Sonatine

Sterben ist ein Kinderspiel.

Sonatine

Der Film mit den Strandspielen. Wohl jedem, der Sonatine einmal gesehen hat, wird dies schlagwortartig so oder ähnlich in den Sinn kommen. Die Spieler: ein paar Gangster, die in einer kleinen Hütte am Meer unterschlüpfen und wochenlang die Zeit totschlagen. Die Spiele: heiter, kindlich, todessehnsüchtig. Frisbeescheiben im Flug mit Kugeln durchsieben. Sich gegenseitig in Sandgruben stürzen lassen. Per Schere-Stein-Papier den nächsten Schützen beim Russischen Roulette auslosen. Sich bei Nacht mit Leuchtpistolen beschießen. Schon die letztgenannte Szene strahlt in der Erinnerung heller als ganze Oeuvres anderer Regisseure.

Wenn man Sonatine, Kitanos dritten Film und ersten Achtungserfolg im Westen, nach Jahren wiedersieht, staunt man, wie wenig Handlungszeit diese Spiele einnehmen: Aneinandergereiht wäre es vielleicht eine Viertelstunde. Dass sie so präsent bleiben und vieles andere verblasst, ist gewissermaßen eine Annäherung an die Wahrnehmung der Hauptfigur. Denn für niemanden sind die wenigen Spuren einer Geschichte, die sich um diese Szenen lagern, so bedeutungslos geworden wie für den Helden selbst.

Sonatine

Murakawa (Takeshi Kitano), ein seines Berufes müder Yakuza, wird von seinem Chef nach Okinawa geschickt, um einen Streit zwischen zwei rivalisierenden Gangs zu schlichten. Doch der Auftrag entpuppt sich als Falle, bei der Murakawa selbst aus dem Weg geräumt werden soll. Nachdem seine Leute einer nach dem anderen umgebracht wurden, beginnt er einen letzten Rachefeldzug. Auch wenn man diesen Plot mit etwas Konzentration aus den kargen Dialogen des Films destillieren kann, führt die Nacherzählung in die Irre. Sonatine ist ein Film, den man öfter sehen muss, nicht um den Plot besser erschließen, sondern um ihn immer müheloser als Ballast abwerfen zu können.

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Was an Handlung übrig ist, ist nur noch Epilog, oder schon Nachspiel eines Epilogs. Die erste halbe Stunde zeigt Murakawa noch bei der „Arbeit“ in Tokio, bei drögen Besprechungen, bei der Erpressung und Ermordung eines Spielhallenbesitzers. Der Film läuft noch halbwegs linear, bevor er am Strand von Okinawa in eine Kreisbahn einschwenkt. Doch etwas „entwickelt“ wird auch hier schon nicht mehr. Mukarawa, ein müder Mörder, von Mord und Totschlag umgeben, hat sich längst entschlossen, auszusteigen.

Sonatine ist ein Film über das Sterben. „Ich glaube“, sagte Kitano, „dass das Leben und der Tod jeweils in sich selbst sehr wenig Bedeutung tragen, aber die Art, wie man sich dem Tod nähert, kann deinem Leben im Nachhinein einen Sinn geben.“ Zur Sinnfrage halten sich Kitanos Filme, das zeichnet sie aus, äußerst bedeckt; die Art, wie man sich dem Tod nähert, ist ihr beherrschendes Thema. In keinem Film hat es Kitano in eine so reine filmische Form überführt wie in Sonatine. Der Strand fungiert als Bühne für Kinderspiele, Theaterszenen, Choreografien über das Sterben, als Übergangsraum zwischen Leben und Tod.

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Natürlich gibt es daneben auch viel reales Sterben; Schießereien in einem Nachtclub, auf einer Landstraße, in einem Fahrstuhl. „Eruptive Gewalt“ ist das oft genannte Stichwort, das aber dann falsch ist, wenn es Kitano eine beabsichtige Schockwirkung unterstellt. Seinerzeit hatte Tarantino den Film über sein Rolling-Thunder-Label in den USA in den Verleih gebracht. Sollte man deshalb je die Idee gehabt haben, hier eine Verwandtschaft zu vermuten, kann man darüber heute nur den Kopf schütteln. Hier soll nichts angeberisch cool sein, nichts ironisch. Das Irritierende an den Gewaltszenen ist, dass sie, so plötzlich und unerwartet sie kommen, homogener Teil eines durch nichts aus der Ruhe zu bringenden, um nichts Aufhebens machenden Erzählflusses sind. Kitanos Blick, ob er auf Blumen oder auf Blutbäder fällt, ist von scheinbar grenzenlosem Gleichmut, von dem man nie genau weiß, ob sich dahinter Trauer oder Heiterkeit oder beides zugleich verbirgt.

Sonatine

Diese schwer zu fassende Haltung des Filmemachers Kitano spiegelt sich in seinem Schauspiel und im Charakter seiner Figur, eines Typus, den er von Violent Cop (Sono otoko, kyôbô ni tsuki, 1989) und Boiling Point (3-4 x jûgatsu, 1990) bis zu Hana-Bi (1997) und Brother (2000) immer wieder variiert hat, ob als Cop oder Yakuza ist fast nebensächlich; eine einsame, unbehauste, sozial kaum noch integrierbare Figur, die durch eine gewalttätige und gleichgültige Welt irrt und am Ende den Tod durch Erschießen findet. Wenn diese Figur lächelt, dann meist im Angesicht des Todes. Nur gelegentlich bringt sie Diesseitiges dazu; in Sonatine gibt es eine zaghafte, kurz aufflackernde Liebesgeschichte, aber es bleibt nur ein kurzer Aufschub, kein Ausweg. Das Sonatine-Plakat, in dem Kitano mit entrücktem Lächeln eine an seine Schläfe gepresste Pistole abdrückt, ist ikonisch geworden, eine komprimierte Zusammenfassung seiner Poetik.

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