Sprache:Sex

Fragmente einer Sprache des Sex: In ihrem Dokumentarfilm befragen die Regisseure Saskia Walker und Ralf Hechelmann 16 Menschen weiträumig zum Thema Sexualität.

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Augustinus, glaubt einer der Interviewten zu wissen, habe gesagt, dass Dogmen Zäune um das Mysterium seien. Lässig befördert er den Kirchenlehrer ins 21. Jahrhundert: In unserer Gesellschaft sei Sex von Verboten, Tabus und Scham umzäunt; nur deshalb sei er so tief. Interessanter als die aufgestellte These ist die einhergehende Vorstellung von unserem Verhältnis zu Sex als einem Raum. Sprache:Sex begibt sich in diesen Raum, kartografiert aber eher den Zaun als das Umzäunte; es ist kein Film über Sex, sondern über das Sprechen über Sex. Ein individuelles Sprechen – fast alle Aufnahmen zeigen ausschließlich die befragte Person – über ein Thema, das, dem gängigen Befinden zum Trotz, Sex sei überall, mit einiger Konstanz intim genannt werden kann.

Was heißt hier Wahrheit

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Individuelles Sprechen über ein intimes Thema also, das auffällig oft auf das Sprechen anderer Bezug nimmt – der Zaun nimmt Gestalt an. Denn auffällig oft ist die porträtierte Sprache die Sprache des anderen: Einer hat auf Facebook gelesen, dass … Ein anderer kennt eine Studie, die besagt, dass … Auch Rilke, Visconti und andere werden bemüht, sprechen durch die Sprecher. Dabei ist die anfängliche Warnung aus dem Off völlig überflüssig, wirkt fehl am Platz: Natürlich wissen wir nicht, ob die Befragten die Wahrheit sagen; natürlich – und das ist eindeutig die interessantere Frage – wissen wir nicht, ob sie überhaupt imstande sind, die Wahrheit zu sagen. Was für eine Wahrheit? Kann es sich beim Sex ohnehin nicht nur um verfallsbedrohte Wahrheiten handeln? Wahrheiten, wie in einem persönlichen Koordinatensystem eingebettet, das mit der Zeit seine Gestalt ändert und damit zwangsläufig alles, was sich darin befindet, mit einer anderen Position, einer anderen Gestalt versieht?

Fehlanzeige Ficken

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Aber Sprache:Sex ist ja keine Suche nach der Wahrheit, keine soziokulturelle Datenerhebung in künstlerischem Gewand, nicht einmal ein repräsentativer Querschnitt. Der Zuschauer weiß nicht, wie die 16 Befragten vor die Kamera des Regiepaars Saskia Walker und Ralf Hechelmann gelangt sind. Sie sind zwischen 13 und 74 Jahre alt, sie sind weiß, sie fügen sich in die vorherrschenden binären Geschlechtskategorien, explizit sprechen sie nur von heterosexuellem Sex. Kann ja auch Zufall sein. Sie sind ziemlich offen und neigen mit großer Eloquenz zu manchmal etwas verquasten Analysen. Tatsächlich ist Sprache:Sex gänzlich frei von Vulgärem und Obszönem, auf ein befreiendes „Ich will ficken“ wartet man vergebens. Am frechsten mutet noch das übertrieben phallische Mikrofon an, das jeder der Befragten selbst hält; ein Bruch der sonst in Dokumentarfilmen manchmal vorgegaukelten Nähe. Dieses Mikrofon ist aber auch das Einzige, was explizit auf das Interview hinweist. Die Befrager bekommen wir nicht zu Gesicht, ihre Fragen hören wir nicht. Vor jedem Beitrag entfaltet sich eine Mikrospannung, gebannt versucht man im Verziehen des Gesichts, in der Länge des Zeitintervalls bis zum ersten Wort die Art der Frage zu erahnen; dann fallen die ersten Worte. Auf welche Frage ist das die Antwort? Dabei ist die Frage nur ein Ausgangspunkt. Danach sind die Sprecher frei, werden nicht in die Schranken der Eingangsfrage zurückgewiesen. Überhaupt wird nicht eingegriffen, nicht nachgehakt. Die Sprache:Sex will auch mal weit weg führen, sich in Unverständlichem verlieren, ins Stocken geraten, dem Sprecher verschlagen.

Sexualität und Lebensentwurf

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Dass die meisten Befragten Sex zu einem kulturgeladenen Phänomen erheben und sich dem mit möglichst komplexer Syntax zu nähern versuchen, ist einer der spannendsten und natürlich unerklärten Befunde des Films. Pflegen sich diese Menschen in allen Lebensangelegenheiten so auszudrücken, oder versuchen sie, sei es bewusst oder unbewusst, mit der Sprache die Sexualität zu veredeln, zu rationalisieren? Warum wird so viel Abstand genommen von dem reinen Akt, von dem Aufeinandertreffen zweier, mehrerer Körper? Mögen die Fragen der Regisseure durchaus auch auf konkrete Angaben hinauslaufen – der Häufigkeit etwa –, so sind es ganz andere Überlegungen, die einen Großteil der Antworten ausmachen: Welche Bedeutung misst man der eigenen Sexualität bei? Welchen Platz nimmt Sexualität in einer Beziehung ein? Und was ist mit offenen Beziehungen?

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Die Antworten unterscheiden sich im Inhalt deutlicher als in der Form, sind so verschieden aber auch nicht. Sprache:Sex präsentiert keine alternativen, geschweige denn subversiven Lebensentwürfe (auch dies ein interessanter Befund). Die – ausgesprochene, aber noch nicht beanspruchte – offene Beziehung einer Befragten dürfte da auf der Exotikskala ganz oben rangieren. Die Befragten stehen in keinem unmittelbaren Dialog zueinander – tatsächlich sind die Aufnahmen so montiert, dass sie manchmal aufeinander zu antworten scheinen –, ein Grundkonsens zeichnet sich dennoch ab: Sex ist mäßig bis ziemlich wichtig und aufregend (Asexualität kommt in Sprache:Sex nicht vor); der Orgasmus „ozeanisch“, eine „Trance“, ein „Rausch“; und es lässt sich ganz gut darüber philosophieren, wenn man im richtigen Flow ist. Ob das wahrlich eine Sprache:Sex war, ist eine andere Frage.

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