Splice
Smartes Nerdkino und Psychoanalyse passen erstaunlich gut zusammen: Vincenzo Natalis Monsterfilm Splice.
„Nucleic Exchange Research and Development“ oder kurz N.E.R.D. nennt sich die Forschungseinrichtung, in der Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) gemeinsam an künstlichem Leben forschen. Nachdem die ersten Versuche noch in ziemlich amorph anmutenden Zellstoffklumpen resultieren, beginnen sie heimlich, ohne das Wissen ihrer Finanziers, mit menschlichem Erbgut zu experimentieren. Bereits nach knappen zwanzig Minuten Filmlaufzeit ist ihnen Erfolg beschieden. Ein kleines Etwas, das anfangs noch verdächtig nach einem prähistorischen, federlosen Huhn aussieht, schlüpft, macht Radau und wird schnell größer. Und menschenähnlicher: Die Augen rücken zusammen, die Extremitäten werden kräftiger, bald passt es problemlos in Kleinkindbekleidung. Dren – Nerd von hinten nach vorne gelesen – nennt Elsa das Biest, und sie beschließt, dass sie es mit einem Weibchen zu tun hat.
Der Kanadier Vincenzo Natali macht seit eineinhalb Jahrzehnten originelles, ebenso sympathisches wie smartes Nerdkino: Filme, die zunächst kein Verhältnis zur Welt suchen, sondern die sich darauf beschränken, ihr eigenes intellektuelles Programm durchzuexerzieren. Gerahmt sind sie oft als Versuchsaufbau. Eine artifizielle Welt unter den Bedingungen der räumlichen Reduktion. Der Kurzfilm Elevated (1997) spielt fast ausschließlich in einem Fahrstuhl, das Langfilmdebüt, der Kultfilm Cube (auch 1997), in einem abstrakten Gefängnis, das aus einer Vielzahl von Würfeln besteht, die mit Hilfe mathematischer Codes untereinander verschaltet sind. Nothing (2003), Natalis vor Splice letzter, leider eher missratener Film, geht noch einen Schritt weiter und lässt das titelgebende Nichts ganz buchstäblich die Wohnung der beiden Protagonisten umkreisen und schließlich auffressen. In Cypher (2002) dagegen, einem der interessantesten unter den metaphysischen Verschwörungsthrillern in der Nachfolge von Matrix (1999), eilt der Held zwar von einem kontingenten Raum in den nächsten, bleibt aber stets gefangen in seinem eigenen, paranoiden mental space.
In den Arbeiten Natalis steckt ein Grundwiderspruch, der in jedem einzelnen Film aufs Neue auftaucht und mal mehr, mal weniger interessant gewendet wird: So abstrakt und antinaturalistisch der Kanadier seine Welten auch konstruiert, die Figuren, die er in ihnen platziert, sind von ganz anderer Art: kein bisschen abstrakt, sondern im Gegenteil nach allen Regeln des psychologischen Realismus konstruiert, als zumindest theoretisch runde Figuren mit Einfühlungspotenzial, das noch in den absurdesten Situationen abgerufen werden kann. Insofern streben die Filme nach einer doppelten Identifikation: nach einer geekigen mit der Eigenlogik ihrer Welt auf der einen und nach einer konventionell anthropozentrischen mit den skurrilen, aber nur allzu menschlichen Eigenheiten der Protagonisten auf der anderen Seite.
Die Welt von Splice ist zwar weniger abstrakt als die der Vorgänger, aber auch sie ist Versuchsanordnung und nicht etwa eine versuchte Verdopplung der realen Welt – und nicht nur, weil weite Teile des Films im N.E.R.D.-Labor spielen. Es gibt nur wenige Handlungsorte, die allesamt eins zu eins der Horrorfilm-Genrerumpelkammer entlehnt sind: Neben dem Labor ist das vor allem eine alte Scheune mitsamt finsterem Wald ringsherum. Natali unternimmt zwischendurch immer wieder ein paar vorsichtige Schritte in Richtung Wissenschafts- und Mediensatire, aber glücklicherweise besinnt er sich noch jedes Mal rechtzeitig eines Besseren; vollständig diskreditiert er seine Welt nie, sie behält ihre innere Kohärenz und entwickelt aus sich selbst heraus ihre Dynamik. Einen Blick auf ihr Außen wirft diese Welt tatsächlich erst in der letzten Einstellung.
