Something Must Break

Das Lächeln einer Sommernacht: Der Wunsch eines Menschen, vom Mann zur Frau zu werden, setzt eine Odyssee durch das nächtliche Stockholm in Gang – und durch eine Gesellschaft zwischen Offenheit und Zwang.

Something Must Break 05

Manchmal begegnen wir Menschen, die dafür gemacht scheinen, sich an ihnen zu verzehren; Menschen, die sich der Gesellschaft auf undeutliche Weise transparent und gefügig machen, indem sie eine Alternative anbieten und zeigen, dass ein anderes Leben immer möglich ist. Dieses Anders-werden, es ist oft mit einer Aufopferung vermählt, einer Art zivilen Märtyrertums: ein Leiden, durch das die Verhältnisse, in denen wir leben, hindurchscheinen. Sebastian, Protagonist/-in in Ester Martin Bergsmarks Film Something Must Break (Nånting måste gå sönder), darf zu diesen Wesen gezählt werden: Er ist transsexuell, hat den Körper eines Jungen und möchte eine Frau werden. Sebastian, das wird schnell klar, verändert sich. Und unser mal staunend ungläubiger, mal latent voyeuristischer Blick begleitet 80 Minuten lang ihre Odyssee. Something Must Break öffnet nach und nach einen Resonanzraum, in dem selbst feinste Haarrisse von charakterlicher Differenz ein spürbares Beben erzeugen. Denn Bergmarks Films ist pompös, pathetisch und alles andere als scheu.

Sex als Gleichnis auf alles Lebendige

Something Must Break 03

Wir erleben Sebastians Tage zwischen ihrem Job in einem Lager, seiner lieblosen Zweier-WG und Ausflügen in die Alkohol atmenden Sommernächte Stockholms. Eines Abends steht Andreas in einem Park vor ihr, ein Gespräch entwickelt sich und es wird klar: Andreas steht auf Frauen. Sebastian wird eine Frau und zeigt es auch, vor allem gegenüber Männern. Eine zaghafte Liebe voller Fragen beginnt. Something Must Break begleitet ein ständiges Staunen über sich selbst, das die beiden Liebenden unermüdlich antreibt. Vor allem Sebastian resigniert nie, igelt sich nicht ein, sondern lässt Zurückweisung, die er an anderer Stelle erfährt, einfach hinter sich und geht weiter. Risse entstehen trotzdem, aber Bergsmark psychologisiert nicht, gewährt uns kaum einen Einblick in Sebastians Innenleben. Der Film erzählt seine Geschichte stattdessen eher in Form eines Gleichnisses: Die Libertinage von menschlicher Lebensenergie und die Kraft der Natur, Neues in die Welt zu bringen, sie werden letztlich ununterscheidbar, folgen demselben Muster. Die mäandernden Lichtstimmungen eines endlosen schwedischen Sommertags suspendieren die Normalität, machen die Liebesaffäre zu einem nicht enden wollenden Spiel – wo Licht ist, ist auch Leben. Das erinnert an die Filme Ingmar Bergmans und seine ausweglosen Kammerspiele auf abgelegenen, lichtüberfluteten Inseln. Nur dass in Something Must Break die Großstadt Stockholm mit seinen U-Bahnen, Parks und Hügeln zu einem solchen Tableau wird. Die Verschaltung von Sebastians Frauwerdung mit Naturkräften wie raschelnden Blätterwäldern oder verglühendem Abendlicht erschafft dabei eine ätherische Großstadtpoesie. Geradezu metabolisch schiebt sich Sebastians Travestie immer wieder in das starre Korsett gesellschaftlicher Erwartungen, an denen die Beziehung zu Andreas und die Protagonistin selbst zu zerbrechen droht.

Was soll es werden? Am liebsten ein „Hen“

Something Must Break 04

Warum eigentlich, könnten wir fragen? Erzählt Something Must Break seine Geschichte nicht in Schweden, einem Land also, in dem eine konsequente Gleichberechtigung schon seit langem  zur Staatsräson geworden ist? In dem sich mit dem Wort „Hen“ ein gänzlich neues, geschlechterneutrales Personalpronomen im täglichen Sprachgebrauch etabliert hat, und zwar bereits lange vor der offiziellen Einführung im Jahr 2014? In einer Szene des Films antwortet eine Schwangere auf die Frage ihrer Freunde, ob sie sich einen Jungen oder ein Mädchen wünsche: „Am liebsten wäre mir ein Hen.“ Und auch die Beziehung zwischen Sebastian und Andreas wird in keiner Weise sanktioniert, die beiden ernten in ihrem Freundeskreis noch nicht mal misstrauische, sondern anerkennende Blicke. Die beiden Liebenden befällt schnell so etwas wie ein genealogisches Staunen darüber, dass diese ihre Beziehung in dieser Sichtbarkeit möglich ist. Es ist, als beäugte sich Something Must Break quasi permanent selbst. Und trotz aller Möglichkeiten: Etwas fehlt. Denn Sebastian interessiert sich eigentlich nicht für seinen Sex, dieser ist natürlich und immer instinktiv richtig. Viel eher sind zwanghafte Offenheit und sich politisch korrekt gebende Tugenden das heuchlerischere Feigenblatt des darunter tobenden Kampfes nach Anerkennung, nach einer bedeutungsvollen Existenz jenseits des 9-to-5-Lebens im Hochregallager. Ein Mehr im Leben also, das nicht dem allgegenwärtigen Pragmatismus des Zwecks unterworfen ist. Und so bildet sich so etwas wie ein Kommentar der schwedischen Sozialstaats-Schizophrenie heraus: Äußerliche Abweichung wird nicht nur gebilligt, sondern honoriert. Aber auf innerliche Abweichung, auf alles abseits des normalisierenden Ethos eines „guten Lebens“ wird despektierlich herabgeschaut. Es gibt kein inneres Außen.

