The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro

Ein Film wird zum Abbild eines Genres: The Amazing Spider-Man 2 – Rise of Electro ist so etwas wie der Status Quo Vadis des Superhero-Blockbusters.

In der nicht abreißenden Schwemme zeitgenössischer Superheldenfilme wird es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten. Welche Themen, welche Konflikte, kamen wo schon vor, in welcher Färbung? So wie dystopische Science Fiction immer nach Orwell, Huxley und Dick schmeckt, meint man allmählich, alles, wirklich alles schon mal gesehen, durchlitten, erstritten zu haben.

Endlich wieder Altes.

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Nun also The Amazing Spider-Man 2 – Rise of Electro. Schon der Titel zeigt an, dass sich die Super-Hero-Blockbuster inmitten all ihrer Cinematic Universes, Reboots und Spin-Offs dem hyperkomplizierten Serien-Dickicht ihrer Comicvorlagen mittlerweile in nichts mehr nachstehen. Alleinstellungsmerkmale gibt’s höchstens in Nuancen, ansonsten werden in Marc Webbs zweitem Teil des ersten Spinnenmann-Reboots (nach Sam Raimis Trilogie, die 2002 den ganzen Schwall mit lostrat) altbekannte Topoi verbastelt; Fragen zur Rechtmäßigkeit und zum Sinn des Vigilante-Daseins (Helden oder Spandex-Deppen), Fragen der Wissenschaftsethik (Biowaffen oder Weltenrettung) und Fragen der Identität natürlich (Maske oder Gesicht).

Aber jeder der neueren Superheldenfilme sucht sich für gewöhnlich ein, zwei präferierte Felder aus, die er en détail durchpflügt, während die anderen eher en passant mitgenommen werden. War das in Webbs The Amazing Spider-Man noch die Frage nach Verantwortung („Responsibility“ war hier der magische Grundbegriff), dann geht es in seinem Nachfolger vor allem um das Problem, zwischen rauschenden Heldennächten und Privatalltag zu vermitteln.

Ein bisschen Superman

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Womit wir, wiederum, in weit über die Superheldenfilme hinaus bekanntem Fahrwasser wären. Denn was ist das Lavieren zwischen Peter Parker und Spiderman (beides: Andrew Garfield) anderes als die gute alte Frage nach der Versöhnung von Beruflichem und Privatem? Spideys Freundin Gwen Stacey (Emma Stone) will ja nur Verlässlichkeit und commitment, nicht anders als x-tausend Polizistengattinnen in ebenso vielen Filmen vor ihr. Aber boys will be boys, und die Verbrecherjagd ist nun einmal verlockender als die Aussicht auf schnarchiges Paarglück. Und außerdem braucht es, hier ist der Film ganz konservativ, ein hilfloses Mädchen zum Beschützen und zum Verzichten, um in der Superman-Liga mitmischen zu können. Gen Ende wird Gwen aus ihrer Rolle auszubrechen versuchen, was für einen Moment befreiend und überraschend ist. Aber sie wird dafür bezahlen, soviel sei gesagt.

Überhaupt Superman: Die Blaupause des überstarken Beschützers, lange Zeit passé in den selbstzerfleischenden Welten des postmodernen Superheldendaseins, ist in einigen herrlich erfrischenden Anachronismen unleugbar anwesend. So gibt es schöne, unverstellte Rettungsgesten: ein vor herabfallenden Gerüsten bewahrter Polizist hier, ein vor einem heranfliegenden LKW abgegriffener Passant da, zwischendrin eine ganze Busladung voll dankbar durch die zersplitterten Scheiben schmachtender Normalbürger.

