Son of Saul

Eine analoge Revolution im Wettbewerb von Cannes: Ein Film, der noch auf 35mm gezeigt wird. Doch damit nicht genug: Formal wagemutig sucht László Nemes nach einer neuen Position im Kino über den Holocaust.

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Auf Sauls Gesicht (Géza Röhrig) zeichnet sich keine Regung mehr ab. Um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, hat er zwischen sich und den Gräueln, die sich um ihn herum abspielen, eine unsichtbare Wand errichtet. Der Blick ist leer, der Geist verkümmert. Geblieben ist nur ein Körper, der eine bestialische Arbeit verrichtet. Besonders am Anfang von Son of Saul (Saul fia) konzentriert sich Regisseur László Nemes auf dieses Gesicht. Es ist auch dann ausdruckslos, wenn Saul Heerscharen an Gefangenen durch die dunklen Gänge des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau treibt, ihre Kleidung zusammenräumt, sie in die Gaskammern führt und später das Blut von den Kacheln schrubbt. Dabei ist auch er Jude – wenn auch vergleichsweise privilegiert, weil er als Teil des sogenannten Sonderkommandos dem Teufel seine Seele verkauft hat. Die Logik, die hinter diesem vermeintlichen Verrat steht, ist ebenso simpel wie schwer auszuhalten: Er schickt die eigenen Leute in den Tod, um selbst überleben zu können.

Bilder vom Töten

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Der Clou von Nemes’ erstem Langfilm ist sein besonderer Zugang. Statt zu versuchen, den Überblick zu bewahren, stürzt er sich direkt ins Getriebe einer monströsen Todesfabrik und konzentriert sich dabei, zumindest vordergründig, nur auf ein Rädchen darin. Die gesamte Zeit über bleibt Son of Saul dem Protagonisten und seiner Wahrnehmung verpflichtet. Meist ist es entweder er, den wir als Zuschauer sehen, oder seine Subjektiven auf die finstere Welt, die ihn umgibt. Das Blickfeld bleibt dabei auf ein Minimum reduziert, genauer gesagt auf einen klaustrophobisch vollgepackten Ausschnitt im 4:3-Format. Was sich sonst alles im Lager abspielt, ist oft nur an den Rändern der Bilder oder ganz im Off zu sehen. Damit betreibt der Film ein Wechselspiel, das einerseits immer wieder explizite Darstellungen verweigert, andererseits aber genau jene Bilder liefert, die es – ginge es nach Shoah-Regisseur Claude Lanzmann – gar nicht geben dürfte. Am grausamsten ist letztlich das, was wir gar nicht oder nur unzureichend sehen: die unscharfen Aufnahmen, die wir mit unserer Fantasie vervollständigen müssen – angefeuert von einer lärmenden Todes-Kakophonie aus Schreien, Schüssen und dem endlosen Rattern der Vernichtungsmaschine.

Zusammengehalten wird Son of Saul von einem Motiv, das die Frage nach Menschlichkeit in Zeiten der Barbarei aufwirft. Als Saul meint, unter den Leichen seinen Sohn entdeckt zu haben, will der einverleibte Modus des unreflektierten Handelns plötzlich nicht mehr funktionieren. Von nun an versucht er das Unmögliche: An einem Ort, an dem man nur unwürdig sterben kann, möchte er eine traditionelle jüdische Beerdigung abhalten. Ab diesem Zeitpunkt wäre eigentlich die Grundlage für eine lineare, melodramatische Handlung geschaffen, stattdessen gerät Sauls Ziel zur Nebensache. Immer wieder muss er eine Aggression von außen ertragen, die ihm die Kontrolle über sein Handeln entzieht. Ständig wird er angeschrien, herumgeschubst, von jüdischen Vorgesetzten weggeschleift oder von Offizieren in die Pflicht genommen – so lange, bis er wieder ausbricht, um sich seiner eigentlichen Aufgabe zu widmen. Und jede dieser Umleitungen nutzt Nemes, um die soziale und territoriale Dimension des Lagers zu greifen. Durch die rastlose Bewegung der Hauptfigur erschließt sich nach und nach nicht nur das Gelände von Auschwitz mit seinen Werkstätten, dem Frauenbereich oder einem Operationszimmer, sondern auch die von Bestechung geprägten Hierarchien unter den Gefangenen. Und unter der Oberfläche formiert sich ein Widerstand, der in die Geschichtsbücher eingehen wird. Auch hier bleibt die Perspektive gewohnt subjektiv, jedoch stets darauf bedacht, größere Zusammenhänge zu beschreiben und historisch korrekt zu sein. Vieles, was hier zu sehen ist, stammt aus Aufzeichnungen, in denen Mitglieder des Sonderkommandos ihren Alltag dokumentierten. Einmal zeigt Nemes, wie Mitglieder des Sonderkommandos diese Aufzeichnungen vor den Nazi-Schergen verstecken.

Holocaust, statt nur dabei

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So formal brillant Son of Saul ist, so problematisch wirkt mitunter auch sein unmittelbarer Ansatz. Dass der Film seinem Protagonisten nur körperlich nahe ist und ihn als Person ungreifbar lässt, ist angesichts der Extremsituation, in der er sich befindet, zwar plausibel, macht es aber auch unmöglich, sich dem Geschehen über eine tiefere emotionale Ebene zu nähern. Was bleibt, ist vor allem die Darstellung des Unaussprechlichen, das man aus nächster Nähe erfährt. Der Holocaust droht damit zur Attraktion zu werden und Auschwitz zur Geisterbahn, bei der man sich durch das immersive Sounddesign so fühlen kann, als wäre man selbst im Hochofen gewesen: Holocaust, statt nur dabei.

Und doch muss man den Blickwinkel von Son of Saul als eine neue und auch wichtige Position im Kino über die Shoah anerkennen. Gewissermaßen hat Nemes einen Gegenentwurf zu Steven Spielbergs heroischem Schindler’s Liste (Schindler’s List, 1993) gedreht, der zwar Geschichte popularisiert, dabei aber die entscheidende Konsequenz vermissen lässt. Wie will man seinem Publikum auch vermitteln, dass sechs Millionen Juden getötet wurden, wenn man in erster Linie von ihrer Rettung erzählt; wenn aus den Duschen der Gaskammern doch nur Wasser kommt und letztlich nicht die Erschütterung, sondern die Erleichterung bleibt. Und das muss man Nemes lassen: Er schont niemanden. Er zeigt das institutionalisierte Töten als das, was es ist: schwer zu ertragen. Und die Inszenierung, die keine schützende Distanz zulässt, schafft es schließlich auch trotz ausgestelltem Formalismus, dass uns das, was wir sehen, in Mark und Bein erschüttert. Nicht durch Ereignisse oder Erzählungen, sondern durch die Textur eines Vernichtungslagers.

Trailer zu „Son of Saul“


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