Gleichzeitig sind die Protagonisten in Splice – neben den zwei zentralen Menschen und dem einen zentralen Monster treten ohnehin nur einige wenige Nebenfiguren auf, die außerdem ausschließlich fürs comic relief zuständig bleiben – psychologisch noch mehr überdeterminiert als die der Vorgänger. Schließlich zeigt Natali hier zum ersten Mal eine Familienwerdung, also die Genese der zentralen sozialen und psychosexuellen Konstellation mindestens der Neuzeit. Der hinreißend linkische Brody, dem man selbst die bizarrste Szene des Films fast abnimmt, und die neurotische Polley spielen das wunderbar: zwei Nerds, die sich lange weigern und dann zwangsläufig doch erwachsen werden – allerdings ganz unbedingt unter Nerdbedingungen.
Splice ist über weite Strecken so etwas wie die Konkretisierung der psychosexuellen Subtexte des Frankenstein-Stoffs. Verhandelt wird sehr direkt Psychoanalyse: Dren ist einerseits die monströse Materialisierung des real unterdrückten Kinderwunschs Elsas und bleibt andererseits selbst vom Lacan’schen Spiegelstadium (in diesem Fall eine doppelte falsche Identifikation: mit der Barbie-Puppe und mit der eigenen Reflexion im Spiegel) ebenso wenig verschont wie von Freud’schen Ödipus- und Kastrationskomplexen. Langsam entwickelt sich eine in mehr als nur einem Sinne monströse Subjektivität. In der Psychoanalyse – als einem System, dessen Abstraktionsvermögen sich direkt aus der tiefsten Innerlichkeit des Individuums speist – hat Natali vielleicht sein zwangsläufiges Sujet gefunden.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 03.05.2010
Kommentare zu Splice
tony 16.06.2010 13:57
Ich finde der film ist ein wenig öde, gerade weil sich die Räumlichkeiten kaum ändern. Die letzten 10 minuten sind die aufregensten. Es ist aber doch in seinen eigenen Sinne interessant, weil die 'monströse' Figur doch sympathis wird. Sie ist echt liebenswert, wie ein Kind eben ist. Nichts für Menschen die sich in dem Fach auskennen, allerdings wirklich gut wenn man darrüber nachdenkt was so eine Forschung ethisch mit sich bringt.
Marcus 20.06.2010 09:55
mal vom sparsamen umgang mit drehorten und der gen-klon-ethik-frage abgesehen, ist der film sterbenslangweilig. alles ist konstuiert. auch frage ich mich, ob adrien brody wirklich das drehbuch gelesen hat, oder ob man ihm gedrohte, ihn in den cube zu stecken, falls er nicht unterschreibt. alles, von der zeichnung der charaktere bis zur wirklich nicht nachvollziehbaren wendungen (das kinderzimmer für dren im keller des labors oder aber auch das auftauchen einer mystriösen farm, gerade dann, wenn sie die protagonisten am dringendsten brauchen) und auch der offensichtliche mangel an einem guten drehbuch machen den film zu einer tortur für jeden kinogänger. der film will alles sein, splatter-horror mit gruseleffekten und familiendrama und ist doch so wenig, dank der unzureichenden leistungen der schauspieler.
