Spy - Susan Cooper undercover – Kritik

Brautalarm-Regisseur Paul Feig schickt Melissa McCarthy in den Spionageeinsatz. Seine wüste Agentenfilm-Parodie quillt über vor sexistischen Witzen, erzählt im Kern aber eine Sexismus-kritische Emanzipationsgeschichte.

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Viele aktuelle Komödien leben von der übertriebenen Darstellung von Gender-Klischees. Kein Regisseur zielt aber derzeit so treffsicher zwischen die Beine seiner Figuren wie der Amerikaner Paul Feig. Systematisch entwickelt er seine Gags aus bissigen Angriffen auf das, was wir für typisch „männlich“ oder „weiblich“ halten. So ist seine Romantic Comedy Brautalarm (Bridesmaids, 2011) eine prägnante Persiflage auf heteronormative Hochzeitsrituale, in der ein wahnwitziger Brautjungfern-Wettstreit die Protagonistinnen in ein derbes Gehabe treibt, wie man es im US-Kino bis dahin nur von Männern kannte. In dem Buddy Movie Taffe Mädels (The Heat, 2013) überträgt Feig den Genre-üblichen Chauvinismus auf die Frauenperspektive und lässt seine beiden Hauptfiguren, zwei ungleiche Polizistinnen, dermaßen brachial gegen das andere Geschlecht austeilen, dass alle Männer um sie herum eingeschüchtert das Weite suchen.

Der Spion, der mich nicht liebte

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Nun hat sich Feig den Agentenfilm vorgenommen, eine der letzten Bastionen, in der der Mann noch den omnipotenten Helden spielen darf, der das weibliche Objekt seiner Begierde aus den Fängen des Bösen rettet. Feig verkehrt in Spy kurzerhand dieses narrative Grundprinzip und die damit verknüpfte Ordnung des sexuellen Begehrens: Seine Heldin ist eine Frau, die zunächst vollkommen ungeeignet für eine Weltrettungsmission zu sein scheint. Der Film führt sie als Mauerblümchen hinter einem tristen Schreibtisch in einem düsteren Großraumbüro der CIA ein. Eine rasante Parallelmontage zeigt sie zwar als geschickte Analystin, die via Headsets den von ihr heimlich umschwärmten Super-Agenten Bradley Fine durch gefährliches Terrain steuert. Doch selbst hat sie sich einen so aufregenden Einsatz noch nie zugetraut. Nachdem aber kurz darauf alle Spione von einem Maulwurf enttarnt werden, soll Susan ins Feld ziehen, um eine gestohlene Atombombe aufzuspüren. Ihre Motivation ist dabei weniger heroischer als erotischer Natur: Sie will vor allem Bradley rächen, der bei seiner letzten Mission getötet wurde.

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Melissa McCarthy, mit der Feig bereits zum dritten Mal zusammenarbeitet, ist die perfekte Besetzung für Susan: klein, pummelig und auf den ersten Blick eher unscheinbar. Aber McCarthy deutet das Ausbruchspotenzial ihrer vermeintlich schüchternen Büromaus schon in der Exposition an: Das neugierige Funkeln in ihren Augen und das sonore Grollen in ihrer Stimme lassen erahnen, dass Susan mehr vom Leben will als das hier. Dieses Unbehagen überträgt McCarthy auch auf die stereotypen Undercover-Identitäten, die man sich in der CIA für die neue Geheimagentin ausgedacht hat. Am wenigsten, findet ihre Chefin, müsste Susan doch als geschiedene Provinz-Hausfrau oder jungfräuliche Katzenmutti auffallen. McCarthy trägt die Ausstattungselemente zu diesen Rollen – die graue Dauerwellen-Perücke, die schwere Hornbrille, den rosafarbenen Hausanzug und die kitschige Bette-Midler-Barbara-Hershey-Fanuhr – wie eine Dragqueen: dermaßen pointiert auf eine bestimmte Vorstellung von Weiblichkeit getrimmt, dass man dieses Bild als Zuschauer nicht mehr ernst nehmen kann.