Ewig verzögerte Explosionen

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Marc Webb, der nach seinem quälend gefallsüchtigen, aber beliebten Indiehit 500 Days of Summer (2009) etwas schrullige Nerdiness in das gern bleiern moralisierende Genre bringen sollte, ist in dem Maße als Actionregisseur gewachsen, wie er als Charakterzeichner nachgelassen hat. Er ist, um es kurz zu sagen, gröber geworden. So gerät etwa Electros (Jamie Foxx) Einstand als Bösewicht auf dem New Yorker Times Square (großartig, diesen altgedienten Spielplatz fürs Katastrophische wieder mal in Schutt und Asche zu legen) zu einer ganz formidablen, ungeheuer wuchtigen Funkenschlacht.

Wie auch sonst in den Actionszenen, folgt Webbs Regie dabei der gleichen Dramaturgie wie der basssatte Metalcore (in etwa: Skrillex meets Biohazard), der Electros böse innere Stimmen auf die Tonspur schreit: Build and Release. Andauernd verlangsamt sich die Bewegung in Ultrazeitlupe, um dann mit Effektregen zu explodieren. Wenn am Ende ein Uhrwerk zusammenstürzt, und sich ein schicksalhafter Augenblick in ewige Verzögerung der Katastrophe zerdehnt, gibt es dafür auch ein der kraftmeiernden Blockbusterästhetik würdiges Bild. Gegensätze sind also Trumpf, und Webb ist gut darin, seine Bewegungen zwischen Fliegen und Fallen flirren zu lassen. Auf jedes schwingende, die Schwerkraft verlachende High folgt hier verlässlich ein dumpf drückendes Low.

Letzter Tusch für Superhelden?

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Die zarteren, privateren Szenen jedoch, die Peter-Parker-Momente, sind bis auf wenige Ausnahmen ordentlich verhunzt. Garfields schlitzohriges, schlacksiges Getaumel (sprachlich wie gestisch) wirkt deplatziert, die stets anstehenden großen Entscheidungen und intimen Offenbarungen vertragen sein Gekaspere nicht. Nur einmal gelingt es Webb wirklich, etwas aus den durchdeklinierten Identitätsfindungsqualen auszubrechen, als Peter mit seinem alten Kumpel Harry Osborne (Dane De Haan), dem blutjungen stinkreichen Erben des Oscorp-Empires, am East River Steine übers Wasser flippen lässt. Für einen kurzen Moment ist man gewillt, da nur zwei Jungs zu sehen, die eine Auszeit nehmen von den übergroßen Fußstapfen, die ihre Väter ihnen hinterlassen haben.

Von dieser Szene abgesehen sind Webbs visuelle Entscheidungen weit erfolgreicher als seine Schauspielführung, um den Kampf zwischen Peter Parker und Spiderman spürbar zu machen. Auf ganz subtile Weise formt er seinen Bildraum, macht den digitalen 3-D-Effekt in intimen Momenten mit großer Tiefenschärfe und weicher Ausleuchtung fast nichtig, um ihn durch scharf gestaffelte Flächen, weite Unschärfebereiche und grelle Lichtspielereien in den Spannungssequenzen geradezu überzubetonen. Das ist ein selten kreativer Umgang mit den verschiedenen Plastizitäten des 3D-Bildes.

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Aber all das sind Detailfreuden in einem Sumpf aus vorformatierten Fragen und Ideen. Seine thematische wie charakterliche Vagheit lässt The Amazing Spider-Man 2 schon während des Abspanns im Grundrauschen eines weit über seine ästhetischen Möglichkeiten hinaus aufgeplusterten Genres versinken. Die Superhelden, daran gibt es nichts zu rütteln, sind nun mal die eierlegenden Wollmilchsäue unserer Blockbustergeneration, sie müssen zerstreuenden Genuss mit zumindest dem Anspruch nach ernsthafter Erforschung von Sinn und Moral verbinden. Und sie werden gemolken und geschoren werden, bis Joss Whedons The Avengers 2 hoffentlich den letzten Tusch anstimmt. Bis dahin freut man sich über verblassende Erinnerungen, an Gutes wie an Schlechtes.

Trailer zu „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“


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