Spear

Farben werden auf Haut aufgetragen: Von der Abgeschlossenheit von Zeit, Raum und Kultur hält der Aborigenes-Choreograf Stephen Page in seinem Langfilmdebüt nicht viel. Critical-Whiteness-Anhänger könnten pikiert sein.

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Tanz ist wie Poesie: Man kann ihn nicht beim Wort nehmen. Selbst wenn er Alltagsgesten aufgreift oder versucht, Gefühle auszudrücken, muss er teilweise abstrakt bleiben – schon deshalb, weil sich eben nicht jede Bewegung in eine konkrete Bedeutung übertragen lässt. Man könnte daraus den falschen Schluss ziehen und behaupten, Tanz sei sperrig, halte seine Zuschauer Distanz. Vergleicht man jedoch die Publikumsreaktionen von Tanz- und Theateraufführungen, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Der meist deutlich überschwänglichere Jubel zeigt die Besonderheit dieser nonverbalen Kunstform: Sie erklärt sich zwar nicht immer von selbst, spricht ihre Zuschauer aber dafür auf eine emotional unmittelbarere Weise an. Stephen Page, Choreograf und Leiter des australischen Ensembles Bangarra Dance Theatre, veranschaulicht das in seinem Langfilmdebüt: Spear hat zwar etwas zu erzählen, tut es aber fast ausschließlich mit der nicht immer leicht zu entschlüsselnden Sprache des Körpers.

Ein Bastard – und stolz darauf

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Der Film lässt sich grob als Coming-of-Age-Geschichte eines Aborigine-Jungen bezeichnen. Die Handlung – oder genauer gesagt: das erste von vielen Tableaus – beginnt mit einem Initiationsritual vor Bombast-Kulisse. Während die Meeresgischt gegen majestätische Felsen spritzt, wird Protagonist Djali (Hunter Page-Lochard) von seinem Stamm mit weißer Farbe beschmiert. Im Hintergrund kokeln Kräuter in Keramikschalen, und ein Schamane stimmt dazu ein Lied an. Dabei bremst der Film schon in dieser Szene den sich androhenden Ethnokitsch aus. Die jungen Männer tragen etwa nicht nur zeitgemäße Undercuts, sondern stecken auch in abgewetzten Skinny-Jeans. Damit kündigt Page schon an, dass er nicht so viel von der Abgeschlossenheit von Zeit, Raum und Kultur hält. Vielmehr wird die Durchlässigkeit zum Hauptmotiv. Die Schauplätze sind so zahlreich wie unterschiedlich: Realistische Straßenaufnahmen wechseln sich mit Bühnen-Settings in dramatischer Beleuchtung ab und Naturkulissen mit Industrie-Ruinen. Mal wird dabei das Dröhnen eines Didgeridoos von wummerndem Dubstep überrollt, dann eine alberne Choreografie des rassistischen Songs „My Boomerang Won’t Come Back“ aufgeführt. Spear ist ein Bastard – und auch stolz darauf.

Authentizität interessiert nicht

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Page schickt seinen Protagonisten durch eine Identitätskrise, bevor er ihn anschließend zu neuer Stärke finden lässt. Zwischen angespannten Muskeln und universeller Liebessehnsucht widmet er sich dabei vor allem der Chancenlosigkeit junger indigener Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Einmal sieht man einen von Farbe verkrusteten Mann von der Decke hängen, der sich immer wieder windet und aufbäumt, sich aber nicht aus seinen Fesseln lösen kann. Dass Spear in solchen metaphorischen Szenen nicht Djali, sondern einen anderen Darsteller zeigt, ist durchaus plausibel. Allerdings bleibt der Protagonist (ein Schauspieler, kein Tänzer) auch ansonsten erstaunlich passiv. Während er zögerlich am Bildrand entlangschleicht, kommen immer wieder andere Solisten zum Einsatz, die als Stellvertreter seinen steinigen Lebensweg gehen. Dabei sehen wir, wie sich die durch die Unterdrückung verursachte Frustration gegen die eigenen Leute richtet oder die jungen Männer gleich ins Gefängnis bringt. Ungewöhnlich an der Darstellung dieser Szenen ist, dass Page – selbst indigener Abstammung – sich dabei kaum für die Kategorie Authentizität interessiert. Weiße und schwarze Farben werden auf die Haut aufgetragen, aber ebenso schnell wieder abgewischt. Und auch die weißen und indigenen Tänzer werden nicht als gesellschaftliche Oppositionen besetzt, sondern wild durchmischt. Das mag für einige Anhänger der „Critical Whiteness“ die Hölle auf Erden sein, ist bei einem Film, der sich der Diskriminierung einer ethnischen Minderheit widmet, aber tatsächlich ein ziemlich progressiver Ansatz.

Wütend gelallte Monologe

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In seiner Erzählweise ist Spear nicht ganz so progressiv. Obwohl sich die Bewegungen hier oft von selbst erklären, bedarf es auch klarer Statements. Diese fallen vor allem dem Suicide Man (Aaron Pedersen) zu – einem torkelnden Obdachlosen, der wütende Monologe über soziale Ungleichheit vor sich hinlallt. Diese Passagen fallen etwas plakativ aus, weil sie dem Körper und dem, was er zu erzählen hat, plötzlich nicht mehr trauen. Aber letztlich nehmen sie auch nur einen untergeordneten Platz im Film ein. Stephen Page scheint sich darüber bewusst zu sein, dass man nicht alles in seinem Film verstehen muss – ob nun aus mangelndem Wissen über die Aborigine-Kultur oder wegen der Vieldeutigkeit der Bewegungen. Deswegen setzt er auf jenen Aspekt, mit dem man das Publikum am leichtesten für sich gewinnen kann. Tanz ist für ihn vor allem emotionaler Ausdruck. In den mal etwas lyrischer, dann wieder musikclipartig umgesetzten Szenen ist das Fehlen von Sprache schnell vergessen. Mit dem Dilemma, nicht so präzise wie das gesprochene Wort sein zu können, muss sich Page gar nicht erst aufhalten – und kann sich dafür umso stärker auf das Dilemma seiner Hauptfigur konzentrieren.

Trailer zu „Spear“


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