihrer Hilfe die unheimliche, nie zur Ruhe kommende Dynamik und gleichzeitig die Kälte und Unpersönlichkeit der Stadt offenbar. Es ist die Kombination zwischen den schnellen, kaum fassbaren Momenten und den Augenblicken der Ruhe: Marlons rasender Trip durch Berliner Straßen und dann plötzlich die Ruhe des Morgengrauens, das einsame Aufwachen im fremden Auto; Lizzys Enttäuschung nach der durchzechten Nacht, als sie versteht, dass sie für Babe und Julian nur Kunde war, die Gefühle nur vorgetäuscht; dieser furchtbare Augenblick, in dem sie beginnt den Text René Polleschs zu verstehen, ihn in der Einsamkeit des leeren und abgedunkelten Probenraums für sich nutzbar zu machen.

Irene von Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn haben mit Stadt als Beute einen faszinierenden Film gedreht, an dessen cooler Ästhetik man sich berauschen kann, der einen zur selben Zeit verstört, unterhält und zum Nachdenken anregt.

Kommentare


Julia Schubert

Liebe Redaktion, liebe Leser,
bitte erlauben Sie uns an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es den Film "Stadt als Beute" nicht nur auf DVD bei Amazon zu kaufen gibt,wie oben angegeben, sondern auch direkt auf der VoD-Seite des Verleihs Filmgalerie 451 als (legalen!) Download für 6,90€.
--> http://451.onlinefilm.org/en_EN/film/49457

Viele Grüße vom onlinefilm.org Team!






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