Chris 27.06.2010 23:27
Den beiden vorigen Kommentaren - insbesondere dem zweiten - kann ich nur widersprechen. Es stimmt, dass die wenigen Schauplätze für den 'normalen' Kinogänger als wenig erscheinen mögen, doch baut der Film gerade durch diese Konzentration auf wenige Orte eine geballte Atmosphäre auf. Natali läd mit seinen - meiner Meinung nach sehr fähigen Schauspielern! - die Schauplätze auf, erzeugt eine erdrückende Atmosphäre und unterstreicht so die Tragik, dass die Familie Außenseiter sind und diese, so lange DREN lebt, auch bleiben müssen. Sie sind auf sich alleine gestellt und müssen zusehen, wie sie die Situation meistern. Diese gerät während des Films zunehmend außer Kontrolle und als Zuschauer spürt man die Angst, dass sich das 'Kind' der beiden zunehmend von ihnen distanziert und gegen sie wendet. Bei der physischen Stärke von DREN und ihrer Intelligenz eine wahrhaft bedrohliche und überspannende Situation - durchgehend!
Fazit:
Sehr intelligentes Horror-Kino, stellenweise etwas zu konstruiert.
Anschauen!!
Da 06.07.2010 00:51
das ende...mutiert "es" am ende zu einer männlichen person oder wird daraus zwitter ...
Jimmpanse 21.07.2010 11:11
ich Finde das Wesen sieht aus wie Britney Spears :P
ArchiLounge 22.07.2010 15:57
Der Film ist echt schlecht, die Klischees von A-Z werden hier bedient und
leider ist der Filmablauf vorhersehbar. Keine wirklich überraschenden Momente.
Wer aber 1:45h nichts mit sich anzufangen weiß; Das ist grad über Niveau Langeweile "Gähn".
Lena 23.07.2010 02:19
Das mit Britney stimmt sogar irgendwie:D
Mischa 27.07.2010 03:13
pervers und blasphemisch!
wie kann ein Mensch etwas total falsches Erschaffen, wegen Neugier? Gotteslästerung, hätte Gott so ein Geschöpf gewollt hätte er es auch erschaffen.
danach natürlich nicht mit dem Vieh zurechtkommen. Wie denn auch, es sprengt alle Naturgesetze.
Dann diesen Tier-Mensch einsperren, weiß jaa niemand davon, egal ob es der Spezies gut tut oder nicht. Hauptsache Mensch ist aus dem Schneider!
pervers auch noch mit einem Experiment zu schlafen. Dann auch noch das Baby vom Experiment in sich tragen, daß die eigene Dna trägt. Die Frau war ja die Mutter.
Also nicht mit Genen spielen, wir sind nicht Gott und können mit den Konsequenzen nicht umgehen.
Valentino 27.07.2010 11:29
Es ost immer wieder erstaunlich,wie Menschen wie Hr.Förster einen recht seichten Film derartig überinterpretieren... Bereits von Beginn an wirken die Hauptdarsteller unglaubwürdig. Die beiden würden bei Streifen,wie "The Fast and the Furious" oder "Sex in the City" ihre Bestimmung finden, jedoch nicht in der Darstellung von Wissenschaftlern.
Einen psychoanalytischen Kontext hinein zu interpretieren ist dann doch die Krönung.
Die Story ist flach, stellenweise sogar lächerlich, jedoch für einen anspruchslosen Abend auszuhalten.
Gerry 19.02.2011 11:34
Genial gemacht...Ich fand den Streifen klasse.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Splice
Kanada 2009
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Vincenzo Natali
Drehbuch: Vincenzo Natali, Antoinette Terry Bryant, Doug Taylor
Produktion: Steve Hoban
Bildgestaltung: Tetsuo Nagata
Montage: Michele Conroy
Musik: Cyrille Aufort
Darsteller: Adrien Brody, Sarah Polley, Delphine Chanéac, David Hewlett, Amanda Brugel
Kinostart: 03.06.2010
DVD-Angaben
Titel: Splice
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Englisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 104 Minuten
Extras: Making Of; Trailer
Verleih ab: 17.11.2010
Verkauf ab: 03.12.2010
Copyright Splice
Fotos : © Senator
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - mit Kritiken, Empfehlungen und Trailern. www.critic.de/berlinale/
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