Soul Boy

Eine Frau mit Kuhbeinen, sieben Aufgaben und die erste Liebe – der von Tom Tykwer produzierte Soul Boy ist aus einem Film-Workshop in Kenias Hauptstadt Nairobi entstanden und erzählt ein Slum-Märchen aus Kindersicht.

Soul Boy 04

Kibera zählt zu den größten Armenvierteln Afrikas. Vermutlich leben über eine Million Menschen in diesem kenianischen Slum, darunter etwa 600.000 Kinder. Ihr Alltag ist hart: Oft sind die Familien durch Armut, Krankheit oder Gewalt zerrüttet. Für jahrelangen Schulbesuch und eine gute Ausbildung fehlen häufig das Geld und die Ressourcen. Verschiedene internationale Projekte und NGOs richten sich an diese jüngsten Slumbewohner, darunter der Verein „One Fine Day“, der Kunstunterricht an den Schulen veranstaltet. Hier arbeitet auch Marie Steinmann regelmäßig. Mit ihrem Lebensgefährten Tom Tykwer hat sie 2008 in Kibera eine Filmwerkstatt ins Leben gerufen.

Soul Boy ist das erste Projekt dieser kenianisch-deutschen Kooperation. Das Team bildete sich als Mischung aus einheimischen jungen Talenten und europäischen Mentoren. Darunter sind die 30jährige ghanaisch-kenianische Nachwuchs-Regisseurin Hawa Essuman und der bekannte kenianische Autor Billy Kahora, ebenso wie der deutsche Kameramann Christian Almesberger oder der Production Designer Uli Hanisch. Trotz kleinem Budget wurde auf 35mm gedreht – mit Laiendarstellern aus den Slums von Nairobi. Deren Innenperspektive war den Filmemachern wichtig. Denn anders als in aufwendigen Politthrillern wie Der ewige Gärtner (The Constant Garderner, 2005) geht es diesmal nicht um die Machenschaften westlicher Großkonzerne und deren menschenverachtende Ausbeutungsstrukturen in Afrika. Auch ein schonungsloses Sozialdrama wie City of God (Cidade de Deus, 2003) war nicht das Ziel. Dafür nimmt Soul Boy die Sicht zweier Kinder ein, die im Laufe einer möglichst rasanten Geschichte, die traditionelle Mythen mit Realismus paart, ein wenig erwachsener werden.

Soul Boy 06

Der Sage nach sind Nyawawa unheilbringende Geister, denen man besser aus dem Wege geht. Doch mit genau so einem Geist hat sich der Vater des 14jährigen Abi eingelassen. Die Frau mit den Kuhbeinen hat dabei die Seele des Mannes geraubt. Abi (Samson Odhiambo) wagt sich zur Nyawawa und fordert sie heraus. Und tatsächlich: Wenn er sieben Aufgaben löst, kann er seinen Vater retten. Das Nachbarsmädchen Shiku (Leila Dayan Opollo) hilft ihm mehr als einmal dabei, zu erkennen, welcher Weg auf dieser mehrstufigen Heldenreise der richtige ist.

Die Handkamera rast mit Abi durch das Gewirr der Menschen und Wellblechhäuser – ein wenig wie Lola rennt in Nairobi. All die wichtigen Themen das Slumlebens werden ganz nebenbei miterzählt: die Gefahren von Trunkenheit, Aids und Gewalt, die Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen oder die Differenz zwischen der Armut in Kibera und dem Reichtum weißer Hausbesitzer außerhalb. Auch überkommene Männer- und Frauenbilder werden angegriffen: zum einen durch die selbstbewusste, von der 14jährigen Leila Dayan Opollo großartig gespielte Shiku, zum anderen durch die Nyawawa selbst – denn diese stiehlt vornehmlich untreuen Ehemännern ihre Seelen.

Soul Boy 07

Soul Boy lief 2010 auf der Berlinale in der Teenie-Sektion „Generation“. Für ein Kinder- und Jugendpublikum ist das 60minütige Abenteuer mit dem leicht überschaubaren Plot sicher spannend und bietet zugleich einen realistischen Einblick in die Welt von Kibera, ohne zu drastisch zu werden. Erwachsene könnten sich an der Vorhersehbarkeit der Geschichte und der deutschen Synchronisation stören, denn das Sprachgemisch des Originaltons wäre interessant zu hören gewesen und hätte durch eine Untertitelung noch mehr Authentizität und vielleicht auch inhaltliche Zusammenhänge transportiert. Im Slum wird nicht nur eine Kombination aus Englisch und Swahili gesprochen, sondern auch die Sprachen der oft rivalisierenden Ethnien Luo und Kikuyu. „Was macht die Kikuyu-Tussi hier?“ greifen dann auch Abis Luo-Kumpel dessen Freundin Shiku mehrmals an. So ist letztlich die wichtigste Aufgabe, die Abi bewältigen muss, im Leben für sich und für andere einzustehen.

Soul Boy 10

Einen kleinen Einblick in die Dreharbeiten von Soul Boy, bei dem teilweise die Bewohner ganzer Straßenzüge spontan mitspielten, bieten Szenen im Abspann. Hier hört man auch kurz die Landessprachen. Tom Tykwer und Marie Steinmann planen indes schon die nächste Produktion im Subsaharischen Afrika.

Trailer zu „Soul Boy“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.