Spoor

Das sachte Plätschern des Unausweichlichen. Spoor inszeniert die Auflehnung gegen eine feudale Jagdgesellschaft als Sonntagskrimi ohne Ungewissheiten und Geheimnisse.

Spoor 2

Man kennt die Szene aus unzähligen Fernsehkrimis, meistens begegnet man ihr um die 80-Minuten-Marke: Die Ermittler haben eine Reihe an Verdächtigen befragt, sind mehreren falschen Vermutungen nachgegangen, es gab Momente der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. Doch dann hat sich endlich der Knoten gelöst, ein bislang unbeachtetes Indiz oder eine vordergründig belanglose Äußerung ließen die wahren Umstände der Gewalttat unwiderlegbar in Erscheinung treten, und nun wird das schneidige Vorstandsmitglied oder die biedere Nachbarin mit der erdrückenden Beweislage konfrontiert. Nach ein paar letzten Ausflüchten akzeptieren die Betroffenen, dass alles Leugnen zwecklos ist, und nach diesem Moment des Aufgebens sieht man den innerhalb der Fiktion wahrheitsgemäßen Hergang der Tat, man sieht Täter und Opfer miteinander streiten, man sieht das gewaltbereite Blitzen in den Augen, man sieht die Vorbereitungen, man sieht den ersten, entschlossenen Schlag auf den Kopf. Doch man sieht dabei kein wahres Handeln, keine Entscheidung, die auch anders hätte fallen können, man sieht keine Zweideutigkeiten: Alle dargestellten Ereignisse werden erfasst von der mächtigen Musik und zielstrebig dem bekannten, unverrückbar festgesetzten Ziel entgegengetrieben. Man weiß bereits, über welche Klippe dieser Fluss am Ende stürzen muss, und man schaut nur zu, um sich ein paar Minuten dem Sog der Strömung hinzugeben.

Emphase der großen Enthüllung

Spoor 5

Spoor (Pokot) von Agnieska Holland wirkt nun, als hätte man diese Sequenz auf die Länge eines gesamten Films ausgedehnt und dabei den Strom des Unausweichlichen zu einem sachten Rinnsal verdünnt. Duszejko (Agnieszka Mandat), pensioniert und noch gelegentlich als Englischlehrerin tätig, lebt in einem Haus am Waldrand in der Nähe einer polnischen Kleinstadt. Die Beziehung zwischen den Stadtmenschen und den Tieren des Waldes hat in diesem Landstrich zu einem brutalen Gleichgewicht gefunden: Die Menschen jagen und quälen, während die Tiere erdulden und sterben. Doch dieser Friede durch Unterdrückung scheint mehr und mehr aufzubrechen, es kommt zu einer Reihe von Todesfällen, die Opfer allesamt Jäger, die Leichen allesamt entstellt durch die Spuren tierischer Aggression. Der Film strukturiert sich in erster Linie anhand dieser Abfolge von Leichenfunden und versucht, aus deren (dezent) grotesken Umständen ein großes, vieldeutiges Geheimnis zu machen. Doch das Geheimnis besteht hier nie in einer Vielzahl möglicher Erklärungen oder gar in einem ernsthaft angenommenen mörderischen Auflehnen der Natur. Sondern es erschöpft sich darin, dass die eine, einzige, für alle klar ersichtliche Erklärung lange Zeit uneingestanden bleibt. Spoor sammelt Figuren, Bilder und Ereignisse vorrangig in der Absicht auf, sie einer Auflösung entgegenzutragen, die schon von Anfang an feststeht – und weiß mit dieser Auflösung dann nichts anderes anzufangen, als sie mit der Emphase einer großen Enthüllung auszustatten.

Gefangen in der Jagdgesellschaft

Spoor 1

Nun will der Film natürlich nicht nur ein klassischer Krimi sein, auch wenn er sich über weite Strecken wie einer verhält. Spoor entwirft auch das Porträt einer männlich dominierten und militärisch organisierten Herrschaftsordnung, die sich – in Zeiten, in denen sich das tatsächliche Militär zumindest nach außen hin nur mehr der Friedenswahrung verschrieben hat – ganz auf jenen Bereich zurückgezogen hat, in dem das Töten erlaubt und gefördert wird und dabei doch für jedermann zugänglich bleibt: auf die Jagd. Das Städtchen, an dessen Rand Duszejko wohnt, ist bis in die letzten Glieder eine Jagdgesellschaft, deren Institutionen, von der Polizei über die Schule bis hin zur Kirche, allesamt dem Zweck geweiht sind, das Verhalten der Dorfbewohner auf das Töten von Tieren auszurichten. Doch wird dieser Übermacht, die sich nicht einmal mehr hinter der Maske der Scheinheiligkeit versteckt, sondern ihren Sadismus offen auslebt, nie ein ebenso exzessiver, enthemmter, von gerechtem Zorn getragener Widerstand entgegengesetzt. Einzelne Handlungen der Figuren werden zwar durchaus als Akte der Auflehnung inszeniert, doch fehlt diesen Handlungen stets der Anspruch, eine tatsächliche Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen – sie bleiben immer nur gewaltsame Reaktionen auf ein persönlich erfahrenes Leid, ohne jede wahrhaft politische Tragweite.

Ein astrologischer Blick auf das Tierreich

Spoor 3

Unentschlossen bleibt Spoor in seiner Darstellung des natürlichen Lebensraums, in den diese menschliche Gemeinschaft eingebettet ist und über den sie mit Gewehr und Fangschnur rücksichtslos verfügt. Zwar wird immer wieder das Gespenst einer systematischen Revolte des Tierreichs heraufbeschworen, das Heraufdämmern einer anderen, loseren und unübersichtlicheren Herrschaft. Doch dabei wird zu keinem Augenblick spürbar, wie solch eine buchstäblich anders geartete Ordnung aussehen könnte und wie sich solch ein Zusammenleben nach nicht-menschlichen, rein kreatürlichen Gesichtspunkten gestalten würde. In seinem Blick auf die Tierwelt macht sich der Film vielmehr die astrologische Perspektive seiner Hauptfigur zu eigen: Er sieht Tiere nicht in erster Linie als körperlich existierende Lebewesen, sondern als abstrakte Zeichen, deren einziger Zweck darin besteht, das Wesen und Schicksal der Menschen widerzuspiegeln. Schön wäre nur, wenn dabei wenigstens zeitweise erkennbar wäre, dass der Winter in den polnischen Bergen sehr kalt sein kann, dass die Futtersuche oft mühsam ist, dass der Tod auch als Krankheit, Hunger und Entkräftung in Erscheinung treten kann – dass, mit einem Wort, ein Tier oft Wichtigeres zu tun hat, als sich um unser Seelenheil zu kümmern.

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