Staatsdiener

Kann man als Polizist ein menschliches Antlitz bewahren? Die angehenden Ordnungshüter aus Marie Wilkes Dokumentarfilm stellen sich dem Praxistest.

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Polizisten zählen nicht gerade zu den beliebtesten Berufsgruppen. Um eine gewisse Abneigung gegen sie zu haben, muss man nicht erst zur extremen Linken oder Rechten gehören, wo die Ordnungshüter schon deshalb verpönt sind, weil sie ein nicht anerkanntes System repräsentieren. Man kann auch ethnische Minderheiten fragen, die immer noch gerne unter Generalverdacht stehen, oder einfach den Großteil der restlichen Bevölkerung, der die Polizei als einen Haufen von Spielverderbern und Paragrafenreitern wahrnimmt. Mit Staatsdiener hat die Regisseurin Marie Wilke nun einen Dokumentarfilm gedreht, der sich unter anderem der Frage widmet, wie eine bessere Polizei aussehen könnte. Ein Jahr lang hat Wilke eine Gruppe von Polizeischülern in Sachsen-Anhalt begleitet, sie bei der Ausbildung beobachtet, aber auch bei ihren ersten praktischen Erfahrungen in der Wirklichkeit. Dort müssen sie sich dann mit Gottes vergessenen Kindern herumplagen, mit Alkoholikern, Ex-Knastis und Rechtsextremen, die zwar liebebedürftig sein können, oft aber auch einfach nur grob und unberechenbar. Besonders für eine burschikose junge Frau, die noch an die Wirkung beruhigender Worte glaubt, ist das keine schöne Erfahrung.

Noch ist Kichern erlaubt

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Die Rolle der Polizeischüler ist für den Film eine Chance, die er auch zu nutzen weiß. Es handelt sich bei ihnen weder um routinierte Ordnungshüter noch um einfache Zivilisten, sondern um Zwitterwesen, die sich in ihren moralischen Wertvorstellungen noch nicht festgelegt haben. In Wiseman’scher Manier machen sich Wilke und ihr Team unsichtbar, setzen nicht auf Interviews, sondern auf beiläufig wirkende Beobachtungen. Wenn sich die Polizeianwärter miteinander unterhalten, zeichnet sich noch ein bewundernswerter Idealismus ab. Als über die Bedeutung einer öffentlichen Dienstnummer diskutiert wird, zeigt sich, dass sie auch selbst schon schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben. Unfair wollen sie nicht werden, aber ob sie das in einem Jahr noch genauso sehen, da sind sie sich nicht so sicher. Der Berufsalltag ist zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt. Die Simulationen von Gefahrensituationen wirken zwangsläufig ein bisschen albern und die auswendig gelernten Standardsätze kommen ihnen nur holprig über die Lippen. Die Unsicherheit und Hilflosigkeit ist den Schülern deutlich anzusehen. Doch noch befinden wir uns auf einem Spielfeld, auf dem Kichern erlaubt ist.

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Das visuelle Konzept von Staatsdiener ist eng mit den beiden Welten verzahnt, von denen er erzählt. Zunächst herrscht formale Strenge; meist längere statische Einstellungen, die bewusst machen, dass sich hier zwar noch alles kontrollieren lässt, wir es aber auch nur mit einer Generalprobe zu tun haben. Gesichter sind zwar wiederzuerkennen, aber zunächst geht es weniger um Einzelpersonen als um einen Polizeikörper, der noch in der Pubertät steckt. Einmal sieht man, wie sich ein amorphes Gebilde aus Schutzschildern über den Hof schiebt, wie ein Monster der Staatsgewalt, das jedoch mehr damit beschäftigt ist, sich zu verteidigen, als anzugreifen. Immer wieder rückt Wilke die Verletzlichkeit eines Berufsstandes ins Zentrum der Aufmerksamkeit, der genau das nicht sein darf.

Ständig in der Schwebe

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Sobald sich die jungen Polizisten in der realen Welt behaupten müssen – etwa Hooligans wie eine Viehherde zusammentreiben oder eine ziemlich unfassbare Demonstration von besorgten Dorfbewohnern betreuen, die gegen Sexualstraftäter mobilmachen –, fällt auch die Orientierung schwerer. Die Kamera ist beweglicher, weniger konzentriert und schwenkt manchmal auch nur auf den Boden, um die Identität nächtlicher Ruhestörer zu wahren. Hier schälen sich nun vor allem zwei Figuren heraus: die bereits erwähnte junge Frau, die Schwierigkeiten hat, sich durchzusetzen, sowie ein Mann mit osteuropäischem Migrationshintergrund, der plötzlich einen Staat vertritt, in dem er noch gar nicht so lange wohnt. Obwohl beide Figuren sehr interessant sind, erzählt Wilke nur sehr erratisch von ihnen. Das ist auch ein bisschen die Schwäche des Films. Immer wieder schweift sein Blick zwischen dem Polizeiapparat, seinen Vertretern und den Störenfrieden hin und her, ohne einen Schwerpunkt setzen zu wollen. Manchmal wirkt das wie eine vertane Gelegenheit. Staatsdiener befindet sich oft in der Schwebe, ohne dass sich aus diesen Zustand etwas Produktives ergeben würde.

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Was man als mangelnde Zuspitzung kritisieren kann, ist manchmal aber auch die Möglichkeit, eine gewisse Ambivalenz zu wahren. Indem man als Zuschauer die Schwächen und Ängste der Figuren in Beratungsgesprächen kennenlernt, schlägt man sich automatisch auf ihre Seite. Weil sie aber eben nicht nur Individuen sind, sondern auch Repräsentanten der Polizei, kann so etwas leicht problematisch werden. Aus diesem Grund versucht Wilke immer wieder, auf Distanz zu gehen, Nahaufnahmen der Gesichter zu vermeiden und den Blick vom Menschen auf die Institution zu verlagern. Dass die Frage, wie gut die Figuren letztlich ihren Idealismus verteidigen können, unbeantwortet bleibt, erscheint denn auch fast schon wie eine Notwendigkeit, um sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Wer herausfinden will, wie viele Beamte ihr menschliches Antlitz bewahren können, muss dann wohl auf die nächste Polizeikontrolle warten.

Trailer zu „Staatsdiener“


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