Small Town Murder Songs – Kritik

Ed Gass-Donnellys stilistisch beeindruckender Film höhlt die Form des Thrillers aus und füllt sie mit atmosphärischen Bildern und psychologischen Studien.

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Der Mörder ist der Mann, den sowohl die Polizei als auch das Publikum von Anfang an verdächtigt. Ja, der Mörder ist derjenige, der nach einem Mörder aussieht oder zumindest als solcher typologisiert wird. Man darf das verraten, denn für das klassische Element des „whodunit?“, für die Suche nach dem Täter, interessiert sich Small Town Murder Songs (2010) definitiv nicht besonders. Ebenso wenig schert sich der Film um die Konvention, dass Genrefilme möglichst viele Twists enthalten müssen. Ed Gass-Donnellys kunstvoller Thriller schlägt ungefähr so viele Haken wie die meisten realen Polizei-Ermittlungen: keine. Insofern eignet sich Small Town Murder Songs denkbar schlecht für eskapistische Freuden, für die Flucht vor dem Alltag ins Popcorn-Kino.

Der Plot besteht zunächst einmal aus Versatzstücken des Thriller-Genres: In einem verschlafenen Provinznest geschieht ein Mord, ein Agent kommt aus der Stadt aufs Land und tritt den simplen Dorfpolizisten auf die Füße, langsam beginnen erste Indizien das Rätsel des Tathergangs zu lösen. Allein: Gass-Donnelly geht es dabei nicht um die Handlung, sondern um die Inszenierung – anstelle des Inhalts rückt die Form in den Vordergrund. Die Entwicklung der Ermittlungen wird teilweise von der Bildebene in das beständig laufende Autoradio ausgelagert, also als Nebensache qualifiziert.

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Im Zentrum dieses stilistisch beeindruckenden und mit 75 Minuten Laufzeit extrem ökonomischen Arthouse-Thrillers stehen zwei Elemente: Das sind einerseits majestätische Landschaftsaufnahmen, über die Bibelpsalmen als Zwischentitel gelegt werden, die den Film kapitelartig strukturieren. Zweitens ist der Musikeinsatz in Small Town Murder Songs sehr dominant. Allerdings unterstreicht die Musik hier weniger die Stimmung der Bilder, als diese zu kontrapunktieren, ja neu zu determinieren. Die halb nach Gospels, halb nach Indianer-Folklore klingenden Songs stammen größtenteils von Bruce Peninsula. Dazu laufen die Bildsequenzen oft in Zeitlupe ab, was die erhabene Wirkung der Lieder nochmals verstärkt.

Die Motive dieser Szenen sind imposant: Ein breites trailer-home-Haus gleitet gemessen über eine leere Straße. Traktoren-Scheinwerfer erhellen die Nacht, bis die Fahrzeuge abdrehen und eine blau-schwarze Dunkelheit hinterlassen. Wolkenberge ziehen unaufhaltsam über die Felder hinweg – die undomestizierbare Natur dräut über der Kulturlandschaft. Das ist atmosphärisch so stark, dass es auch vollkommen allein dastehen könnte, losgelöst von jeglicher Handlung.

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Trotz dieser mitunter metaphysischen Eindrücke schafft es Gass-Donnelly, seinen Film zu erden. Dies gelingt ihm vor allem über die Sprache der Figuren, die – wie auch der Realismus der „unfilmisch“ inszenierten Mordermittlungen – eine große Authentizität ausstrahlt. Die Dorfbewohner, inklusive der Polizisten als Autoritätsfiguren, sprechen einfaches, grammatikalisch fragwürdiges Redneck-Englisch. Teile der Bevölkerung, die mit den Amish verwandten Mennoniten, nutzen zudem das „Plautdietsch“, das wie ein altertümlicher deutscher Dialekt klingt. Ihre Dialoge werden auch in der Originalversion untertitelt, was in den englischsprachigen Teilen Nordamerikas einem Affront gegenüber jener Publikums-Bequemlichkeit gleichkommt, wie sie auch die deutsche Unart des Synchronisierens herangezüchtet hat.

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Die Hauptfigur, Polizist Walter (Peter Stormare), hat sich aus dem religiös-linguistischen Umfeld der Mennoniten gelöst, weshalb seine Familie ihm recht unterkühlt begegnet. Für seine zweite Frau ist Walter konvertiert und hat sich neu taufen lassen. Davon verspricht er sich eine spirituelle Reinigung, eine Abkehr von seinen unkontrollierbaren Wutausbrüchen. Was ihn die Unterdrückung seiner destruktiven Impulse an Energie kostet, wird gerade in einer Abendbrot-Szene deutlich.

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„You can’t hide what you want“, heißt es passend dazu ganz am Anfang in einem der Bruce-Peninsula-Lieder. Die dabei zu sehende Eingangsszene wird im Lauf des Films mehrfach wiederholt, dabei jedoch stets in einer erweiterten Form gezeigt, sodass sich sukzessive neue Bedeutungsebenen erschließen. Erst beim zweiten Mal wird klar, in welcher Beziehung Walter zur anderen im Bildkader auftretenden Figur steht – und erst das dritte Auftauchen der Szene legt den seelischen Zustand des Protagonisten offen, den er sonst vor der Außenwelt verbirgt.

Der Mordfall in seiner Heimatstadt reißt in Walter einen Graben auf – zwischen ihm als Polizisten und als Menschen, zwischen Rechtsdurchsetzung und Gerechtigkeitsempfinden. „Er war es doch, oder?“, fragt er, nach einer Legitimation seiner gewaltsamen Selbstjustiz suchend, für die er als Gesetzeshüter selbst inhaftiert wird. In einem dem Film vorangestellten Bibel-Zitat heißt es dazu: „Der Herr kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten.“

Ob Small Town Murder Songs den 34-jährigen Ed Gass-Donnelly als talentierten Jongleur von Kunst- und Genrefilm ankündigt oder lediglich als Visitenkarte für Hollywood dient, wird sich nach dessen nächstem Werk zeigen. Derzeit arbeitet der Kanadier nämlich an etwas, das nicht unbedingt nach künstlerisch wertvollem Autorenkino klingt: The Last Exorcism 2.

Trailer zu „Small Town Murder Songs“


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