Spider

Spider aus dem Jahr 2002 war für David Cronenberg ein kommerzieller Flop. Dabei ist die Studie über einen Psychiatrie-Freigänger eine seiner konsequentesten und radikalsten Arbeiten.

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Der für Cronenberg so typische Körper-Horror – zum Beispiel in Crash (1996) und eXistenZ (1999), den beiden Filmen vor Spider – manifestiert sich hier nicht als technisch-biologische Metamorphose, sondern nur zurückhaltend in den gelben Nikotinfingern des Protagonisten, der entblößten Brust mitten in der Kneipe oder der Handvoll Sperma, die in Richtung Kamera geschleudert wird. Der Film lockte nur wenige Zuschauer ins Kino, er gilt trotz guter Kritiken bis heute als Nebenwerk und spielte seine Kosten nicht ein.

Dabei ist er, auch beim erneuten Ansehen nach fast zehn Jahren, schlicht großartig konsequent. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte ihn damals Cronenbergs „subtilsten, strengsten und wagemutigsten Film“. Im Vergleich zu den Vorgängern, aber besonders zu den Genre-Filmen A History of Violence (2005) und Tödliche Versprechen (Eastern Promises; 2007), die unmittelbar auf Spider folgten, wirkt er sperrig. Aber er geht, ganz langsam, unter die Haut.

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Der Horror ist ganz innerlich, unterbewusst, ein verdrängtes Kindheitstrauma. Der Vorspann zeigt Tapetenreste an Wänden, die aussehen wie Bilder von Rohrschach-Tests – ein früher Hinweis darauf, dass es darum gehen wird, Verborgenes ans Licht zu bringen. „Spider“ Cleg (Ralph Fiennes) hat 20 Jahre in einer psychiatrischen Anstalt verbracht und ist als ungefährlich freigelassen worden. In der ersten Szene steigt er aus einem Zug, Unverständliches vor sich hinmurmelnd, in seinem Hosenbund kramend, ein verwahrloster, tief verstörter Mann. Er findet Aufnahme in einer Pension für ehemalige Psychiatrie-Patienten, die von einer resoluten älteren Dame geführt wird (Lynn Redgrave).

Nach und nach wird deutlich, dass er sich in seinem Heimatort befindet und versucht, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Cronenberg stellt das ganz altmodisch dar, indem er den erwachsenen Mann im Bild belässt, wenn der kindliche Spider mit seiner Mutter in der Küche sitzt oder den rabiaten Vater (Gabriel Byrne) aus der Kneipe abholen will.

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Wie sich herausstellt, erweist sich seine Perspektive als die eines unzuverlässigen Erzählers; es hat durchaus etwas von Mystery, vom Legen falscher Fährten, wenn das Geheimnis sich nach und nach als Muttermord entpuppt.

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Cronenberg porträtiert nicht nur einfach einen schizophrenen Mann, sondern er macht sich dessen Wahrnehmung zu eigen. Es gibt in diesem Film kaum kein Bild, das eine „normale“ Wirklichkeit zeigte. Das ist nicht im Sinne blühender Fantasiegestalten gemeint, sondern als kaum merkliche Verfremdung der Umgebung. Sei es durch ein immer wieder präsentes riesiges Gasometer (Gas spielt eine Rolle in Spiders tragischer Geschichte), oder indem der imaginierte Dialog des Vaters mit einer üppigen Blondine inszeniert wird wie eine Klempner-Szene im Billig-Porno.

Auch Fiennes könnte man fast Overacting vorwerfen, wenn seine Anhäufung von Manierismen nicht so verdammt glaubwürdig und beängstigend wäre. Die Dialoge mit den anderen Pensionsbewohnern wiederum muten an wie aus einem Stück von Samuel Beckett (Lieblingssatz: „Immer, wenn ich eine Kippe rauche, treibt es meine Mutter mit einem Matrosen.“). Und tatsächlich war Beckett für Cronenberg eine Inspirationsquelle für diesen Film.

Beckett und natürlich Freud. Letztlich läuft alles auf den altbekannten Dualismus Mutter/Hure hinaus. Miranda Richardson spielt diese Doppelrolle sensationell, als vermeintlich biedere, brünette und hochgeschlossene Hausfrau und als blonde, laute ordinäre Karikatur eines Weibsbildes.

Spider ist nicht zuletzt eine Vorstufe zu Cronenbergs aktuellem Werk, Eine dunkle Begierde (A Dangeroud Method), in dem er die psychische Erkrankung nicht mehr als inneren Kampf, quasi als Kammerspiel im Kopf des Protagonisten darstellt, sondern bei der Außensicht des Kostümdramas ansiedelt. Wenn man so will, sind beide Filme ihre jeweiligen Gegenstücke. Und der ältere ist besser.

Trailer zu „Spider“


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Kommentare


Andreas Adler

Was soll das Spoilern im fünften Absatz? Mann, Mann, ey...
Ansonsten guter Artikel.


Jan

Eine gute Kritik die leider durch das Spoilern versaut wird. Bitte bitte nehmt doch die Spoiler raus, wer den Film noch nicht kennt und die Kritik vorher liest nimmt sich leider damit einiges. Danke






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