„Ich bin nicht schwul.“ – „Ich auch nicht.“

Something Must Break 02

Dabei könnte es so einfach sein: Die Lust begründet alles; ob Sebastian zur Frau wird oder Andreas zum Mann, spielt keine Rolle. Und sogar die Gesellschaft nickt ab. Aber die offene Vielheit der Geschlechter, die Befreiung in diesem Sinne, sie lässt sich letztlich nicht mit dem Alltag versöhnen, diesem hereinbrechenden anderen Leben also, das alles in Form bringen, zurechtschneiden und berechenbar machen will. Nur gibt sich Something Must Break keinesfalls pessimistisch, sondern feiert die Sexualität als machtvolle Gegenkraft, als einen Raum abseits der Normierung, in dem Momente von Schönheit möglich sind. Und in dem die Sprache als homogenisierender Motor sozialer Beziehungen letztlich versagt, indem ihre Grenzen uns schmerzlich bewusst werden: Auf Andreas’ unsichere Rechtfertigung „Ich bin nicht schwul“, kontert Sebastian an einer Stelle des Films schlicht: „Ich auch nicht.“

Trailer zu „Something Must Break“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Kim

Ich hab den Film nicht gesehen, sondern nur den Trailer. Und darin ging es nicht um einen Jungen, der Frau werden will, sondern um eine transsexuelle (?) Frau. Nachdem das in Deutschland ja ziemlich schwer ist, Menschen begreiflich zu machen, dass Frauen auch mit männlichen Körpermerkmalen geboren werden können, bin ich um so neugieriger mir den Film anzusehen. Ich könnte wetten, dass derjenige der hier "möchte eine Frau werden" schreibt, den Film nicht verstanden hat. Mal sehen, ob ich Recht behalten werde...


Carsten

@Kim: Im Film selber fallen Wörter wie "transsexuell" oder "transidentisch" nicht. Die Figur Sebastian besteht im Verlauf des Films verstärkt darauf Ellie genannt zu werden und spricht selber von einem Alter Ego, das immer präsenter wird. Dass hier ein Junge zu einer Frau wird, wie Johannes schreibt, ließe sich also durchaus aus dem Film ableiten. Die Verknüpfung von Transsexualität und der Idee eines gewollten Werdens ist aber in der Tat unglücklich und formuliert den Film da aus, wo dieser eigentlich weitaus ambivalenter bleibt.


Johannes

Ich sehe das ähnlich wie Carsten. Wobei das Werden für mich auch im Entdecken der eigenen Selbstwahrnehmung und Sexualität besteht. Andreas/Ellie ist ja trotz allem ein Teenager und probiert vor allen Dingen aus, testet unterschiedliche Modi, sich darzustellen und Wirkungen auf andere Menschen auszuüben. Und genau das zeigt der Film, ohne sich explizit auf das Thema Transsexualität zu beziehen.


Franzi

Ich habe den Film letztes Jahr auf einem Festival gesehen. Vorweg: der Film geht absolut authentisch mit seinem Thema um, die Macher sind selber trans, es ist also nicht der vorurteilbelastete Blick von außen, sondern ihre eigenen (dramatisierten) Erfahrungen, die in den Film eingeflossen sind. Mindestens der_die Regisseur_in ist genderqueer - ein Mensch, dessen Geschlecht nicht in die traditionellen Mann/Frau Kategorien passt - und darum geht es eigentlich auch im Kern in dem Film. Was cisgeschlechtliche Zuschauer wahrscheinlich nicht so leicht wahrnehmen werden ist, dass es bei der_die Protagonistin es sich nicht um "einen Mann der eine Frau werden will" geht bzw. das Coming Out einer transsexuellen Frau, sondern um einen genderqueeren Menschen mit einem fluiden Geschlecht: zu Beginn des Films lernen wir ihn als den androgynen Sebastian kennen und im Laufe des Films verschiebt sich das Geschlecht mehr ins weibliche Spektrum, wodurch sich auch die Beziehungen verändern. Im Film werden keine Begriffe oder Kategorien erwähnt, dem Film sind irgendwelche gedanklichen Schubladen total egal.

Ich glaube, wenn man Ellie am Ende des Films fragen würde, ob sie ein Mann oder eine Frau ist, wäre ihre Antwort sicher: "Ja!"






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.