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Dieses Over-the-Top-Prinzip setzt sich in den präzise gecasteten Nebenfiguren fort. Der ewige Schatten-James-Bond Jude Law gibt Bradley Fine als säuselnden Frauenverführer, der früh seiner Affektiertheit zum Opfer fällt. Noch lächerlicher wirkt Action-Star Jason Stratham als Fines Agentenkollege Rick Ford, eine Selbstüberschätzungsmaschine, die bereits in den harmlosesten Situationen kläglich versagt. Männliche Fantasie hat sich auch der Atombombendiebin Rayna Boyanov eingeschrieben, gespielt von Rose Byrne, der Oberzicke aus Brautalarm. Sie wird als hochtoupiertes und tiefdekolletiertes Bad Bond Girl gezeichnet, das sich zu fein für die eigene Drecksarbeit ist. In den Actionsequenzen bleibt sie gegenüber Susan, die hier eine ungeahnte Beweglichkeit an den Tag legt, überaus passiv und wirkt in ihrer Tussihaftigkeit bezeichnenderweise hilflos.

Man lebt nur zweimal

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Die schlichte Dramaturgie des Films orientiert sich an den Standardsituationen des Genres, die Feig, der diesmal auch das Drehbuch geschrieben hat, allesamt mit Camp-hafter Geste umzucodieren versteht. Dabei kommen ihm derbe Vergleiche gerade recht. So wird auch Susan vor ihrem Einsatz in das Waffen- und Technikdepot des Geheimdienstes geschickt. Doch anstatt eleganter Trickgeräte bekommt sie von einem schmallippigen Q-Verschnitt Gimmicks, deren peinliche Tarnungen besser zu ihrem Typ Frau passen sollen: ein Antipilzspray zum Deaktivieren von Sicherheitssystemen, Chloroform-getränkte Hämorrhoidenfeuchttücher und antitoxische Stuhlweichmacherpillen.

Spy wäre wohl kaum mehr als eine amüsante Nummernrevue, wenn Feig den Antrieb seiner Hauptfigur nicht auch mit einer glaubhaften Verletztheit grundieren würde. Zu Beginn sitzt Susan mit ihrer besten Freundin in der CIA-Kantine und berichtet resigniert und zugleich peinlich berührt, wie sie schon als Kind von ihrer Mutter klein gemacht wurde. Die Tochter solle bloß nicht ihren Träumen nachgeben und im Leben immer auf Nummer sicher gehen! Auch ihre Kollegen vermitteln Susan, dass sie nur eine nette Langweilerin ist. Als Symbol für ihre Scham dient ein besonders abscheuliches Ausstattungsobjekt: Bei einem Abendessen in einem edlen Restaurant überreicht ihr Bradley ein Schmuckkästchen. Darin findet Susan aber nicht den erhofften Verlobungsring, sondern eine Kette mit einem quietschbunten Plastik-Cupcake-Anhänger. Zu keiner, erklärt ihr Bradley arglos, würde das Stück besser passen als zu ihr.

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Im Folgenden nutzt Feig die exotischen Orte, glamourösen Kulissen und wilden Verfolgungs­jagden des Agentenfilms dazu, einen Fluchtraum für Susan zu bauen, in dem sich diese endlich entfalten kann. Je länger ihre Mission andauert, desto sicherer bewegt sie sich in den neuen Gefilden – und desto schlagfertiger hebelt sie die Vorstellungen aus, die andere von ihr haben. Am Ende darf Susan mit brünetter Powermähne, verführerischem Lippenstift und in eleganten Kleidern auftreten – und wirkt dabei glaubhafter als je zuvor. Der Film entwickelt aus ihrem Undercover-Abenteuer so eine nahezu feministische Botschaft: Mit etwas Mut und der Hilfe von Freundinnen kann man als Frau auch in einer misogynen Gesellschaft zu sich selbst finden.

Feig hinterfragt die konservative Geschlechterordnung im Mainstream-Kino, indem er dessen Stereotype aufgreift, ins Abstruse steigert und lustvoll aufeinanderjagt. Man sollte nicht davor zurückschrecken, ihn dafür als Frauen-Regisseur zu bezeichnen. Auch wenn das selbst verdächtig nach Sexismus klingt? Gerade deswegen! Wir müssen dabei nur scharf genug mit den Augen zwinkern.

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