Sollers Point – Kritik

Viennale 2017: Ziellos dahindriften: In Sollers Point spielt der US-Regisseur Matthew Porterfield mit Gangsterfilm-Versatzstücken – und interessiert sich auf seinem Streifzug durch ein Amerika der Abgehängten teils überraschend wenig für seinen Protagonisten.

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Im Gefängnis sitzt Keith (McCaul Lombardi) zwar nicht mehr, aber eingesperrt ist er noch immer. Mit einer elektronischen Fußfessel verbringt er seine restliche Haftstrafe unter Hausarrest; in einem windigen Fertighaus, irgendwo am tristen Stadtrand von Baltimore und unter dem strengen Blick seines maulfaulen Vaters Carol (Jim Belushi). Ständig wird Keith daran erinnert, was er nicht darf. Dass er für einen Mann ziemlich klein ist und dabei viel zu große Klamotten trägt, verstärkt den Eindruck, dass er auch mit Mitte 20 noch nicht richtig erwachsen geworden ist. Die Kamera von Shabier Kirchner betont, dass dieses vermeintliche Leben in Freiheit nicht mehr als ein fauler Kompromiss ist. Den hibbeligen Protagonisten drückt sie an den Bildrand, zwängt ihn zwischen Türrahmen ein oder lässt ihn, wie die Heldin eines Hollywood-Melodrams, durch ein von Lichtreflexionen überzogenes Fenster schauen; den Blick dabei weniger auf ein reales Draußen gerichtet als auf einen imaginären Raum voll unbegrenzter Möglichkeiten.

Bewusst ungeformt

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Kurze Zeit später bewegt sich Matthew Porterfields neuer Film dann tatsächlich nach draußen. Keith ist seine Fußfessel wieder los und kostet mit uns die Weitläufigkeit der suburbanen Landschaft aus. Einen Masterplan hat er jedoch immer noch nicht. Als er auf Kumpels von damals trifft, die nichts Gutes ahnen lassen, will er sich noch nicht festlegen; er müsse erstmal mit baby steps zurück ins Leben finden. Es dauert nicht lange, bis der Wunsch, alles besser zu machen, mit der Unfähigkeit kollidiert, einen neuen Weg einzuschlagen. Schnell führt ihn diese Passivität zurück zu alten Mustern – aber anstatt eine Abwärtsspirale zu bilden, bleibt der Film in seiner Handlungsentwicklung bewusst ungeformt. Obwohl Porterfield diesmal stärker als in früheren Arbeiten wie Putty Hill (2010) und I Used to Be Darker (2014) zuspitzt und sogar mit Versatzstücken des Gangsterfilms spielt, zeichnet sich auch Sollers Point letzlich wieder vor allem durch sein zielloses Dahindriften aus. So wie der nie ganz durchschaubare Held in Schlangenlinien über einen Parcours aus dunklen Hinterzimmern, verrauchten Bars, typisch amerikanischen Veranden und auch staatlichen Institutionen zieht, zeigt sich auch Porterfield an eskalierenden Konflikten ebenso interessiert wie an den Wegen, die an ihnen vorbeiführen.

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Sollers Point ist stärker von der ständigen Bewegung geprägt als von einer konkreten Richtung, die er einschlagen könnte. Wenn Keith einerseits die Chance bekommt, für das Album eines befreundeten Rappers das Artwork beizusteuern, andererseits zunehmend seine guten Vorsätze vergisst und wieder zu Dealen anfängt, dann sind das zwar eigentlich Gegensätze, aber der Film entwickelt daraus keine Spannungskurve, die nur kontinuierliche Auf- und Abstiege kennt. Vielmehr existieren all die Hoffnungsschimmer und gefährlichen Versuchungen ständig nebeneinander. So sehr es Keith immer wieder verkackt, sein Leben bleibt doch in der Schwebe, wird nie ganz zur Fallgeschichte dramatisiert. Und obwohl man dem aufbrausenden Protagonisten aufgrund seiner haarsträubenden Unvernunft manchmal am liebsten an die Gurgel gehen möchte, finden sich doch immer wieder Situationen, in denen sich alles zum Besseren wenden könnte.

Möglichkeiten statt Tatsachen

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Statt sich auf eine lineare Geschichte mit all ihren Wendepunkten zu konzentrieren, strukturiert sich Sollers Point vor allem über seine zahlreichen zwischenmenschlichen Begegnungen. Gemeinsam mit Keith treffen wir auf Freunde und Verwandte, auf ehemalige und aktuelle Liebschaften, auf blutige Erzfeinde oder Kunden, die ihren Stoff bei ihm kaufen. Langsam breitet sich dabei das Panorama eines abgehängten Amerikas ab, das entschieden realistisch gezeichnet ist, aber doch zu lebensfroh und sexy, um in den Miserabilismus abzugleiten. McCaul Lombardi mit seinem mal playerhaften, dann wieder aggressivem Auftreten und seinen stechend blauen Augen besitzt eine intensive körperliche Präsenz, die ohne Probleme eine Leinwand füllen kann, und doch tritt er immer wieder in den Hintergrund, um die Rolle eines Mediators zu übernehmen. Dann überlässt er die Bühne den Gangstern, Junkies, Stripperinnen oder Arbeitslosen, die hier an die urbane Peripherie gedrängt wurden.

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Und auch wenn die meisten dieser Figuren so autonom wirken, als könnten sie selbst einen Film tragen, lassen sie sich doch nie von Keith lösen. Denn jede von ihnen dient auch dazu, mehr von seinem Charakter zu enthüllen, etwas über seine Vorgeschichte preiszugeben, seine Ängste und Leidenschaften zu offenbaren. Sei es der Besuch bei der Großmutter, bei dem in einem Nebensatz von Keiths Alkoholproblem die Rede ist, der Flirt mit einer Kunststudentin, der den Blick für seine soziale Herkunft schärft, oder wenn er einen Bekannten nach Geld fragt, weil er von seinem resignierten Vater nichts mehr zu erwarten hat. Sollers Point ist ständig dabei, seinen Protagonisten und das Milieu, in dem er lebt, zu modellieren, ohne ihnen jedoch eine endgültige Form zu geben. Keiths neugewonnene Freiheit gilt damit auch ein bisschen dem Zuschauer. Sie kann überfordernd sein, eröffnet aber auch einen Raum, in dem wir eher mit Möglichkeiten als mit Tatsachen konfrontiert werden.

Trailer zu „Sollers Point“


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