Sommer ’04

In einer genau beobachteten, psychologisch fein austarierten Milieuschilderung legen Stefan Krohmer und sein Drehbuchautor Daniel Nocke die moralische Obdachlosigkeit moderner Mittelschichtsmenschen bloß. Ein Film, der es einem nicht leicht macht, ihn zu mögen.

Sommer ’04

Es scheint, als wäre sich dieser Film nicht sicher, was er von seinen eigenen Charakteren halten soll. Die Kamera benimmt sich wie ein ungebetener Gast - sie schaut durch Tür- und Fensterrahmen, ein Stück außerhalb des eigentlichen Geschehens, als hätte sie Berührungsängste und hielte sich nicht für dazugehörig. Dann wieder beobachtet sie die Menschen mit Hartnäckigkeit und rückt entgegen den klassischen Regeln der Filmgestaltung oft diejenigen in den Mittelpunkt, die gerade nicht reden, sondern zuhören.

Sommer ’04 ist, nach einigen Fernsehproduktionen, der zweite Kinofilm von Regisseur Stefan Krohmer und Drehbuchautor Daniel Nocke. Der erste war Sie haben Knut (2002), und er ist Sommer ’04 in vielem ähnlich. Da ist zum einen die Konzentration auf ein Ensemble: dort eine Gruppe von jungen Leuten Anfang der achtziger Jahre auf einer Skihütte, hier eine erweiterte Familie im Segelurlaub. Da ist zum anderen eine verwandte Mise en scène: dort isolierte Gespräche in einem Skilift, hier auf einem Segelboot. In beiden Filmen werden die Personen mitleidlos beobachtet, und in beiden ist keine der Figuren sonderlich sympathisch.

Sommer ’04

Miriam (Martina Gedeck), ihr Lebensgefährte André (Peter Davor) und ihr Sohn Nils (Lucas Kotaranin) verbringen gemeinsam mit Nils’ zwölfjähriger Freundin Livia (Svea Lohde) die Ferien in ihrem Sommerhaus an der Schlei. Es beginnt mit Bildern ungetrübter Urlaubsstimmung, die an Eric Rohmer erinnern. Als Livia sich in den 26 Jahre älteren Bill (Robert Seeliger) verliebt, verschieben sich die Gewichte, aber anders als man erwarten würde. Miriam gibt sich erst als einzige besorgt, wenn Livia allein mit Bill segeln geht, fängt dann aber selbst eine Affäre mit dem gut aussehenden Amerikaner an. André begegnet dem Geschehen mit einer seltsamen Mischung aus Zynismus und Liberalität. Nils überlässt achselzuckend seine Freundin dem Konkurrenten und meint lässig: „Ich schätze, die poppen.“ Und Livia selbst, eine Ausgeburt an Frühreife - Svea Lohde spielt sie mit irritierender Direktheit -, sagt solche Sätze: „Nils ist cooler als du denkst. Wir sind jetzt einfach gute Freunde, die vielleicht auch mal Sex haben.“ Es gehört einiger Mut dazu, Filme zu drehen, deren Protagonisten niemand mag. In diesem Fall kommt noch das Unbehagen über das Lolita-Motiv dazu. Das macht es nicht einfach, sich von dem Film einnehmen zu lassen. Vielen hat auch Sie haben Knut schon nicht gefallen. Möglicherweise ist es aber nicht die Manieriertheit des Films, die stört, sondern diejenige der Menschen, die darin vorkommen.

So wie Krohmer und Nocke in Sie haben Knut die Rituale, Worthülsen und Lügengebäude der politischen Aktivisten in den frühen 80er Jahren seziert haben, so legen sie hier die verständnisvollen, modernen, alles psychologisch durchschauenden Mitglieder der gebildeten Mittelschicht unter das Mikroskop. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass die von Martina Gedeck gespielte Figur, eine Vierzigjährige, nicht alt werden will und sich die Eifersucht einer Pubertierenden leistet, während die Kinder des 21. Jahrhunderts sich benehmen, als mache es ohnehin keinen Unterschied, wie alt man ist. In Sommer ’04 reden sie über Sex und offene Verhältnisse, wie es in Knut die progressiven Erwachsenen des ausgehenden 20. Jahrhunderts getan haben. In beiden Filmen ist nichts von Dauer, Paare lösen sich auf und setzen sich neu zusammen, und am Schluss von Sommer ’04 wird die Frage nach dem Glück mit einigem Zögern, dann aber sehr bestimmt beantwortet. Das ist ein verstörendes Ende, denn zuvor geschieht etwas Schreckliches, das eigentlich das Leben dieser Menschen hätte zerrütten müssen.

Sommer ’04

Ähnlich wie in Sie haben Knut übernehmen sie keine Verantwortung, nicht einmal für ihre schlimmsten Fehler. So etwas wie Buße gibt es in dieser Welt nicht. Das setzt den Film in einen interessanten Kontrast zum jüngst angelaufenen Sehnsucht von Valeska Grisebach. Dort ereignet sich eine ähnlich tragische Geschichte, aber statt ohne Unterbrechung zu reden und zu analysieren, zieht der schweigsame Held sich mit einer Schrotflinte in seine Werkstatt zurück, um die Konsequenzen zu tragen. Der Unterschied im Milieu ist offensichtlich: In Sommer ’04 geht es um urbane Akademiker, die sich nur im Urlaub aufs Land zurückziehen, in Sehnsucht um Menschen in der Provinz, die nicht in der Lage sind, ihre Verantwortung mit intellektueller Überheblichkeit auszuhebeln, die ihre Sehnsüchte nicht selbstbewusst einfordern und verwirklichen, sondern von ihnen überwältigt werden.

Man könnte Sommer ’04 mit etwas Mühe als neokonservatives Pamphlet lesen, als einen Ruf nach der neuen Bürgerlichkeit, nach Leitbildern; als Ausdruck des Verlangens nach einer Art von Stabilität, die es nur ohne Freiheit geben kann. Aber das hieße, den hellwachen Film zu unterschätzen. Krohmer und Nocke stellen keine gesellschaftlichen Entwürfe nebeneinander, sondern legen kühl eine Analyse vor, die einem Schauer über den Rücken jagen kann.

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