So ist Paris
Eine Metropole vereint Gegensätze: Ein alternder Professor tanzt für seine Studentin à la John Travolta und ein junger Tänzer erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Cédric Klapisch weiß es zu erzählen.
In Frankreich ist er ein Star, in Deutschland seit seiner Hauptrolle in L’auberge espagnole (2002) zumindest kein Unbekannter mehr: Romain Duris. So ist Paris ist seine sechste Zusammenarbeit mit Regisseur Cédric Klapisch, der ihn für Le péril jeune (1994) erstmals vor die Kamera holte. In ihrer neuesten gemeinsamen Arbeit spielt Duris das diskrete Zentrum eines episodischen Reigens. Pierre ist ein in sich gekehrter, ruhiger Mann, dessen Herzleiden den Ausgangspunkt des Films bildet und der schließlich die unterschiedlichen Geschichten lose miteinander verknüpft.
Fast schon unauffällig agiert Duris inmitten des hochkarätigen Ensembles rund um Juliette Binoche und Komiker Fabrice Luchini (Intime Fremde, Confidences trop intimes, 2004). Die Schauspieler geben zunächst die stereotypen Charaktere einer Komödie, von denen die meisten aber im Laufe der Geschichte zu komplexen tragikomischen Helden ausdifferenziert werden: Da ist die gutmütige Sozialarbeiterin und Mutter (Binoche), die sich zu wenig um sich selbst kümmert, der depressive Geschichtsprofessor (Luchini), der wieder aufblüht, als er sich in eine umwerfend schöne Studentin (Mélanie Laurent) verknallt, der Marktverkäufer mit harter Schale, aber weichem Kern (Albert Dupontel) und, in einer kleinen, bemerkenswerten Nebenrolle, Karin Viard als selbstgefällige, leicht hysterische Bäckerin. Obwohl So ist Paris (Paris) noch mindestens ein weiteres halbes Dutzend Nebenrollen umfasst, wirkt der Film weder verwirrend noch schwerfällig.
Was aber verbindet unterschiedliche Figuren wie einen Marktverkäufer, einen hoffnungsvollen Flüchtling aus Kamerun und einen Geschichtsprofessor in der späten Midlife Crisis? „Sie atmen“, sagt Pierre. Nur in allgemeinsten Kategorien kann er die Menschen, die er so gerne von seinem Balkon aus beobachtet, zusammenbringen. Seit ihm diagnostiziert wurde, er habe womöglich nur noch wenige Monate zu leben, pflegt er außer zu seiner Schwester Elise (Binoche) kaum mehr soziale Kontakte. Am liebsten verbringe er seine Zeit damit, für die Menschen, die er erspäht, Geschichten zu erfinden. Die kontemplative Figur mit dem Blick über die Dächer der Stadt kann man als Stellvertreter für den Regisseur und Autor Cédric Klapisch lesen, so wie dessen Film sich als Pierres träumerische Fantasie deuten lässt.
Die episodische Fiktion von So ist Paris pendelt zwischen Humor und Tragik, Anspannung und Erleichterung. Klapischs präzise Inszenierung und pointierte Dialoge vermögen die großen Gefühle, alltäglichen Erfahrungen und existenziellen Fragestellungen zusammenzubringen. Fest verankert ist die Geschichte zumindest motivisch in der französischen Hauptstadt. Und das beginnt beim offensichtlichsten Symbol: dem Eiffelturm. Immer wieder fängt die Kamera das Wahrzeichen als herausragendes Monument ein. Klapisch sucht in So ist Paris geradezu die bekannten Postkartenmotive, vom Sacré-Coeur über das Moulin Rouge bis zur Notre-Dame. Doch schon der erste schweifende Rundumblick zu Beginn des Films wird mit einer Einstellung auf das zerknirschte, komödiantische Gesicht von Fabrice Luccini schnell wieder gebrochen. So erstaunlich es angesichts Klapischs größter Erfolge, der Kulturen verbindenden und Einheit schaffenden L’auberge espagnole-Filme (2002, 2005), klingen mag, seinen neuesten Film zeichnen gerade die Bruchstellen aus.
