Slumdog Millionär

Egal was passiert – am Ende werden sie tanzen!

Slumdog Millionär

Laut Wikipedia läuft die Gameshow „Who wants to be a millionaire“, erstmals 1998 im englischen TV ausgestrahlt, mittlerweile in 107 Ländern. In Deutschland, einem der ersten Absatzmärkte, hat sie Günther Jauch zum populärsten und meistverdienenden Showmaster Deutschlands katapultiert. Mit seinem inzwischen sagenumwobenen Vermögen dürfte er in Indien ganze Kleinstädte aufkaufen können. Auch dort erfreut sich das Format besonderer Beliebtheit. Und zwar schon so lange, dass nicht nur ein Buch, sondern sogar dessen Verfilmung in der Zwischenzeit entstehen konnte.

Zeitweilig moderierte Indiens Superstar Shahrukh Khan, der gewissermaßen sogar Günther Jauch in den Schatten stellt, die Hindu-Show. Dafür durfte er Horst Schlämmer noch nicht begrüßen.

Slumdog Millionär

Prem Kumar (Anil Kapoor), der Moderator in Danny Boyles Slumdog Millionär (Slumdog Millionaire), ist eine äußerst diabolische Erscheinung und nur eine von unzähligen Bedrohungen, mit denen sich Jamal Malik (Dev Patel) in seinem noch jungen Leben bereits konfrontiert sah. Nach dem ersten Teil der Show ist der Kandidat bereits auf dem Weg vom Laufburschen zum Millionär. Ein Märchen, das es in Bollywood gibt, aber nicht bei der indischen Ausgabe von „Who wants to be a millionaire”. Deshalb internieren und befragen Ermittler im Auftrag der Produktion den jungen Mann. Frage für Frage wird mit seinem Leben abgeglichen, und Jamal Malik hat Erstaunliches vorzutragen.

Slumdog Millionär

Zwar scheiden sich an Multiple Choice die Geister, an dem Siegeszug des Prüfungssystems weit über die USA hinaus ändert dies jedoch nichts. Egal ob beim Erwerb der Fahrerlaubnis oder beim IQ-Test: Per Multiple Choice gilt es immer häufiger Wissen zu beweisen. Die Quizshows dieser Welt haben mit diesem Verfahren ganze Generationen Kreuzworträtsler (für jüngere Leser: eine Vorgängerform von Sudoku) von den Küchentischen vor die Fernseher gezerrt. Hausfrauen, Rentner und sonstige Zielgruppen rätseln und fiebern mit und päppeln en passant auch noch das Allgemeinwissen auf. Genau jene Maxime, es handele sich um Wissensabfragen und Wissensvermittlung, wird in ihrer Logik bestätigt, wenn dann ausgerechnet Professoren den Jackpot knacken.

Slumdog Millionär

Jamal Malik ist alles andere als das, nämlich ein Laufbursche. Was er bei der Show in die Waagschale zu werfen hat, ist Lebenserfahrung. Genau an diesem Punkt entzündet sich die vitale Kraft von Slumdog Millionär. Die Absage an Schulwissen und Allgemeinbildung geht einher mit einem dem Genre entsprechenden märchenhaften Schicksalsglauben. Danny Boyle nimmt sich dabei alle Freiheiten im Umgang mit dem Bollywood-Kino und stellt dessen Überzeichnungen an jeder Stelle aus. Signifikant wird dies, als Prem den Schuljungen danach fragt, wessen Antlitz einen 100-Dollar-Schein schmückt. Die Antwort – Benjamin Franklin – kennt er, doch dass Gandhi den 100-Rupien-Schein schmückt, ist ihm unbekannt. Irgendwie ist das natürlich auch Ausdruck eines von den USA ausgehenden Globalismus, und der scheint der eigentliche Subkontext von Slumdog Millionär zu sein. Bollywood, das lässt sich unschwer am Namen erkennen, lehnt sich an das klassische amerikanische Erzählkino an. Während der Rückgriff auf Pathosfiguren in der indischen Variante noch eine Überhöhung fand, verzichtete man hingegen weitestgehend auf populäre Formen der Tiefenpsychologie. Boyle betont das Archetypische beider Kinoformen und führt sie in einer letztlich gemäßigten Form des Globalismus wieder zusammen.

