Solo für Sanije

Die Figur der ungebärdigen Sängerin aus Konrad Wolfs Erfolgsfilm Solo Sunny (1980) hatte ein reales Vorbild: die heute 62-jährige Sanije Torka. In diesem Dokumentarfilm erzählt sie ihre Geschichte.

Solo für Sanije

Es gibt diese Dinge, an denen man erkennen kann, ob jemand in der DDR oder in der Bundesrepublik aufgewachsen ist. Die Auswahl zwischen den Bezeichnungen „Drei-Zimmer-Wohnung“ und „Drei-Raum-Wohnung“ zum Beispiel, oder die entweder vorhandene oder komplett abwesende Kenntnis des Comics „Die Abrafaxe“. Der Film Solo Sunny (1980) von Konrad Wolf gehört ebenfalls zu diesen Dingen. Der lief zwar auch im Westen, aber im Osten war er Kult. Was damals niemand wusste: Die Geschichte der eigenwilligen Sängerin Sunny, die vom großen Ruhm träumt, hatte ein reales Vorbild.

„Mensch, das bist doch du“, sagten Freunde zu Sanije Torka, als der Film 1980 herauskam. In der Tat hatte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (Sommer vorm Balkon, 2005) sich sehr stark von der Lebensgeschichte der jungen Frau inspirieren lassen, die im Jugendheim aufwuchs und sich nie an die bedrückende Enge in der DDR anpassen konnte. Im Film spottete sie frech über „Eckenpinkler“, wenn ihr ein Mann nicht passte, einen anderen warf sie auch schon mal hochkant aus Bett und Wohnung hinaus, und zwar – die Dialogzeile wurde zu einem geflügelten Wort – ohne Frühstück und auch ohne Diskussion (in Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte, 2008, kann man sehr schön sehen, welche Wirkung der Film damals offenbar hatte). Diesen schillernden, ambitionierten und verzweifelten Charakter destillierte Kohlhaase damals aus einem Interview, das die Journalistin Jutta Voigt mit der realen Sanije 1978 geführt hatte. Hauptdarstellerin Renate Krössner erhielt dann den Silbernen Bären bei der Berlinale 1980. Das reale Vorbild für ihre Rolle aber wurde nie erwähnt.

Solo für Sanije

Der Dokumentarfilm Solo für Sanije holt das jetzt nach und erzählt die Geschichte dieser ungewöhnlichen und glamourösen, und ungewöhnlich unglamourös gescheiterten Frau. Alexandra Czok hat die mittlerweile 62-jährige, aber immer noch charismatische Sängerin in einer Justizvollzugsanstalt in Berlin besucht. Dort sitzt sie eine zweijährige Haftstrafe wegen Ladendiebstahls ab. Man sieht also gleich zu Beginn: Aus den hochfliegenden Träumen der Film-Sunny („Some sweet Day“, sang sie damals) ist weder auf der Leinwand noch im wirklichen Leben etwas geworden, ganz im Gegenteil.

Die Dokumentation ist zusammengeschnitten aus den Erzählungen Sanijes, kleinen Szenen zwischen den gemeinsam mit ihr inhaftierten Frauen und Ausschnitten aus Solo Sunny. Man hört mehr oder weniger eine Abfolge von Schicksalsschlägen, von denen ohne Selbstmitleid berichtet wird. Alkohol und Tabletten spielen eine Rolle, auch ein missglückter Fluchtversuch aus der DDR. Regisseurin Alexandra Czok ist manchmal leise fragend zu hören, aber sie enthält sich jedes Kommentars, auch als Sanije ihre Stasi-Akte, einschließlich ihrer Verpflichtungserklärung, durchblättert.

Solo für Sanije

Man kommt kaum umhin, die in den Ausschnitten immer wieder sichtbare Filmfigur in eins zu setzen mit der lebhaft erzählenden, älteren und dickeren Frau, die da am Tisch ihres kleinen Zimmers sitzt, die Zigarettenpackung neben sich, im Hintergrund am Regal ein Künstlerfoto aus früherer Zeit angepinnt, eins, auf dem sie jung ist und begehrenswert aussieht und selbstbewusst. Dieser unangemessene Drang zur Kongruenz irritiert inmitten einer ganz und gar nicht auf Irritation angelegten erzählerischen Struktur. Die Frage, was genau aus dem Spielfilm nun authentisch ist, ob er größtenteils er- oder größtenteils gefunden ist, wird nicht beantwortet. Auch nicht, ob Sanije sich vielleicht sogar ihres eigenen Lebens beraubt fühlt, angesichts einer auf Zelluloid gebannten Version von sich, einer Doppelgängerin, eines Schattenwesens?

Am Ende des knapp 80-minütigen Dokumentarfilms wird Sanije aus der Haft entlassen. Mit einer Reisetasche und einem kleinen Fernseher geht sie aus ihrem Zimmer, das leer zurückbleibt. Ein offenes Ende, wie Wolfgang Kohlhaase es nicht besser hätte erfinden können.

Trailer zu „Solo für Sanije“


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