Sommer in Orange

Bigotterie hat viele Farben: Marcus H. Rosenmüllers Komödie erzählt vom Bhagwan in Bayern und vom Coming of Age im Kulturenclash.

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Religiöse Praxis dies- und jenseits des Gartenzauns: Hüben spricht man hochgeschlossen und auf enge Bänke gepfercht das Vaterunser, drüben hüpft man barfuß und in orangefarbenem Batik auf und ab und brüllt „Hu – hu – hu“. Die katholische Gemeinde von Talbichl und die aus Berlin emigrierte Bhagwan-Kommune sind einander in herzlicher Abneigung zugetan – wo die einen in dem zum „Therapiezentrum“ umfunktionierten Bauernhof ein Satanisten- und Terroristennest wittern, rümpfen die anderen über die faschistoiden CSU-Hinterwäldler verächtlich die Nase. Mit der 12-jährigen Protagonistin Lilli (Amber Bongard) nimmt Sommer in Orange einen Blickpunkt ein, von dem aus beide Seiten als Spielarten doppelmoralischen Spießertums erscheinen.

Der Culture Clash ist dieser Tage eines der beliebtesten Komödiensujets. Dessen Aktualität auch dann bewahrt bleibt, wenn die aufeinanderprallenden Welten, wie in Marcus H. Rosenmüllers Film, schon historisch sind – zumindest der Kult um den Mann aus Indien mit den vielen Rolls Royce, Anfang der 1980er der heißeste Scheiß für Ausstiegswillige, ist ein heute fast vergessenes Soziotop. Als kulturanthropologischer Blick auf zwei konkrete Communitys in der Bundesrepublik anno ’81 ist Sommer in Orange vor allem ein Kuriositätenkabinett. Die Konfrontation sich widersprechender Wertesysteme und einander unverständlich bleibender Codes ist hingegen ein Thema, das Anfang des 21. Jahrhunderts an den Erfahrungsschatz vieler Zuschauer vielleicht besser andocken kann denn je.

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Seine Komik gewinnt Sommer in Orange aus einem in kräftigen Farben gemalten Figurenensemble mit einem bunten Bigotterie-Panoptikum auf beiden Seiten: der schnauzbärtige Bürgermeister, der seine nackt tanzende neue Nachbarin entrüstet begafft; der Oberguru, der mit spirituellem Getue jungen Frauen an die Wäsche will; die engelsgleiche junge Mutter auf rücksichtslosem Selbstfindungstrip, die strenggläubige alte Denunziantin von gegenüber. Die Stärke des Films liegt dabei weniger in der Zeichnung der Einzelfiguren – die ist manchmal reißbrettartig, und gerade die bayrische Provinz hat Rosenmüller schon subtiler gezeigt – als in der Beobachtung ihrer Interaktion.

Wenn Lillis Bruder Fabian (Béla Baumann) in der Dorfmetzgerei seinen Teilzeit-Papa Siddharta (Georg Friedrich) auf einem RAF-Fahndungsplakat zu erkennen meint, wenn dieser zum Entsetzen der Kundschaft gleich darauf hereinspaziert, um sich heimlich ein paar streng verbotene Wiener zu kaufen, und wenn ihn der Fleischer dafür mit einem konspirativen Lächeln belohnt, dann erfolgt der Culture Clash gleich zu Beginn in einem Kabinettstückchen. Sommer in Orange entwickelt seinen Witz stets aus den Situationen, statt Situationen für Witze zu basteln, und überschreitet selten die Grenze zum Klamauk – auch nicht, wenn bei der kathartischen Schlägerei auf dem Dorffest die ideologischen Hüllen fallen und nur noch sich im Testosteronrausch prügelnde Männer übrigbleiben.

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Seinen Ernst gewinnt der Film aus der Perspektive Lillis, der Beobachterin und Leidtragenden des sie umgebenden Widerspruchs von Schein und Sein, die in ihrer neuen Welt nach Anschluss sucht und sich ihrer alten entfremdet. Von ausgiebig mit sich selbst beschäftigten Erwachsenen umgeben, ist sie die einzige wirklich suchende Figur des Films. Außer von der freundlichen Frau Bürgermeister und von Bhagwan persönlich, der ihr als Hausmeister verkleidet erscheint, hat sie dabei wenig Hilfe zu erwarten, und ihre eigenen Leute, vor allem Mutter Amrita (Petra Schmidt-Schaller), machen es ihr eher noch schwerer als die Gegenseite: Wo ihre neuen Mitschüler zwar misstrauisch, aber zumindest neugierig sind, da hat Lillis Großfamilie an ihrer neuen Umgebung kein Interesse, ist in ihrem Überlegenheitsgefühl rigoroser. So wird die Liaison einer der ihren mit dem örtlichen Briefträger geschmäcklerisch abgekanzelt. Und wenn Lilli und Fabian sich in bayrische Tracht werfen und bei der Blaskapelle mitmachen, bricht bei ihrer freiheitspredigenden Mutter jäh die hässliche Fratze des autoritären Charakters durch.

