Spieltrieb

Wenig Spiel und kalkulierter Trieb. Die vielgescholtenen bösen Geister des aktuellen deutschen Kinos erheben ihr Haupt. 

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Am Anfang steht die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass sich die ersten fünfzehn Minuten von Spieltrieb (2013) mit ihren durchaus schrägen Charakteren und einer überbetonten, märchenhaft künstlichen Inszenierung in eine wilde Parodie ergießen. Dass diese Parodie die überzeichneten Stereotypen ohne Rücksicht auf Verluste fortspinnt. Dass es betont lächerlich wird, oder aber zutiefst düster. Bloß nicht anfangen abzuwägen, hört man sich selbst Regisseur Gregor Schnitzler (Soloalbum, 2003, Die Wolke, 2006) zuflüstern, sondern draufhauen auf die unzähligen seichten Teenie-Dramen und Internats-Komödien. Die Einstellungen zu Beginn stehen Kopf, eine entfesselte Kamera führt Ort und Hauptfiguren ein. Ein stilisierter Anti-Realismus, den man nicht mögen muss, der aber ein erfrischend konsequentes Wagnis vermuten lässt. Allzu schnell jedoch heftet sich dem Überzeichneten das Überbedeutende – einer der vielgescholtenen bösen Geister des zeitgenössischen deutschen Kinos – an, und Spieltrieb verstrickt sich in einem schematischen Kino des redseligen Mittelwegs, das seine Geschichten und sich selbst immer etwas zu ernst nimmt.

Die bewährte Rezept der Bestseller-Adaption

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Die Entstehung von Spieltrieb beruht auf einer in den letzten Jahren zu einer Art Gesetzmäßigkeit gewordenen Formel des deutschen Filmproduktionskosmos: Ein in den Bestseller-Listen weit vorne platziertes Buch bedarf nach wenigen Jahren einer Verfilmung. Im letzten Jahr fand Die Vermessung der Welt nach der spielerischen Bildungslektüre von Daniel Kehlmann nur eher mäßigen Anklang, den im Spätsommer dieses Jahres anlaufenden Feuchtgebiete mit ihrer provokativen literarischen Vorlage von Charlotte Roche dürfte allein schon des Sex sells-Faktors wegen ein größeres Publikum gewiss sein (David Wnendts Film läuft außerdem im Wettbewerb des Filmfestivals in Locarno). Spieltrieb basiert auf dem 2004 erschienen Roman von Juli Zeh, der eine schräge Dreiecksgeschichte an einer privaten Eliteschule erzählt. Die hochbegabte und philosophisch interessierte Ada (Michelle Barthel) ist dort Außenseiterin, ihre schüchtern-rotzige Art kombiniert sie mit viel Wissen und schneidender Rhetorik. Die geht ihrem neuen Mitschüler Alev vollends ab, was er aber mit ausreichend Selbstbewusstsein und einer überaus einnehmenden Art wettmacht. Ada ist fasziniert vom schmierigen, mit dem Upper-Class-Leben deutlich affirmativer umgehenden Superschnösel – Jannik Schümann, zuletzt in einer Nebenrolle in Christian Petzolds Barbara (2012) zu sehen, mimt die Figur ungemein überzeugend, beinahe in jeder Sekunde ist man geneigt, dem breiten Dauergrinsen per Faustschlag ein Ende zu bereiten. Aus einem Zustand der Schwärmerei und Langeweile heraus lässt Ada sich auf ein undurchsichtiges Verführungsspiel ein, das laut Alev dessen Opfer, den zurückhaltend aufrichtigen Lehrer Smutek, aus seinem bornierten Leben führen soll.

Das Diktat der altklugen Weisheiten

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Die ewigen Vergleiche zwischen literarischer Vorlage und Verfilmung erscheinen müßig, und doch kommt man immer wieder darauf zurück. Man muss es fast, auch weil ein Film wie Spieltrieb sich selbst davon nicht frei macht. Der Glaube an die eigene Bildlichkeit ist lediglich zu Beginn zu spüren, statt dann aber einen spezifischen visuellen Ausdruck gewähren zu lassen, wird dieser mit bedeutsam daher kommendem Kurz-Dialog zugeschüttet. Die Ambitioniertheit des Einwebens philosophischer Denkfiguren, literarischer Bezüge und Mikro-Abhandlungen über Moral und Gesellschaft mag auf den knapp 600 Seiten in Zehs Text gelingen, für Spieltrieb wird sie zur Falle. Nietzsche, Musil und der Nihilismus offenbaren sich hier lediglich in Naheinstellungen von Buchrücken und verkürzten Phrasen der Protagonisten. In seinem Gestus des Name-Droppings steht sich Spieltrieb so selbst immer wieder im Weg, muss sich die durchaus vielschichtig und offen angelegte Dramaturgie doch immer wieder altklugen Weisheiten unterordnen. Diese verhalten sich seltsam antagonistisch zur eigenen, verfestigten filmischen Form und den letztlich verhaltenen Zuspitzungen. Erkenne dich selbst. Das Leben ist ein Spiel. Filmemachen in Deutschland scheint es so selten zu sein.

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