Spring - Love is a Monster

Weniger Licht! Indem diese düstere Horror-Romanze ihren Plot erhellt, verliert sie ihren Glanz.

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Ein Spinnennetz im gleißenden Sonnenlicht Süditaliens. Ein Insekt hat sich darin verfangen, gierig stürzt sich die schwarze Spinne darauf, wickelt es ein, um es aufzufressen. Ein junger Amerikaner im gleißenden Sonnenlicht Süditaliens. Er verfängt sich in den Blicken einer dunkelhaarigen Schönheit, in wenigen Sekunden hat sie ihn um den Finger gewickelt, um ihn ... ja, was eigentlich? Aufzufressen, auszusaugen? Spring lässt sich Zeit mit der Beantwortung dieser Frage. Selbst dass irgendetwas nicht stimmt mit Louise (Nadia Hilker), eröffnet der Film erst nach 40 Minuten – mit einer fürs Horrorgenre eher niedrigschwelligen Irritation des Zuschauers.

Diese lange Anlaufphase ist indes keineswegs ein Defizit, sondern eine bewusste Entscheidung des Regie-Duos Justin Benson und Aaron Moorhead. Statt einen billigen Reißer mit austauschbaren Charakteren und simplen Effekten zu produzieren, etablieren sie die beiden Hauptfiguren mit geduldiger Sorgfalt. Das Kennenlernen von Louise und Evan (Lou Taylor Pucci) nehmen sie dabei ebenso ernst wie Evans Leiden am kürzlichen Tod seiner Mutter – ein Trauma, das ihn überstürzt aus seinem Heimatland fliehen lässt, in die Verdrängung und die Ablenkung durch körperliche Arbeit auf einer italienischen Farm.

Im Dunkel

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Langsam häufen sich aber die Szenen, in denen Schlangen und Würmer das Bild besiedeln, verwesende Tierkadaver in der Landschaft verstreut liegen, Blut an den alten Gemäuern der Stadt klebt – und in denen Louise schlagartig Dates mit Evan verlassen muss, weil ihr Körper zu verfaulen beginnt, sich monströs verwandelt und nach Opfern giert. Selbst bei diesen an sich spektakulären Transformationen setzt der Film aber eher auf arthousige Zurückhaltung als auf Frontalangriffe durch audiovisuelle Schockmomente.

So gelingt es den beiden Regisseuren, die dramatischen Elemente auch dann nicht zu vernachlässigen, als der Horrorplot immer mehr Raum einnimmt. Ähnlich wie der grandiose Berlinale-Beitrag Victoria (in dem die Chemie der Hauptfiguren aber noch um einiges magischer ist) funktioniert Spring auch lange Zeit als Film übers Verlieben mit niedlichen Neckereien, romantischen Szenen und mutigen Momenten, die leicht in Kitsch abgleiten könnten, dafür aber viel zu authentisch wirken. Mitunter wird es gar philosophisch, wenn Evan von der Endlichkeit und der aus ihr erwachsenden Motivation erzählt und man dabei unwillkürlich an die aufrichtige Liebeserklärung an seine Mutter denkt, zu der er sich erst im Augenblick ihres Todes durchringen kann.

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Nicht zuletzt beweisen Benson und Moorhead auch immer wieder ihr komödiantisches Talent mit cleveren – aber nicht zu cleveren und dadurch gescriptet wirkenden – Dialogen. Heraus sticht dabei vor allem eine Szene nach der ersten gemeinsamen Nacht von Evan und Louise: Er entdeckt sie am nächsten Tag in einer Eisdiele, läuft freudig auf sie zu und prallt gegen eine imaginäre Wand weiblicher Befremdung. „Ich kann mich nicht an dich erinnern“, teilt sie dem ernüchterten Evan mit – und als Zuschauer nimmt man ihr das ab, denn wer weiß schon genug über die Gedächtnisfähigkeiten von Werwolfvampiroktopusaliens, um an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln? Dann aber dreht Louise den Kopf weg, kann ihr Grinsen kaum unterdrücken und muss schließlich herzlich über ihren Scherz lachen.

Im Licht

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Doch ach! Etwas später rennen Louise und Evan aufgebracht durch die Stadt, und sie erklärt ihm – und dem Publikum – minutenlang bis ins kleinste Detail, was genau sie ist und warum sie tut, was sie tut. Mit dem expliziten Ausbuchstabieren des Plots fällt dieser vielversprechende Film in sich zusammen. Die verfrühte Lösung des Rätsels lässt jegliche frische Luft aus Spring entweichen. Denn die Spannung eines Horrorfilms speist sich ja gerade aus dem Rätselhaften, dem noch nicht erleuchteten Dunkel, dem im Schatten versteckten, nur schemenhaft erkennbaren Monstrum, in das jeder Zuschauer seine eigenen Ängste projizieren kann. Der klar definierte Schrecken ist der Todfeind des Horrorfilms.

Und plötzlich – unter diesem grellen Licht der (Plot-)Aufklärung – werden auch all die kleinen Warzen des Films sichtbar, die zuvor unbeachtet blieben, weil die Suture, die Immersion sie verbarg. Das Wesen, das Louise ist, wirkt reichlich diffus in seiner Vermischung von Fantasy und Antike und in seinem Hunger nach ... ja, was eigentlich? Blut, Fleisch, Sperma? Die Verwandlungen vollziehen sich allzu schnell, die „stupid Americans“ sind grell überzeichnet, die locals sprechen zu gutes Englisch. Die Mini-Jump-Cuts haben keine Funktion, die Kameraflüge übers Meer verraten ihre CGI-Nähte. Und das Motiv der „Rettung durch Liebe“ riecht nach denkfaulem Drehbuchkitsch von der Stange. Es schlummert ein wirklich schöner 80-minütiger Film in Spring – schade, dass er 109 Minuten lang ist.

Trailer zu „Spring - Love is a Monster“


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