Spotlight

Tom McCarthys Film erzählt Journalismus als Thriller und macht den Thriller zum Instrument des Journalismus.

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Kirchtürme überragen die Stadt. Sie erheben sich hinter Gerichtsgebäuden, überschatten öffentliche Spielplätze. Wie Kafkas Schloss thronen sie in allgegenwärtiger Präsenz in Bostons Skyline. Eine sakrosankte Übermacht, die demonstrativ immer dann erscheint, wenn Tom McCarthy die Handlung von Spotlight in die Außenräume der Stadt verlegt. Als Gegenentwurf zu den gewaltigen Kathedralen des puritanischen Boston dient die funktionale Ausdruckslosigkeit des Redaktionsraums: Geteilt durch Stellwände, die sich zu Arbeitsboxen formieren, ist er das Zentrum des „Boston Globe“, für den das Team der titelgebenden Spotlight-Redaktion um Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) arbeitet.

Der Alltag als Thriller

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Ihr Job ist der investigative Journalismus, die Langzeitrecherche. Sie sind die exzentrische Elite der Massenmedien, die Pulitzer-Kandidaten. Wie in der Optik des Redaktionsraums, den Hollywood seit den 1970ern nahezu unverändert auf die Leinwand bringt, hat sich auch in der Inszenierung der Recherche seit Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen (All The President’s Men, 1976) nicht viel getan. Spotlight lehnt sich an die bekannten visuellen und szenischen Formeln an. Montagesequenzen zeigen, wie Journalisten dunkle Keller- und Stadtarchive durchforsten, in nächtlichen Sitzungen Bücher, Zeitungen und Mikrofilm wälzen und Bostons Wohnblocks für Interviews durchstreifen. Der Alltag des Spotlight-Teams, den McCarthy präzise nachzeichnet, ist der alleinige dramaturgische und emotionale Bezugspunkt der Geschichte. Spotlight ist ein Film über die Arbeit. Seine Figuren existieren nur im Kontext ihres Berufs. Sonntags im Büro ist ein selbstgewählter Dauerzustand, eine kaputte Ehe ein Problem für später. Mike Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian d’Arcy James) arbeiten sich, im Schatten der römisch-katholischen Kirche, von Hinweis zu Hinweis. Ihr Ziel: die Aufdeckung des Kindesmissbrauchs durch über 90 Bostoner Priester.

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„The church thinks in centuries“, heißt es zu Beginn des Films. Das Gegenteil ist für die Journalisten des „Globe“ der Fall, die sich zunehmend im Spagat zwischen langjähriger Recherche und Veröffentlichungsdruck überdehnen. Die Arbeit gegen die Zwänge der eigenen Profession und die Übermacht der katholischen Kirche wird zur Obsession. Mit der Reduktion der Dramaturgie auf die manische Recherche begibt sich Spotlight in den Dunstkreis von Genregrößen wie Zodiac (2007) und Memories of Murder (2003). Im Gegensatz zu Fincher und Bong Joon-ho zeichnet McCarthy die Abgründe, die diese Nachforschungen aufdecken, nicht mit präziser visueller Komplexität. Spotlight bleibt der close-up-lastigen Interview- und Redaktionssitzungs-Inszenierung treu. Der Sog des Thrillers entlehnt sich den Schilderungen der Opfer, mit denen der Film sukzessive die Vignettierung der unfassbaren Verbrechen auflöst.

Der Moral verpflichtet

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„You really wanna hear this shit?“, fragt der Mann Mike Rezendes bei ihrem ersten Treffen. Seine linke Armbeuge ist von Nadelstichen gezeichnet. Aus schmalen Augen spricht das Misstrauen einer rauen Vergangenheit, die seinen Körper so eindeutig gezeichnet hat. Dann beginnt er zu erzählen. Er schildert das Verbrechen, als wäre es jemand anderem widerfahren. Nach wenigen Augenblicken bricht die Routine seines Verbergens in sich zusammen. Patrick McSorley (Jimmy LeBlanc) schluchzt und windet sich, als er erzählt, wie er als kleiner Junge von einem Priester missbraucht wurde. Er ist das erste von vielen Opfern, die im Laufe der Recherche mit den Journalisten des „Boston Globe“ sprechen werden. Mit ihren Aussagen kriecht ein emotionales Verständnis in die Recherche. Die Täter unterrichten an den Bostoner Schulen, die die Kinder der Protagonisten besuchen, sie leben nur ein paar Blocks entfernt. Jahrzehnte des Kindesmissbrauchs hüllen eine ganze Stadt ein.

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Die Ausdehnung des Verbrechens auf das tägliche Leben nutzt McCarthy zunächst geschickt, um ein Netzwerk des Verdrängens zu zeichnen. Der Erzbischof von Boston vertuscht den Missbrauch, Anwälte schweigen zu den Verhandlungen, in denen die Kirche das Schweigen der Opfer mit Abfindungen kauft, und selbst die Redakteure des „Boston Globe“ haben die Story jahrelang ignoriert.

Spotlight zeigt, was es kostet, eine Instanz zu überwinden, die bereits untrennbar mit dem kulturellen Leben einer Stadt verwurzelt ist; wie schwierig es ist, gegen Gewalt vorzugehen, wenn diese als System fungiert, wie der Chefredakteur des „Globe“ Marty Baron (Liev Schreiber) es nennt. Er ist es auch, der in einer pathetischen Rede an die moralische Verantwortung erinnert, die dem Team obliegt. McCarthy setzt seinem Film hier eine Metaebene auf, die er bis in den Abspann weiterträgt. Auf der Leinwand erscheint eine Liste von Städten, in denen Kindesmissbrauch durch Priester der katholischen Kirche bekannt wurde. McCarthy spannt die Boston-Globe-Story mit seinem Film über die Kinosäle der halben Welt. Spotlight ist ein Film mit Agenda. Und Kirchtürme stehen nicht nur in Boston.

Trailer zu „Spotlight“


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