Für die Darstellung von Träumen wird häufig auf stilisierende Mittel wie Überbelichtungen, verschwommene Bilder, Weichzeichner oder Überblendungen zurückgegriffen. Abgesehen von den rahmenden Eingangs- und Endsequenzen, in denen ebensolche Verfahren zum Einsatz kommen, ist für den Hauptteil des Films vor allem der Schnitt maßgeblich. Wie die meisten Episodenfilme entsteht So ist Paris, trotz starker einzelner Stränge, erst in der Verbindung der Geschichten. Und diese scheitert auf grandiose Weise mit der vielleicht künstlichsten Form des Schnitts überhaupt: dem Match Cut, bei dem Bewegungen aus einem Bild im nächsten fortgesetzt werden, oder auch ähnliche Handlungen trotz unterschiedlicher Zusammenhänge miteinander in Kontinuität gesetzt werden. So folgen in kurzen Abständen die Rücken dreier Figuren direkt aufeinander: Erst sehen wir wie der Marktverkäufer sich von der Kamera entfernt, Schnitt, Pierre beugt sich leicht über die Balustrade seines Balkons, die Stadt beobachend, Schnitt, plötzlich nimmt den Platz in der Mitte des Bildes der Kameruner ein, der vor der Überquerung des Mittelmeers gen Europa blickt. Der Anschluss sitzt. Doch gerade das Ineinandergreifen von Handlung und Formen stellt die Künstlichkeit der Verbindung aus: Sie ist nicht nur zum Misserfolg verdammt, sie ist auch ungehörig. Und der Zuschauerwunsch, alles solle doch irgendwie zusammenpassen, wird zugleich befolgt und ad absurdum geführt.
Tatsächlich lässt sich aus den unterschiedlichen Strängen kein einheitliches Porträt von Paris bilden. Die Dissonanzen sind dafür viel zu groß. Am stärksten treten sie bei der Gegenüberstellung von Benoît, dem Flüchtling aus Kamerun, mit einer Modeschau in Paris zu Tage. Paris und Frankreich lassen sich nicht ohne Immigranten darstellen, erklärt Klapisch seine Konstruktion im Interview. So wechselt der Film mehrfach und etwas plakativ von einem scheinbar sorgenfreien Leben in Paris zur Reise des Einwanderers.
Wäre So ist Paris ein Sozialporträt, wäre es unerträglich. Denn Klapisch hat über die Lebensumstände der Arbeiter und Immigranten kaum etwas zu sagen. Doch gerade die Darstellung der auseinanderklaffenden Welten innerhalb seiner Heimatstadt und das ehrliche Eingeständnis, kein einheitliches oder ausgewogenes Bild schaffen zu können, machen den Film aus. Die eigentliche Leistung besteht natürlich darin, diese Reflexion über die Ungehörigkeit bestimmter Verknüpfungen in einem höchst unterhaltsamen Rahmen zu vollziehen, der die Bruchstellen für einige Augenblicke fast vergessen macht. Denn so ist Paris: Es vereint, was sich nicht vereinen lässt.
Filmkritik von Frédéric Jaeger
Veröffentlicht am 14.07.2008
Kommentare zu So ist Paris
Martin Z. 19.07.2010 18:48
Die besten Episodenfilme sind die, bei denen man die Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge gar nicht bemerkt. Das ist Cedric Klapisch hier recht gut gelungen. Zumal er ein Pärchen (Bruder und Schwester: Juliette Binoche und Romain Duris) in den Mittelpunkt stellt, um den herum die anderen Figuren ihre Erfahrung mit den kleinen Alltagsproblemen machen. Es geht dabei um nichts Weltbewegendes. Es geht um die Liebe mit ihren Erwartungen und Enttäuschungen, um den Job, um Krankheit und Tod. Mal ist es lustig, mal ernst oder sogar traurig und immer ganz dicht an den Menschen - hier den Bewohnern von Paris. Aber es ist nie uninteressant. Das liegt zum einen an dem Einfallsreichtum des Drehbuchs, zum anderen an den guten, prominenten Schauspielern. Außerdem spürt man den pochenden Puls der Seinemetropole, die niemals schläft genau wie manche Figuren des Films. Gute Unterhaltung.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: So ist Paris
Originaltitel: Paris
Frankreich 2008
Laufzeit: 129 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Regie: Cédric Klapisch
Drehbuch: Cédric Klapisch
Produktion: Bruno Levy
Bildgestaltung: Christophe Beaucarne
Montage: Francine Sandberg
Musik: Loïc Dury
Darsteller: Juliette Binoche, Romain Duris, Fabrice Luchini, Albert Dupontel, François Cluzet, Karin Viard, Gilles Lellouche, Mélanie Laurent
Kinostart: 17.07.2008
DVD-Angaben
Titel: So ist Paris
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Deutsch (DTS 5.1), Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Spieldauer: 112 Minuten
Extras: Dokumenationen über Cédric Klapisch, Making of, Interview
Verleih ab: 18.12.2008
Verkauf ab: 16.07.2009
Copyright So ist Paris
Fotos: © Prokino
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