Sonnensystem

Thomas Heise zieht es in seinem neusten Film auf ungewohntes Gebiet, zu einer indigenen Gemeinde im Nordwesten Argentiniens.

1A Tinkunaku Santa Cruz Winter

Thomas Heise hat sich seit den 1980er Jahren in seinen Dokumentationen immer wieder den Abgründen (ost-)deutscher Lebensrealitäten gewidmet: vor der Wende etwa den von sozialistischer Ideologie infiltrierten Institutionen (Volkspolizei 1985, 1985), nach der Wende den Menschen, die mit den neuen Verhältnissen überfordert sind und ihr Schicksal in die falschen Hände legen (Stau – Jetzt geht’s los, 1992). Selbst wenn sein Blick auf Individuen gerichtet ist, lässt sich deren Situation nur vor den historischen Umwälzungen in Deutschland verstehen.

Jetzt hat dieser Chronist jüngerer deutscher Geschichte im Auftrag des Goethe-Instituts Buenos Aires seinen ersten Film über ein Thema gemacht, das mit seiner Heimat rein gar nichts zu tun hat. Das Konzept hinter Sonnensystem ist die Schilderung des Alltags einer indigenen Gemeinde, der Kolla von Tinkanaku. Diese im Nordwesten Argentiniens angesiedelte Bevölkerungsgruppe lebt inmitten einer imposanten, von Bergen umgebenen Landschaft, völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Heise gewährt einen Einblick in das ursprüngliche Leben der Kolla: ihre kollektiv betriebene Landwirtschaft, ihr Handwerk, ihre religiösen Rituale und ihre Feste.

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Sonnensystem verzichtet dabei weitgehend auf die manipulativen Methoden, der sich viele Dokumentationen, besonders wenn sie einem westlichen Publikum eine fremde Kultur nahebringen wollen, bedienen. Kein Voice-over, keine Interviews – wie sie Heise in seinen früheren Filmen durchaus einsetzte – oder erklärende Zwischentitel kommen dem Zuschauer entgegen. Ebenso wenig sollen universelle Emotionen und Alltagsprobleme der Dorfbewohner die Illusion verleihen, man sei ihnen nahe, keine konstruierte Handlung soll die Beobachtungen in eine leicht konsumierbare Form verpacken. Allein über die Beobachtung von Vorgängen soll der mündige und geduldige Zuschauer den Alltag der Kolla kennenlernen. Die wenigen Dialoge unter den Dorfbewohnern – gesprochen in einem indigen gefärbten Spanisch – werden nicht einmal untertitelt, wodurch die Menschen bis zum Schluss Fremde bleiben und sich die Aufmerksamkeit auf äußere Handlungen verlagert.

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Nachdem die Kamera in den ersten Einstellungen ausführlich die Landschaft abtastet und den Lebensraum erkundet, folgen mehrere in sich geschlossene Szenen, die sich einem bestimmten, meist handwerklichen Aspekt widmen. Zunächst ist ein Mann zu sehen, der mit einer Schaufel einen Schlammberg auflockert. Dann kommt ein anderer und bringt diesen mit einer Schubkarre weg. Es braucht einige Minuten und einen aufmerksamen, die Bilder nach Informationen absuchenden Blick, um zu verstehen, dass die Männer hier den Schlamm in Formen gießen, um daraus Ziegel für ihre Häuser zu brennen.

7SONNENSYSTEM Schlachtung

Das Konzept, einen Film ausschließlich über Bilder zu erzählen, ermöglicht ein ungewohnt aktives Seherlebnis, bringt aber im Falle von Sonnensystem auch seine Nachteile mit sich. Die meisten Beobachtungen sind leicht verständlich: ein kleiner Junge beim Mahlen, die Kastration und später auch Schlachtung eines Ochsen, die Bearbeitung und Verzierung von Leder oder ein surreal anmutendes, karnevalsartiges Fest, bei dem die Kinder mit gruseligen Masken über Wiesen laufen. Ohne jegliches Wissen über die Kolla, ihre Kultur und ihre Religion – einer Mischform aus Naturreligion und Christentum – lässt sich das Geschehen aber nicht immer ohne Weiteres entschlüsseln.

Mit seiner spröden Form und seinem Augenmerk auf ursprüngliches, vom Aussterben bedrohtes Handwerk erinnert Sonnensystem streckenweise an Agrarian Utopia (Sawaan baan na, 2009) von Uruphong Raksasad. In einer Mischung aus dokumentarischen und fiktiven Elementen geht es darin um zwei Familien, die der industrialisierten Landwirtschaft trotzen und ausschließlich von natürlichen Ressourcen und deren handwerklicher Verarbeitung leben. Beide Filme schärfen nicht nur den Blick, sondern fungieren auch als Archive für veraltete und vom Verschwinden bedrohte Arbeitsmethoden.

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Kurz vor seinem Ende kommt es dann noch zu einem stilistischen Bruch. Die Bewohner machen sich auf den Weg nach Buenos Aires, und der Film schließt mit einer langen Plansequenz entlang den Randgebieten der Hauptstadt. Während im Hintergrund schon die ersten Hochhäuser erscheinen, sind Müllberge zu sehen, zwischen denen die Menschen in aufeinander getürmten Containern leben. Zum ersten Mal greift Heise hier auf nondiegetische Musik zurück, auf das Stück „Lacrymosa“ des usbekischen Komponisten Dmitri Yanov-Yanovski. Schon in seinen letzten beiden Filmen Kinder. Wie die Zeit vergeht. (2007) und Material (2009) verwendete Thomas Heise Neue Musik – beide Male von Charles Ives –, um sein dokumentarisches Material zu entfremden. Diesmal fungiert die Musik auch als Kommentar. Das titelgebende Weinen setzt Heise in Verbindung zu dem scharfen Kontrast zwischen einem fast unberührten Ort, an dem Armut nicht wirklich existiert, und einer verdreckten, von Elend gezeichneten Großstadt.

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