Source Code

Fortschritt und Wiederholung: Mit vielen kleinen Toden versucht Duncan Jones, die Science-Fiction am Leben zu erhalten.

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Schon mal wiederkehrende Albträume gehabt? Angst vor dem Einschlafen, der Dunkelheit, weil jede Nacht das gleiche Unheil droht; Verfolgung, Sturz, vielleicht sogar der Tod? Unausweichlich verfangen in einer fixen Fantasie, die ängstigt und doch auch lockt? Klar, wir kennen das und nennen das den Wiederholungszwang. Bei Freud und Jung stand eine Formel fest: Was oftmals ähnlich oder gleich geträumt oder gewünscht wurde, ist ganz besonders wichtig für das Seelenheil. So viel zur Science.

Jetzt zur Fiction. Man stelle sich vor, es gäbe eine Art Maschinerie, die ein Gehirn mit einem andern kurzzuschließen vermöge. Weiterhin akzeptiere man die These, dass unmittelbar nach dem Tod des Organismus im Hirn noch genug elektrische Spannung herrscht, um Informationen über die letzten Lebensmomente zu speichern. Sagen wir: acht Minuten. Jetzt nur noch Hirn mit Hirn verbinden, und schon ist man mitten in den letzten 480 Sekunden eines Verstorbenen. Und jede einzelne zählt.

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Denn in Source Code geht es erst mal nicht um das psychische Wohl eines einzelnen, sondern um das politische Wohl einer ganzen Gesellschaft. Helikopterpilot Captain Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) durchlebt nicht die eigene Psychose wieder und wieder, sondern (dank eben jener Brain-to-Brain-Technik) die letzten Minuten eines gewissen Sean Fentress. Der wiederum wurde auf dem Weg zur Arbeit mitsamt seiner charmanten Kollegin Christina (Michelle Monaghan) und einem ganzen Pendlerzug von Terroristen in die Luft gesprengt. Und Stevens muss nun so lange in achtminütigen Missionen durch den Zug hetzen, bis er den Bombenleger identifiziert hat. Sonst geht ganz Chicago hoch; so sicher, wie Stevens immer wieder hoch geht. Denn am Ende steht stets der Tod.

Schon Moon (2009) wurde hie und da als lange überfälliges Update der Science Fiction gelobt. Und mit seinem zweiten Film setzt Regisseur Duncan Jones dieses Projekt fort: die Wiederbelebung des Genres durch die Umkehrung der Verhältnisse. Psychologische Raffinesse statt tricktechnischen Selbstzwecks. Filme wie Avatar (2009) oder die Transformers-Reihe (Transformers, 2007; Transformers – Die Rache, Transformers – Revenge of the Fallen, 2009) waren der Wissenschaft zuletzt eher durch die Techniken des Filmemachens an sich verpflichtet, als dass diese zum Mittel spekulativer Überlegungen gemacht wurden. Darunter verkümmerte das Erzählen: Aus einem ehedem avantgardistisch-nerdigen Genre waren eskapistische Episoden inmitten des Status quo geworden.

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Dem stellt Duncan seine psychopathologischen Kammerspiele entgegen, die Fragen der Plausibilität technischer Entwicklungen stets in Fragen der narrativen Wirkung umformulieren. Womit er natürlich nicht alleine dasteht: Gerade bei Autoren wie Asimov und Lem sind die Domänen der Wissenschaft und des Erzählens immer schon in einem unablässigen Wechselspiel von Form und Inhalt verschachtelt. Fictional science, scientific fiction.

So nachlässig und salopp Jones relevante Informationen über die Technik offenbart, so präzis arbeitet er Mechaniken der menschlichen Psyche aus. Wie bei Moon minimiert er dazu Handlungszeit und -raum sowie Personal auf das Nötigste. Stevens’ Prä-Mortem-Trips im Zug wechseln sich ab mit Briefing-Sequenzen, in denen er, eingeschlossen in eine metallene Kapsel wie in einen dunkel-kalten Mutterleib, Anweisungen von Frau Captain Goodwin (Vera Farmiga) über Funk und Videobildschirm empfängt.

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Mehr darf nicht verraten werden, will man Source Code nicht seiner prinzipiellen narrativen Funktion berauben: des allmählichen Erkennens immer tieferer Schichten der repetitiven Situationsdynamiken. Leichter: Es wimmelt von plot twists. Nur so viel sei gesagt: Wie Moon ist auch Source Code ein im Herzen existenzialistischer Film. Und wie sein Vorgänger ist auch Jones’ jüngstes Werk eines, das auf charmante Weise eigentlich nicht viel Neues schafft, aber auf die richtigen Vorbilder verweist. Man kann sich Source Code als von Hitchcock inspirierte Variation auf die Themen von Chris Markers Am Rande des Rollfelds (La Jetée, 1962) vorstellen, mit einer Liebesgeschichte eher à la Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day, 1993) denn Twelve Monkeys (1995).

Es gibt also viel philosophische Knabbereien in diesem Film, doch will Source Code erst mal nicht denken lassen, sondern unterhalten. Und so wird vieles, was gedanklich fasziniert, auf etwas unterkomplexe Weise verhandelt. Prinzipiell gehorcht alle Handlung recht abgegriffenen Standards: Boy meets girl und last minute rescue. Im Guten wie im Schlechten verfällt Source Code damit seiner inhärenten Logik des Wiederholungszwangs: Zitat starker Vorläufer und Kopie altbekannter Schwächen. Source Code ist clever, traut sich aber nicht, die (Un-)Tiefen seines Szenarios wirklich auszuschöpfen. Über den Film nachzudenken macht letztendlich fast mehr Spaß, als ihn zu schauen. Was weder heißen soll, dass der Film langweilt, noch dass er dämlich ist. Nur dass mehr drin gewesen wäre.

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Kommentare


Jsteeva

Duncan Jones schafft, was dem Macher von Inception misslang: Er weckt Emotionen, regt nicht nur zum Mit- und Nachdenken, sondern vor allem zum Mitfühlen an. Source Code hat - genau wie Moon - einen genialen Plot, dessen Ende einen noch Tage später beschäftigt.


Gerry

Wir waren gestern (17.06) zu fünft im Kino und haben uns das Streifchen angeschaut. Hat uns allen sehr gut gefallen, sehr spannend und überaus genial gespielt, das Ende jedoch blieb uns allen ein Rätsel, es ist völlig unlogisch und gibt dem Film eine Art "Enttäuschung", man bekommt das Gefühl nicht los das man "um Teufel komm raus" ein Happy End haben wollte das diesem Film einige Minuspunkte einbringt. Aber ansonsten genial gut gemacht.


brondo

Wenn ich das ganze richtig verstanden habe, steuert der Hauptdarsteller sein eigenes Happy End.Ich finde darum darf der Film auch ein bisschen kitschig und mit Militärpathos gespickt sein. Schließlich ist er ja ein Ami und Soldat.






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