Snowpiercer

Unberechenbar bis zum Schluss: In seinem ersten englischsprachigen Film packt Bong Joon-ho die ganze Welt in einen Zug nach Nirgendwo.

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In den großen Science-Fiction-Filmen, die letztes Jahr aus Hollywood kamen, herrscht eine streng vertikale Weltordnung. Sei es nun Oblivion, After Earth oder Elysium, jedes Mal haben wir es mit einer Zukunft zu tun, in der die Erde verwahrlost ist und eine Elite in die Wolken abhebt. Snowpiercer macht es anders. Er verdichtet nicht nur den Konflikt zwischen Privilegierten und Entrechteten auf engsten Raum, er kippt die Hierarchie auch in die Horizontale. Denn der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho packt in seinem ersten englischsprachigen Film gleich die ganze Welt in einen hochtechnisierten Zug. Die Vorgeschichte ist so schnell erzählt wie ironisch: Um der steigenden Erderwärmung vorzubeugen, soll der Planet mit einem besonderen Gas schockgefroren werden. Dass dabei fast die gesamte Menschheit ausgelöscht wird, ist ein unerfreulicher Nebeneffekt dieser Methode. Die letzten Überlebenden haben derweil Zuflucht im Snowpiercer gefunden, einem Perpetuum mobile, das unaufhaltsam seine Runden um den Globus dreht.

Kein Hollywood-Kompromiss

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Bong erzählt nun, basierend auf der Graphic Novel Le Transperceneige, von einer Revolution innerhalb dieses Mikrokosmos. Seine Sympathie ist dabei bei den Unterdrückten, die sich im verdreckten, fensterlosen Hinterteil des Zugs aufhalten, sich von glibbrig braunen Proteinriegeln ernähren müssen und der Willkür der Mächtigen ausgesetzt sind. Um an die Spitze des Zuges zu kommen und damit zu Wilford (Ed Harris), dem geheimnisvollen Herrscher dieser Diktatur, müssen sie sich erst mal durch verschiedene Abteile kämpfen, die wie die Level in einem Computerspiel jedes Mal eine neue Überraschung parat haben. Auf dem Weg ins Herz der Maschine kann man beispielsweise in eine fein choreografierte Schlachtszene geraten, in eine minimalistische Sushi-Bar oder ein absonderliches Klassenzimmer voller verblendeter Kinder.

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Bong zählt zweifellos zu den prominesteten und profiliertesten Regisseuren, die das südkoreanische Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Mit dem Serienkillerfilm Memories of Murder (Salinui chueok, 2003), dem Monsterabenteuer The Host (Gwoemul, 2006) und dem verschachtelten Thriller Mother (Madeo, 2009) hat er sich bereits als Spezialist für vielschichtiges Genrekino erwiesen. Da war es auch nur eine Frage der Zeit, bis Bong einmal außerhalb seiner Heimat arbeiten würde. Dass es nicht bis nach Hollywood gereicht hat, ist dabei vielleicht sogar ein Glücksfall. Als internationale Co-Produktion, die nur einen Bruchteil der Budgets der erwähnten Sci-Fi-Spektakel verschlungen hat, bleibt Bong auch ein größeres Maß an künstlerischer Freiheit und an kleinen Wagnissen, die ansonsten wohl Kompromissen gewichen wären. Ausgerechnet die Weinstein-Brüder haben nun allerdings die Rechte zu Snowpiercer gekauft und wollen ihn dementsprechend gekürzt in die Kinos bringen.

Jedes Abteil eine neue Überraschung

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Die Unberechenbarkeit des Films, die man den Amerikanern nur in abgeschwächter Form zumuten will, ist dabei seine größte Stärke. Der Handlungsverlauf könnte linearer eigentlich nicht sein. Vom Hinterteil des Zuges müssen sich der Auserwählte Curtis (Chris Evans) und seine multikulturellen Mitrevolutionäre nach und nach bis zum Führerhaus durchschlagen. Die Unwissenheit darüber, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt, nutzt Bong, um seinen Film in unerwartete Richtungen zu führen. Auf dichte Genremomente folgen ruhige, dialogbasierte Szenen, auf brutale Metzeleien absurde Komik. Snowpiercer setzt weniger auf einen sich zunehmend steigernden Spannungsaufbau als auf ein ständiges Wechselspiel an Kontraktionen und Expansionen.

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Dabei wagt sich der Film weiter vor, als man das von einem aktuellen Science-Fiction-Film erwarten würde. Vor allem lässt Bong die Handlung immer wieder ins Groteske kippen, hält sich mit einem erdenden Realismus ebenso wenig auf wie mit dem Anspruch, immer nur von der Zukunft zu erzählen, wenn sie in direktem Zusammenhang mit unserer Gegenwart steht. Snowpiercer ist eben ein richtiger Studiofilm, der sich nur innerhalb der engen Grenzen seiner ratternden Kulissenwelt austobt und für den die Außenwelt lediglich als computeranimierte Schneelandschaft existiert, die man hin und wieder durch ein Fenster erspähen kann. Dass Bongs Qualitäten darin bestehen, anders auf das Vertraute zu blicken, zeigt sich auch daran, wie er mit einer bekannten Schauspielerin umgeht. Tilda Swinton, die als Hans Dampf in allen Hipster-Gassen durchaus Nervpotenzial besitzt, hätte man sich in einem Science-Fiction-Film sehr gut als unterkühlten Cyborg vorstellen können. In der Rolle des opportunistischen Ekelpakets Mason sieht sie dagegen eher aus wie die trottelige Studienrätin aus einem Hansi-Kraus-Film. Mit ihren weit vorstehenden Zähnen, der dicken Brille und den ungelenken Bewegungen verkörpert sie schließlich das, was Snowpiercer auszeichnet: die Bereitschaft, immer wieder über die Stränge zu schlagen.

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Kommentare


NeroGott

Alles in allem ein toller und interessanter Film, wenn auch meiner Meinung nach Bongs schlechtester. Die Qualität von Mother, oder gerade von Memories of Murder wird nicht ganz erreicht. Bong Joon Hos Filme funktionieren für mich auf der Oberfläche immer als grandiose Genre-Filme auf der Oberfläche, (Memories of Murder ist der beste Kriminalthriller, den ich je gesehen habe) bieten aber bei tieferer Betrachtung immer spannende Aussagen über die (koreanische) Politik, oder soziale Verhältnisse. Bei Snowpiercer sind die gesellschaftlichen Aussagen etwas offensichtlicher sowie globaler. Für mich funktioniert Snowpiercer aber sowohl als Genrefilm nicht 100% - es gab zwischenzeitlich etwas Leerlauf und bis auf die Kampfszene im Dunkeln, war die Action eher Standard - und die Message erschien mir bei der Sichtung als etwas plump. Aber es kann sein, dass ich dem Film unrecht tue und ich Teile einfach nicht begriffen habe. Eine wiederholte Sichtung wird helfen :)






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