Sonic Mirror
Mika Kaurismäki hat Billy Cobham, einen der einflussreichsten Schlagzeuger der Welt, in mehrere Länder zu verschiedenen Auftritten begleitet – und dabei eine Art musikalische Universal-Philosophie gefunden.
Jazz-Rock und Fusion, Bigband und südamerikanischer Karneval, Finnland und Brasilien: Billy Cobham verschmelzt Orte so unbekümmert wie Musikstile und ist als eine Art Weltbürger in Sachen Klang unterwegs. „Es gibt nur eine Sprache auf der Welt“, sagt er in dem Dokumentarfilm Sonic Mirror von Mika Kaurismäki einmal, „und das ist die Musik.“ Der Satz klingt wie ein Allgemeinplatz, der in jeder Dokumentation über jeden Musiker vorkommen könnte, aber hier wird er mit Leben gefüllt. Regisseur Kaurismäki begleitet sein Subjekt über die ganze Welt: Von Finnland, wo Cobham mit einem Orchester spielt, und Brasilien, wo er mit Kindern aus der Nachbarschaft auf der Straße trommelt, nach New York, wo er seinem alten klavierspielenden Vater lauscht und mit der Percussion-Gruppe Okuta alte nigerianische Rhythmen ausprobiert – bis in die Schweiz, wo Cobham mit Autisten musiziert.
Aber Sonic Mirror begnügt sich nicht mit der Abbildung von Internationalität und multikulturellem Leben zwischen modernem Jazz und traditioneller Yoruba-Musik, sondern er führt all diese Einflüsse filmisch und akustisch zusammen: in einer knapp viertelstündigen Sequenz am Ende, die in der Schweiz beginnt, in Brasilien weitergeht und dann ortlos wird – oder besser: überall zugleich ist, wie der mäandernde Fluss bei Hermann Hesse. Kaurismäki unterschneidet die Aufnahmen von Cobham und den Autisten, die sich ganz ganz langsam einen gemeinsamen Rhythmus erarbeiten, mit Bildern eines Auftritts der afro-brasilianischen Gruppe Malê Debalê in der brasilianischen Stadt Salvador-Bahia, übernimmt dann deren Tonspur und mischt sie behutsam mit jener der Autisten.
Das Ergebnis ist eine Verschmelzung, die wie wenig anderes die kommunikative Kraft von Musik deutlich macht, als Spiegel der Seele und als Weg aus psychischer wie sozialer Qual. Alle scheinen sich plötzlich in demselben Raum zu bewegen, nach demselben Rhythmus, aufgeweckt durch ein sehr langsames Crescendo und ein zartes, sich Zeit lassendes Accelerando.
Ähnlich wie der deutsche Dokumentarfilm Rhythm Is It! (2004), aber nüchterner erzählt, geht es in Sonic Mirror also um die utopische Kraft des gemeinsamen Musizierens, das der Bildung dient, dem Selbst-Bewusstsein, der Mensch-Werdung. Eine Gruppe wie Malê Debalê, die aus mehreren Tausend Mitgliedern besteht, kommt in der Gemeinschaft der afrikanischstämmigen Einwohner der Favelas von Brasilien eine wichtige soziale Rolle zu. Ihr Auftritt zum Straßenkarneval ist auch eine Demonstration gesellschaftlicher Selbstbehauptung. Die Kids trommeln fröhlich drauflos, anders als die Autisten in der Schweiz – Cobhams Wahlheimat – die zunächst zaghaft die Membranen berühren und sich eine Sprache erst erarbeiten. Am Schluss stehen auch sie hüpfend und Rasseln schwingend da, wie befreit.
Abgesehen von dieser menschenfreundlichen Philosophie, die Sonic Mirror zugrunde liegt, ist der Film auch eine Gelegenheit, einen der besten und berühmtesten Schlagzeuger der Welt bei der Arbeit zu beobachten. Billy Cobham zuzusehen, wie er mit vier (!) Drumsticks gleichzeitig seine Trommeln bearbeitet, ist allein schon ein Erlebnis.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 14.10.2009
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Film-Angaben
Titel: Sonic Mirror
Schweiz, Finnland, Deutschland 2008
Laufzeit: 79 Minuten
Regie: Mika Kaurismäki
Drehbuch: Uwe Dresch, Mika Kaurismäki, Marco Forster
Produktion: Uwe Dresch, Marco Forster, Mika Kaurismäki, Rose-Marie Schneider
Bildgestaltung: Jacques Cheuiche
Montage: Uwe Dresch, Oli Weiss
Musik: Uwe Dresch
Darsteller: Billy Cobham, Malê Debalê, Tunji Beier, Rabiu Ayandokun, Ron Reeves, Janne Murto, Martti Lappalainen, Randy Brecker
Kinostart: 15.10.2009
Copyright Sonic Mirror
Fotos: © RealFiction
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