Sound it Out

High Fidelity im rauen Nordosten Englands. Jeanie Finlays Film macht aus dem letzten überlebenden Plattenladen in Stockton-on-Tees einen Ort der Sinngebung.

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Eingefleischte Punkrocker und 50er-Jahre-Fans liegen zwar musikalisch meilenweit auseinander, aber in Stockton-on-Tees haben sie doch eines gemeinsam: Die Bezugsquelle ihrer Passion ist Tom Butcharts Plattenladen, Sound it Out Records. Das kleine, vollgestopfte Geschäft ist eine letzte, verqualmte Insel voll musikalischer Vielfalt in dieser heruntergewirtschafteten Kleinstadt im nordöstlichen England. Außer von Raritäten auf Vinyl lebt der Film aber vor allem von Inhaber Tom und seinen einzigartigen, manchmal mehr als kauzigen Kunden, die Sound It Out Records bevölkern. Egal wie speziell oder trivial der Wunsch ihrer Kundschaft auch ist, Tom und sein Mitarbeiter David gehen allem ohne Wertung, manchmal auch nur auf der Basis eines Summens nach, und so schleicht sich neben viel guter Musik auch ein seltsames Gefühl von Zugehörigkeit in den Regalen zwischen so disparaten Künstlern wie Dire Straits, Eddie Murphy, De La Soul, Siouxsie and the Banshees und Blondie ein.

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Obsessive Sammler, Schallplattenneurotiker, auf den Durchbruch wartende Hardcore-DJs, Eigenbrötler, Unverstandene und äußerst charmante Rockdinosaurier finden sich in Finlays Porträt über das kleine Vinylmekka, umgeben von Abriss- und Ausverkaufstimmung. Die englische Künstlerin und Filmemacherin hat für ihren Film ein eher ungewöhnliches Set von Protagonisten gewählt, in deren Mikrokosmos sie sich langsam einfindet. Mit verschmitzter Zuneigung widmet sich Sound It Out seinen Beobachtungen zwischen Plattenstapeln und den vier Wänden ausgewählter Kundschaft. Finlay richtet ihren Fokus hierbei auf Männer, die sich im alltäglichen Leben eher im Abseits bewegen und aufgrund ihrer Schüchternheit und Unscheinbarkeit leicht übersehen werden.

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Dadurch kommen sicher nicht die größten aller Geschichten zum Vorschein, dafür aber einige der ungewöhnlichsten. Ob Eingeständnisse über Headbanging als einzigen Sinn im Leben der Metal-Teens Gareth und Sam, Einblicke in Chris’ akribisch alphabetisierte Regale im dafür ausgestatteten Raum samt altarähnlicher Anordnung des Plattenspielers oder Shanes museale Sammlung von Status-Quo-Artefakten und der Wunsch vom Vinylsarg, schnell wird deutlich: Das vom Aussterben bedrohte Areal des Vinyls und die damit verbundene Subkultur sind ein Ort der Sinngebung. Zwischen den einfühlsamen und humorvollen Tönen findet sich dabei immer wieder auch ein leicht bitterer Beigeschmack des vergangenen Glanzes und der wirtschaftlichen Depression. Auch wenn Vinyl gerade eine Art zweite Welle erlebt, lässt sich in der grauen Umgebung Stocktons, fern vom gut angezogenen und bunt gestylten London, das Gefühl von Hoffnungslosigkeit nun mal nicht leugnen.

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Mit einnehmender Leichtigkeit montiert Finlay ihr Puzzle aus Interviewsequenzen und Aufnahmen aus dem Shop mit denen der tristen Umgebung, unterlegt mit einer musikalischen Auswahl, so vielfältig wie die Charaktere des Films, von Allo Darlin’ über Defnoyz bis Mutant. Letztlich findet der Film etwas in dieser grauen, heruntergekommen Ortschaft, was man eher im East End oder in Soho vermuten würde: das Existenzielle der Musik – in welcher Form es sich auch immer äußert, ob im Verlangen, alles einmal gehört zu haben, oder in der Möglichkeit, Sprachlosigkeit Ausdruck zu geben. Ganz nebenbei zeigt die Engländerin, was mit der digitalen Revolution und dem Vormarsch von Musikmegastores verloren gehen kann: ein Platz, an dem ein Mensch hinter der Theke eine Empfehlung von sich gibt. Das ist es, was Finlay neben viel Plattennostalgie einfängt mit ihrem Blick hinter Unscheinbarkeit und triste, bröckelnde Fassaden; damit wächst ihr Film auch über ein Porträt von Sammlerwahn und Liebhaberextravaganz hinaus. In Sound It Out geht es neben der religiös praktizierten Leidenschaft für Musik vor allem auch darum, einen Ort des Austausches, der Andersartigkeit, der Akzeptanz und der Hoffnung zu zeigen – und hinter den Aufnähern auf der Jeansweste die Tür zur Welt zu öffnen.

Trailer zu „Sound it Out“


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