Space Is the Place – Kritik

Wenn’s auf der Erde nur Krieg und Rassismus gibt, fliehen wir eben ins All: Der Jazz-Musiker Sun Ra hat eine kosmologische Mythologie geschaffen, in der sich der Wunsch nach einem neuen schwarzen Bewusstsein ausdrückt. Ein seltsamer Film aus dem Jahr 1974 ermöglicht nun, ganz in diese Gedankenwelt einzutauchen.

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Das Publikum ist verstimmt. Eigentlich ist es gekommen, um sich eine Strip-Show anzusehen, und muss sich nun stattdessen die verspielten Improvisationen des Bar-Pianisten anhören. Der Moderator gerät angesichts der angespannten Situation schon ins Schwitzen, scheucht die Tänzerinnen auf die Bühne und bettelt den Mann am Klavier an, etwas Angemessenes zu spielen. Und tatsächlich: Es bilden sich Akkorde, die schneller und gleichmäßiger werden, worauf die Mädchen synchron ihre Arme nach oben werfen. Doch die Harmonie ist nicht von langer Dauer. Plötzlich ist es, als sehe man einem Musikstück dabei zu, wie es langsam auseinanderfällt: Die Taktordnung löst sich zunehmend auf, die Melodien zerbröseln zu Einzeltönen und werden schließlich von hämmernden Dissonanzen überrollt. Nicht nur das Klavier beginnt bei diesen schrägen Klängen zu qualmen, das ganze Etablissement wird von einem Erdbeben erschüttert.

Vom Saturn, aber kein wirklicher Showman

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Diese unverschämt zugespitzte Episode aus dem frühen Leben des außerweltlichen Jazzers Sun Ra ist im Film Space Is the Place (1974) nur eine von vielen Miniaturen über die ungebändigte Kraft der Musik. Sun Ra zählt zu den markantesten Vertretern des Free Jazz und wirkt schon wegen seines Auftretens wie eine Obskurität der Musikgeschichte. Er kleidete sich in bunt schillernde Fantasiekostüme, behauptete, vom Saturn zu stammen, und war doch nie ein wirklicher Showman.

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Die Befreiung von musikalischen Strukturen und die Suche nach einer neuen Klangsprache verstand Sun Ra auch als Abkehr von einer selbstzerstörerischen, von Krieg und Rassismus geprägten Welt. Mit dem Lächeln eines sanftmütigen Erlösers wandelt er in John Coneys einzigem Langfilm durch seinen eigenen Garten Eden – auf dem Planeten Arkestra, wo er eine schwarze Kolonie errichten möchte. Hier, wo Trompeten auf Bäumen und Hände aus Blumen wachsen, wo Seifenblasen und ungehörte Sounds durch die Luft schweben und die Zeit keine Bedeutung mehr hat, soll noch einmal von vorne probiert werden, was auf der Erde nicht geklappt hat. Die Musik dient dabei sowohl als Raumschiff wie als allumfassendes Heilmittel.

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Space Is the Place ist ein seltsames Ding; eine krude Mischung aus Musikfilm, Science-Fiction-Abenteuer, Blaxploitation-Reißer und halb esoterischem, halb politischem Pamphlet. Dass der Film nun über dreißig Jahre nach seiner Entstehung in einer digitalisierten Fassung wieder in die Kinos kommt, ist nicht nur eine schöne Gelegenheit, sich von Sun Ras Musik in andere Galaxien tragen zu lassen. Mehr noch bekommt man hier Einblick in die Gedankenwelt eines der zentralen Protagonisten des Afrofuturismus. Sun Ra entwirft eine explizit schwarze Form der Science-Fiction, die fest in der afroamerikanischen Lebenserfahrung und einem Gefühl der Heimatlosigkeit verwurzelt ist. Von den alten Ägyptern spannt er den Bogen zu einer wild imaginierten Zukunft. Space Is the Place basiert überwiegend auf einer Vorlesung, die der Musiker an der Universität Berkeley gehalten hat. Ihren Inhalt bettet der Film auf einer sprunghaften Low-Budget-Version des damaligen Unterhaltungskinos. Überdrehte Komik-Einlagen kommen dabei ebenso zum Einsatz wie ungelenke Actionszenen, auf dämonische NASA-Mitarbeiter trifft man ebenso wie auf leicht bekleidete Huren. Coney schafft damit einen populären Rahmen, in dem nicht nur eine freiere Musik propagiert wird, sondern auch ein neuer politischer Aktivismus.

Für ein neues schwarzes Bewusstsein

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Dabei zeigt er immer wieder, wie die Ideen des Musikers mit der Wirklichkeit kollidieren. Nachdem Sun Ras Raumschiff in den USA gelandet ist, gründet er eine „Outer Space Employment Agency“, um Menschen für die intergalaktische Umsiedelung zu finden. Sobald den Bewerbern jedoch klar wird, dass es kein Geld geben wird, sind sie auch schon wieder verschwunden. So ganz lässt sich die antikapitalistische, pazifistische, demokratische und manchmal auch ziemlich weltfremde Ideologie eben nicht mit den schnöden Anforderungen des Alltags vereinen. Ernst gemeint ist das aber trotz allem. Die psychedelische Ästhetik, die sich durch Space Is the Place zieht, wirkt zwar unweigerlich wie der Wunsch, sich von allem Scheußlichen der Wirklichkeit abzuwenden, doch zugleich steckt in dieser vermeintlichen Realitätsflucht auch ein Aufruf zum Handeln. Wenn Sun Ra etwa versucht, in einem mit Postern von Angela Davis und Malcolm X gepflasterten Jugendzentrum zu missionieren, dann geht es ihm tatsächlich um ein neues schwarzes Bewusstsein. Eines, das sich nicht nur gegen die Unterdrückung durch ein weißes System auflehnt, sondern auch vom martialischen Auftreten der Black Panthers distanziert. Für ein wirkliches Manifest ist Space Is the Place zwar zu esoterisch. Aber wo bliebe die Schönheit, wenn es nicht noch Raum gäbe, in dem sich die Fantasie und der Zauber der Musik entfalten könnten.

Trailer zu „Space Is the Place“


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