somniloquies

Dem Unbewussten bei der Arbeit zusehen: Mit ihrem neuen Film haben sich Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor an einem filmischen Rohrschachtest versucht.

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Jeder sieht einen Film ein bisschen anders. Jeder wird von unterschiedlichen Dingen angesprochen, die etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben: einer Geschichte, einem Menschen, einem Milieu oder auch nur kleinen Details, die maßgeblich die Wahrnehmung des Gesehenen beeinflussen können. Im neuen Film von Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor (Leviathan, 2012) wird einem der Gestaltungswille der menschlichen Psyche auf besonders deutliche Weise bewusst. Weil es keine Narration gibt und große Teile der Leinwand entweder schwarz oder diffus bleiben, wirft uns der Film auf unsere eigenen Projektionen zurück.

Was sich in somniloquies auf der Leinwand befindet, sind nackte schlafende Menschen: Männer und Frauen, Alte und Junge, Schwarze und Weiße, Dicke und Dünne. Die Kamera tastet sie ab, nähert sich ihnen auf maximal indiskrete Weise und lässt die Bilder dabei doch immer so verschwommen, dass wir die meiste Zeit nicht wissen, was wir da gerade vor uns haben. Abstrakte Formen verwandeln sich in seltsame Monstrositäten, geöffnete Schenkel sehen wie Arme aus, Brüste wie Köpfe und Hände wie Schwänze. Immer wieder müssen wir das Gesehene neu einordnen, uns fragen, was wir da sehen und aus welcher Perspektive. somniloquies hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns zu verführen, zu täuschen, zu ärgern und auch zu belustigen. Er wirkt wie ein einziger, sich langsam verformender Rohrschachtest, den wir am Ende selbst auswerten dürfen.

Die menschliche Verwundbarkeit im Schlaf

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somniloquies ist inspiriert von Selbstgesprächen, die der Songwriter Dion McGregor (der unter anderem für Barbra Streisands „Where is the Wonder“ verantwortlich ist) im Schlaf geführt hat. Von diesen Monologen gibt es mehrere Aufnahmen, ja man kann sie sich sogar auf CD kaufen. Die erstaunlich klar formulierten und äußerst kurzweiligen Selbstgespräche handeln etwa von verqueren Zwergenwelten, einer exhibitionistischen Nachbarin oder einem beklemmenden Folterszenario. McGregor macht sich dabei unwissentlich so nackig wie die Darsteller von Paravel und Castaing-Taylor. Man kann seinem Unbewussten regelrecht bei der Arbeit zuhören.

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Die Regisseure lassen diese Aufnahmen neben ihren Bildern friedlich koexistieren. Das Gesagte wird nicht illustriert oder kommentiert, sondern bleibt autonom. Frei verbunden bleiben die Ebenen vielmehr durch ein Gefühl der Verwundbarkeit. Auch als Zuschauer kann man sich nie in Sicherheit wägen. Man befindet sich zwischen zwei Welten, zwischen Traum und Wirklichkeit, Innen- und Außenperspektive. So wie uns die Aufnahmen vom brabbelnden McGregor in seine Gedankenwelt führen, geben uns auch die Bilder den Eindruck unmittelbarer Nähe. Einmal ist eine Art Schlauch zu sehen, der vermutlich zu einem Beatmungsgerät gehört und während die Kamera die weißen Rillen umkreist, fühlt man sich, als wäre man endgültig in einen der Körper eingedrungen und würde sich gerade die Wirbelsäule entlangarbeiten. Der Film hebt zwar jegliche Distanz auf, belässt uns dabei aber in einer analytischen Position. Das heißt, wir können uns dem Dämmerzustand hingeben, ohne das Bewusstsein dafür zu verlieren, dass uns Auge und Hirn einen Streich nach dem anderen spielen.

Trailer zu „somniloquies“


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