Snow White

Ein 20-jähriges Partygirl verliebt sich in einen sozialkritischen Rapper. Vor dem Hintergrund der Club- und Drogenszene in Zürich hat der irakisch-schweizerische Regisseur Samir eine merkwürdige Mischung aus Soap Opera, Drogendrama und Märchen gedreht.

 

Snow White

Das hatte man von Samir nicht erwartet. Der Schweizer Dokumentarfilmer irakischer Herkunft war zuletzt mit Forget Baghdad (2002) hervorgetreten, einem Porträt der jüdischen Minderheit im Irak. In Babylon 2 (1993) beobachtete er Immigranten in der Schweiz. Der Weg von diesem Milieu zur reichen Zürcher Oberschicht, die sich mit schicken Autos, Kokain und dekadenten Partys vergnügt, ist denkbar weit. Der Spielfilm Snow White, der vor zwei Jahren erfolgreich in der Schweiz lief und nun mit Verspätung nach Deutschland kommt, ist ein mit allen Mitteln der Montage auf flott getrimmtes Melodram.

Der Titel ist mindestens doppeldeutig. Snow White wird die 20-jährige Nico (Julie Fournier) wegen ihrer dunklen Haare und weißen Haut genannt, aber auch wegen ihres Kokainkonsums. Der märchenhafte Klang des Namens setzt sich in der Inszenierung fort, die fantastische Elemente einbezieht, etwa wenn Nico auf ihren Geliebten zuschwebt oder wenn die Schlussszene in einer Schneelandschaft (!) spielt.

Samir hat, wie in vielen anderen seiner Filme auch, wieder verschiedene Materialien und Formate eingesetzt. Körnige Video-Schwarzweißbilder wechseln sich ab mit 35 Millimeter, sind aber immer der jeweiligen Erzählebene deutlich zuzuordnen. Dazwischen gibt es originelle zeitraffende Montagen: In der Küche, wo die Spaghetti erst halb aus dem Topf stehen und im nächsten Bild schon fertig gekocht sind, oder im Krankenhaus, in dem eine Operation auf vier oder fünf entscheidende Handgriffe reduziert wird. Split Screens sorgen ebenso für formale Abwechslung wie die häufigen blitzartigen Rückblenden: Wenn der Rapper Paco (Carlos Leal, der in der Schweiz als Musiker ein Star ist) erzählt, dass seine Familie vor Jahrzehnten aus Spanien in die Schweiz eingewandert ist, sieht man eine sehr kurze Schwarzweiß-Aufnahme von einem Zug, aus dem Menschen mit vielen Koffern aussteigen.

Snow White

Das führt zu einer gewissen Doppelung, von der der Film sich seine ganze Laufzeit über nicht freimachen kann. Viele Dinge werden aus dem Off erzählt, gleichzeitig in solchen Rückblenden illustriert - aber in der Regel nicht dramaturgisch entwickelt. Eine Figur wie Nicos neurotische Mutter (Sunnyi Melles in einer Mini-Rolle) gerät auf diese Weise zu einem nur behaupteten Charakter, was gewiss nicht der Schauspielerin anzulasten ist.

Nico also führt ein Luxusleben, das aus Partys am elterlichen Swimmingpool, dem Schnupfen von Kokain in Zürcher Edelclubs und dem Sex mit ihrem wesentlich älteren Geliebten besteht, einem Diskothekenbesitzer. Ihre beste Freundin Wanda (Zoé Miku) stammt dagegen aus armen Verhältnissen, kann sich das Mitfeiern aber leisten, weil sie als Prostituierte arbeitet. Ihre Freier nennt sie, ganz im Sinne der New Economy, „Sponsoren“. Als geradezu klassischer Gegensatz wird Nico der aus dem Arbeitermilieu stammende Sänger Paco gegenübergestellt, in den sie sich verliebt. Zunächst verheimlicht sie ihm ihr reiches Elternhaus, weil sie Angst hat, er könne sie sonst verachten. Paco singt nämlich politische Texte über Gerechtigkeit und leidet darunter, dass sein Erfolg seine Botschaft verfälscht. Das Drama nimmt dann seinen Lauf, als ein Dealer Nico eine horrende Rechnung präsentiert, die sie nicht bezahlen kann.

Der Dreiklang Luxus-Drogen-Prostitution kommt ohne Klischees nicht aus; das gilt auch für Pacos Stilisierung als „ehrliche Haut“ und Immigrantenkind, das sich aus der Unterschicht hochgearbeitet hat. Regisseur Samir hat in verschiedenen Interviews auch gar nicht verhehlt, dass er sich für seinen Film an Soap Operas orientiert hat, dass er Kitsch liebt und explizit ein jüngeres Publikum ansprechen wollte. Leider geht das sehr zulasten der Dramaturgie. Die formalen Experimente können die vorhersehbare Geschichte nicht retten. Zwar wird die der Soap entlehnte Emotionalität permanent auf fast schon brechtsche Weise durchbrochen, zum Beispiel durch den Einsatz von zwei Ich-Erzählern und dadurch, dass der eine von beiden, Paco, direkt in die Kamera spricht. Aber beide Materialien wollen sich nicht vereinigen, sie stoßen sich ab, wie Wasser und Öl in einem Reagenzglas.

 

Trailer zu „Snow White“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.