Die Morde von Snowtown

Der Film über einen sadistischen australischen Serienkiller kann sich das Quälen des Zuschauers selbst nicht ganz verkneifen.

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Während die Kamera zu einem bedrohlich klingenden Soundtrack durch eine australische Landschaft fährt, erzählt Jamie (Lucas Pittaway) im Off von einem wiederkehrenden Albtraum: Darin hört er ein anhaltendes Hundekläffen, dessen Ursprung er zunächst nicht deuten kann. Er geht in die Küche, wo ein Mann mit aufgeschnittener Kehle an einem Tisch sitzt. Aus seinem blutigen Schlund schaut ein Chihuahua und kläfft Jamie an. In Mexiko dienten Chihuahuas einst als religiöse Opfertiere bei Beerdigungen, da sie als die Führer toter Seelen ins Jenseits galten. Vielleicht träumt Jamie von dieser harmlos wirkenden, aber penetrant kläffenden Hunderasse, weil auch er in Die Morde von Snowtown (Snowtown, 2011) in mehrfacher Hinsicht und auf zunehmend drastische Weise von Regisseur Justin Kurzel als Opfer dargestellt wird, das mit dem Tod in Berührung kommt – Opfer seines desolaten sozialen Umfelds, Opfer sexuellen Missbrauchs und schließlich Opfer und Mittäter von John Bunting (Daniel Henshall), Australiens bekanntestem Serienkiller.

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In einer frühen Szene sehen wir Jamie durch die Spiegelung einer Schaufensterscheibe doppelt im Bild. Später erfahren wir, dass der 16-Jährige an Schizophrenie leidet, also außerdem Opfer einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung ist. Jamie hat weiche, weibliche Gesichtszüge und längere Haare, bevor er sie gemeinsam mit Bunting kurz rasiert, als würden sie sich wie Soldaten auf einen Feldzug vorbereiten. Der erste Feind ist ein Nachbar und Liebhaber von Jamies alleinerziehender Mutter Elizabeth (Louise Harris), der Jamie und seine zwei jüngeren Brüder sexuell missbraucht. Die verzweifelte Mutter zeigt ihn bei der Polizei an, nur um kurz darauf mit Bunting anzubändeln und die Augen davor zu verschließen, dass ihr eigener Sohn Troy (Anthony Groves) Jamie ebenfalls vergewaltigt. Bevor wir Bunting das erste Mal zu Gesicht bekommen, hören wir ihn in der Küche von Jamies heruntergekommenem Haus einen abfälligen Witz über Lesben erzählen. Der wie ein freundlicher Bär wirkende Bunting ist ein menschenverachtender Manipulator und Demagoge, der die Nachbarschaft bei regelmäßigen Küchentischversammlungen mit Hasstiraden gegen „Schwuchteln“ und vermeintlich Pädophile aufhetzt. Für den beeinflussbaren Jamie stellt er eine Vaterfigur dar, die es jedoch nicht dabei belässt, ihren Hass nur zu predigen, sondern ihn auf sadistische Weise auch praktiziert.

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Das Langfilmdebüt des australischen Regisseurs und Co-Autors Justin Kurzel besitzt für ein Erstlingswerk eine erstaunliche gestalterische Versiertheit und atmosphärische Dichte, verursacht mit seiner Verbindung aus Sozialdrama und Thriller allerdings auch sehr mulmige Gefühle beim Zuschauen. Die Morde von Snowtown ist ein extrem unangenehmer Film, und das nicht ausschließlich wegen seiner Gewaltdarstellungen, von denen es vereinzelt explizite gibt, jedoch weniger, als man im Serienkillergenre erwarten könnte. Schwer erträglich sind in erster Linie die trostlosen Lebensumstände sämtlicher Protagonisten, die sich in ihren mitgenommenen Gesichtern spiegeln, und ihre allzu schnelle Bereitschaft, den eigenen Frust an gesellschaftlichen Außenseitern abzubauen. Unter dem Einfluss von Bunting beginnt da sogar ein homosexueller Transvestit über Schwule herzuziehen. Der mehrfach missbrauchte Jamie verhält sich in Buntings Gegenwart, als leide er unter dem Stockholm-Syndrom, und wirkt vielleicht auch aufgrund seiner Schizophrenie die meiste Zeit, als stünde er neben sich und den grausamen Vorgängen vor seinen Augen.

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Jamies schwer lesbares Verhalten macht es dem Zuschauer nicht leicht, einen Zugang zu Die Morde von Snowtown zu finden, da Kurzel von einer zunächst dokumentarisch anmutenden Erzählhaltung im Verlauf immer stärker die Perspektive seines Protagonisten einnimmt. Dies zeigt sich unter anderem durch den zunehmenden Einsatz einer Handkamera, die gleichzeitig Unmittelbarkeit und Unsicherheit vermittelt. Die Inszenierung basiert zwar auf den Sachbüchern Snowtown Murders: The Real Story Behind the Bodies-in-the-Barrels Killings (2005) und Killing for Pleasure (2006), Kurzel hat sich mit seinem Drehbuchautor Shaun Grant allerdings einige Freiheiten bezüglich der Fakten erlaubt. So war der reale James Vlassakis, der derzeit in Australien eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, erst zwölf statt 16 Jahre alt, als er unter Buntings Einfluss geriet, und seine Mutter Elizabeth Harvey war gar mit diesem verheiratet und Mitwisserin der elf nachgewiesenen und zwölf vermuteten Morde, die nach der Stadt „Snowtown“ nördlich von Adelaide benannt wurden, in der man 1999 die Leichen entdeckte.

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Das größtenteils aus Laien bestehende Darstellerensemble liefert beachtliche Leistungen ab. Daniel Henshall war vor Die Morde von Snowtown lediglich in einigen TV-Serien und Kurzfilmen zu sehen, für Lucas Pittaway war es die erste Rolle. Aber trotz aller schauspielerischen und visuellen Stärken, die Kurzels Debüt aufweist, bleibt die Inszenierung letztlich zu unentschlossen und kann die verschiedenen Genres nicht überzeugend genug verknüpfen. Das Hauptanliegen des Regisseurs scheint es zu sein, Jamies Komplizenschaft und seine Ausweglosigkeit nachvollziehbar zu machen, indem er das soziale Elend, die emotionale Verwahrlosung und Verrohung aufzeigt, die den Teenager umgeben. Doch der preisgekrönte Soundtrack von Kurzels Bruder Jed, der wahrlich unter die Haut geht, hat ein anderes Anliegen: Spannung. Und die raubt den guten Absichten in manchen qualvollen Szenen und vor allem zum Ende einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit. Während der Film zuvor den Sadismus der Protagonisten vorgeführt hat, spielen der Regisseur und sein Bruder im Showdown schließlich mit unseren Erwartungen Katz und Maus. Da werden wir dann akustisch auf die Folter gespannt – mit Torture Porn für die Ohren.

Trailer zu „Die Morde von Snowtown“


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