South

Joachim Krenn und Gerhard Fillei zeigen mit South eine eigenwillige Neo-Noir-Variation und manövrieren den Film in ein Wechselspiel aus Regelhaftigkeit und Überformung.  

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Ein Verbrecher auf der Flucht. Und dahinter eine wahrlich unglaubliche Entstehungsgeschichte. Einen Mangel an Ambitionen für die kryptische Kriminalgeschichte kann man den beiden Autoren schon einmal nicht vorwerfen. Zwölf Jahre lang arbeitete das Team um die zwei Österreicher an dem Sisyphos-Projekt. Mit viel Engagement und Ehrgeiz gelang es ihnen schließlich, den Film 2010 fertigzustellen. Man darf sich also wundern, mitten im New Yorker Setting die intakten Twin Towers zu entdecken, und der Film rüttelt damit, unfreiwillig versteht sich, am kollektiven Gedächtnis der Zuschauer. Dieser Umstand trägt allerdings zu seiner zentralen Motivik bei. Denn South ist ein Film der Erinnerungsorte, der fragmentarischen mentalen Rekonstruktion von Räumen und Ereignissen, die schließlich im Stadtraum New York City kumulieren.

Nach einem Überfall flüchtet der verwundete Bankräuber Bruce McGray (Matthew Mark Meyer) in die Metropole, um anschließend weiter nach Südamerika vordringen zu können. Jahre zuvor verliebte er sich dort in Maria (Jimena Hoyos), die ihm ein sonderbares Tagebuch einer unbekannten Frau (Nina Hader) zukommen ließ. Dies lässt quälende Erinnerungen in ihm aufsteigen, und die Flucht vor dem FBI wird auch ein Kampf mit Bruce’ Vergangenheit.

South 03

In schwarzweißen Bildern dem Film noir huldigend, konstruieren die Regisseure einen hektischen Reigen der Erinnerungsfetzen. Sukzessive werden die Ereignisse bis zur finalen Rekonstruktion zusammengetragen. Die eigentliche Story erweist  sich als immens reduziert, denn die Gedankenbrocken werden ausgesprochen häufig wiederholt. Dieser enorm hohen Redundanz steht ein eigenwilliger Inszenierungsstil gegenüber, der vor allem durch die Handkameraarbeit und eine hohe Schnittfrequenz auffällt. Damit könnte South durchaus als interessante Hommage mit visueller Eigenständigkeit durchgehen, und doch ist der Film in vielerlei Hinsicht unachtsam. Es gelingt ihm nicht, eine schlüssige Gesamtökonomie zu orchestrieren und er zerfällt schließlich in seine Einzelteile.

South setzt auf bekannte Versatzstücke der „Schwarzen Serie“: formal dominieren Rückblenden, auf der Plotebene das Motiv des flüchtenden Verbrechers. Auf diesem Grundriss setzt schließlich eine Stilisierungswut ein, die das Gesamtkonstrukt bald gefährdet.South ist nicht daran gelegen, seine Motive geschickt zu arrangieren, sondern sie durch ihre formale Umsetzung zu unterminieren und obsolet zu machen. In einer undurchdringlichen Schnittfolge verketten sich Szenen zu wirren Bildabfolgen. Dabei beraubt sich der Film selbst seiner Dramaturgie und verrückt Genreelemente ins Gleichgültige.

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So beispielsweise bei der Wahl der Location. Der Stadtraum New York City fungiert als Konflikt- und Aktionsfeld. Doch South behandelt die Metropole wie eine willkürlich gewählte Spielwiese, in der sich hemmungslos Bilder unzähliger Plätze entfalten. Äußerst merkwürdig gestaltet sich dabei eine temporeiche Parallelmontage zwischen den Erinnerungen an den Bankraum und der Übungsstunde in einem Tanzstudio, in dem sich Bruce’ spätere Fluchtgehilfin Dana (Claudia Vick) befindet. Zum einen ist diese Verschmelzung für den weiteren Verlauf des Films nicht von Belang, zum anderen trägt sie zur weiteren Verwischung des Handlungsverlaufs bei. Szenen an verschiedenen Orten der Stadt fließen oftmals unmerklich ineinander über, stiften Verwirrung, sind schwer zu differenzieren.

Doch auch als Experimentalfilm scheitert South, denn trotz aller inszenatorischen Eigenheiten und der nichtlinearen Narration erzählt der Film eine abgeschlossene, konventionelle Geschichte. Ihre verschiedenen Fragmente umspannen einen festen zeitlichen Rahmen und werden konsequent abgearbeitet. So scheuen sich die Regisseure auch nicht vor einer unspektakulären Klärung des Konflikts.

South 07

Im Endeffekt funktioniert South weder als Genre- noch als Kunstfilm. Ihm gelingt es nicht, die Codierungen des Film noir genregerecht zu verwenden. Andererseits beharrt er auf der Konsequenz seiner Narration, setzt auf eine unzweideutige Auflösung und schafft es sogar, seine Hauptfigur am Ende einer Psychologisierung zu unterziehen. Mit seiner ausgeprägten Divergenz fällt South aktuell weit hinter seinen ausgezeichnet inszenierten Kinokonkurrenten Im Schatten (2010) zurück. Daran können selbst 12 Jahre Arbeit nichts ändern.

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Kommentare


Silbataka

Der Film bekommt mit seiner deutschsynchronisierten(vorgestern gesehen bei Weltpremiere im Rahmen d.Filmfetivals Biberach) Fassung für den deutschsprachigen Zuseher eine Art Magnetismus,dem man sich unmögliche entziehn kann!! Auf grund seines vielschichtigen Handlungsaufbaus übertrifft er meiner Mainung nach "IM Schatten" um einige Schuhnummern!!


tonyphlex

ich finde der film ist grossartig gedreht (bewegte unscharfe kameraführung) und geschnitten. die ästhetik passt perfekt dazu.
leider kann die musik nicht mithalten.
der geschichte fehlen einige teile, vielleicht sind diese im schnitt geopfert worden (?).
wenn man den film nicht gesehen hat, hat man nichts verpasst. wenn man den film gesehen hat, wird man lange was davon haben.
ich will ihn nochmal sehen.
hochachtung für Joachim Krenn und Gerhard Fillei für den einsatz.


Martin Paul

Ein toller, ein besonderer, ein herausragender Film.
Der Kritik hier kann ich deshalb keineswegs zustimmen






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