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Die kindliche Perspektive ist der rote Faden in Rosenmüllers Filmen und zugleich deren Stärke und Schwäche. Eine Stärke, weil sie einen unbefangenen Forscherblick auf die Rituale der Erwachsenenwelt ermöglicht, und einen vorantreibenden, stets den besonderen Moment suchenden Erzählimpuls, der sich in einer dynamischen, neugierig schweifenden Kamera realisiert. Eine Schwäche, weil die Naivität dieses Blicks oft zur Naivität der Erzählung selbst wird. In Sommer in Orange wird das immer dann deutlich, wenn der Film mit der Erzählperspektive Lillis bricht und dem Treiben der Figuren unabhängig von ihr folgt. Dann erscheinen sie ungefiltert als Klischees, worunter vor allem der Charakter der Mutter leidet, dem jenseits der Selbstfindungsphrasen und egoistischen Affekte wenig Luft gelassen wird.

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Rosenmüllers unbändige Fabulierlust ist einerseits ein Glücksfall, denn ein in seinen Mitteln aus dem Vollen schöpfendes Erzählkino gibt es hierzulande gar nicht so oft. Andererseits droht ihm stets die Gefahr der Plotüberfrachtung. Auch in Sommer in Orange gibt es ein paar Figuren und Nebenpfade mehr als nötig, gerade das letzte Drittel wirkt dramaturgisch unausgegoren und enthält gleich zwei für sich genommen schon vollwertige Finalsequenzen. Dass Kritiker dem Regisseur oft Harmlosigkeit vorwerfen, mag daran liegen, dass seine Filme seit Wer früher stirbt, ist länger tot (2006) auch bei ernsten Themen und in makabren Momenten stets ihren versöhnlichen, menschenfreundlichen Blick wahren. Gefällig und anbiedernd sind sie aber nicht, und dem selbstgesteckten Anspruch der leichten, aber nicht seichten Sommerkomödie werden Rosenmüllers Variationen in Orange vollauf gerecht.

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Kommentare


Satyam S. Kathrein

Sommer in orange – Ja, so war`s!

Heitere Gelassenheit, Schmetterlingen gleich, verbreitet dieser orangene Sommer seinen Duft voll Leichtigkeit und so manches „Kernderl“ wird dabei verdaulich und gar köstlich serviert…
Wie ein Geschenk der universellen Kräfte mutet dieser Film von Kino-Genie Rosenmüller an. Eine Zeit, so vorgeführt, dass sie manches Rätselhafte verständlich erscheinen lässt. Ängstlichkeiten, Diffamierungen, religiöse Empörung bis hin zur Sektenhatz lösen sich in großherziges Wohlgefallen auf. Schließlich gibt´s für jeden noch was zu lernen… Und ein Osho-Buch zur Horizonterweiterung gehört plötzlich zum guten Ton…

Jetzt fragt man sich natürlich wo sind die denn alle hin verschwunden? Wer heute an die dreißig ist kann sich an die vielen Orangenen mitten unter der Bevölkerung von damals gar nicht mehr erinnern.

Sobald der Guru, mittlerweile Osho genannt, 1990 seinen Körper verlassen hatte, begannen verschiedene Tendenzen die Sannyasins, Schüler des Meisters, in alle Winde zu zerstreuen.
Die meisten alt gedienten Anhänger vergaßen komplett endlich ihre Ego-Reste selbst zu überwinden und rannten schnellst möglich in die Arme von Ersatzgurus jeglicher Couleur. Andere schauten ihr Leben an und meinten sie müssten nun alle Anstrengung unternehmen, um in der Gesellschaft noch einen ehrenvollen Platz zu ergattern, oder möglichst einen Haufen Geld verdienen. Mit der peinlichen Umsicht von Angsthasen, immer in der Hoffnung nirgendwo negativ registriert zu sein, begann ein Wettlauf um Anerkennung, Euros und die Rente. Tja, andere wiederum fanden es an der Zeit selbst als Guru guten Geschäften nachzuhängen.

Da kein Meister mehr vorhanden und zu Lebzeiten von Osho es halt keiner geschafft hat, könnte man sich schon mal fragen: „Warum eigentlich nicht?“ „Ihr sollt die Meister an ihren Früchten erkennen!“ hieß es bereits in der Bibel, und wo sie recht hat, hat sie recht.
„Was ist also schief gelaufen?“ Solange Menschen nicht ins Bewusstsein erwachen verbleiben Restschatten des Ego. Ob nun tausendmal meditiert, spirituelle Bücher gelesen, so und so viele Wachstumsgruppen besucht oder zig Jahre in der Zen-Haltung verbracht, all dies nützt nichts. Erst wenn das Ego aus dem System Mensch entfernt ist können die Früchte von mehr Menschlichkeit, Freundschaft, Unterstützung, Familie, neuen Lebensformen, Teamwork etc. wirklich wachsen.

Der Sommer in orange war ein Anfang, doch wir sind jetzt und heute dafür verantwortlich unser Bewusstsein selbst zu verwirklichen, nur damit verändern wir die Welt!

Also, ran an den Speck…

Euer Pilger des Lichts
Satyam S. Kathrein

Buchtipp: Ego Crash – Knack den Ego Code! Allegria Verlag


Bernd

erneut ein Film-Juwel von Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller, der auch "Wer früher stirbt, ist länger tot" gemacht hat ...

ähnlich herrlich schräg, aberwitzig, bunt und verrückt !

sogar der Sänger der Bananafishbones (sie machen wieder die Musik zuammen mit Gerd Baumann, der auch das unglaublich schöne "Wunderlied" geschrieben hat) spielte eine kleine Rolle.

"Sommer in Orange" ist ein perfekt besetzter und herrlicher abgespacter Film über freie Liebe und Freiheit ! sehr zu empfehlen für alle Freigeister !






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