Slumdog Millionär

Jamals Schicksal ist universal. In den Straßen Mumbais müssen er, sein großer Bruder Salim und das Mädchen Latika einen täglichen Überlebenskampf führen. Gerade dort, wo sich die Ärmsten scharen, wollen die Ruchlosen Profit machen. Maman (Ankur Vikal), der Kinder zu professionellen Bettlern ausbildet und sie dafür blendet, ist einer von ihnen. Der gierige Gangsterboss Javed Khan (Mahesh Manjrekar) ein anderer. Mumbai, das ehemalige Bombay, könnte auch Mexico City, New York oder Johannesburg sein. In dieser Universalität, ganz abgesehen von der weltweit wachsenden Popularität Bollywoods, liegt vermutlich das gewaltige Erfolgspotenzial von Slumdog Millionär. Darüber hinaus passt Regisseur Boyle zu Bollywood. Sein Film sieht farbig, bunt und knallig aus, die ständige Flucht der Kinder wird nicht nur von dröhnenden Beats begleitet, sondern auch durch eine sehr mobile Kamera. Chris Dickens’ effektiver Schnitt tut sein Übriges.

Vielleicht ist Slumdog Millionär so, in seiner klugen Vereinnahmung des Bollywood-Konzepts und in seiner furios gestalteten Optik, das legitime Gegenstück zu Wes Andersons Darjeeling Limited, der leisen Hommage an die große Zeit des indischen Autorenkinos.

Trailer zu „Slumdog Millionär“


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Kommentare


hoergen

Diese Kritik hilft ja wohl kaum irgendjemandem. Es scheint lediglich eine sehr starke Amerika "Antipathie" durch und ein pauschalisiertes Aburteilen gegen Bollywood Filme.
Egal welche politische Meinung man vertritt, oder welchen Filmgeschmack man hat, hat jeder Film eine Einzelbetrachtung verdient. Diese zerfahrene Betrachtung hätte mich sicherlich bei der Entscheidung den Film zu schauen nicht weitergebracht. Gut dass ich den Film schon gesehen habe und noch besser, dass ich diese - was auch immer - nicht vorher gelesen habe.


chris

ich war bereits 2 mal in indien...und ENDLICH zeigt ein film mal das wahre leben....finde es absolut gut und richtig dass auch das elend gezeigt wird. es ist absolut quatsch das als "elendspronographie" wie es viele medien tun abzustempeln...die leute die dort wohnen sehen das überhaupt nicht so, die haben ja sowas von party gemacht in der oscarnacht...so wie es die leute im film machen als jamal gewinnt, da hat der film quasi sich selber in der zukunft gespielt....außerdem wurde auf sehr viele details geachtet, die glaube ich nur leute verstehen die schon mal dort waren...sehr gut recherchiert vom drehbuchautor!
grandioser film, erschütternd und dabei unglaublich schön zugleich....so wie indien eben!


prot

Ich bin keine Spielernatur. Was Karten betrifft, bin ich über „Mau-Mau“ und „Uno“ nie hinausgekommen, beim „Mensch ärgere dich nicht“ könnte ich mich regelmäßig schwarz ärgern und Hardcore-Zocker flößen mir regelrecht Angst ein. Unnötige Risiken einzugehen liegt nun mal nicht in meiner Natur – wobei mir durchaus bewusst ist, dass nur gewinnen kann, wer auch etwas zu wagen bereit ist.

Welten trennen einen Feigling wie mich von einem mir diametral entgegengesetzten Naturell wie Danny Boyle. Der outet sich mit der märchenhaften Geschichte Jamal Maliks vom Slumdog zum Millionär mal wieder als Zocker aus Leidenschaft. Ob Krimi-Groteske („Kleine Morde unter Freunden“), Drogen-Trip (Trainspotting), Gauner-Romanze („Lebe lieber ungewöhnlich“), Horror (28 day later) oder SciFi (Sunshine) – der Brite liebt es, Neuland zu betreten; er liebt das Risiko. Dennoch durchzieht Boyles Arbeiten ein sorgsam gesponnener roter Faden: Nicht nur hat er ein goldenes Händchen bei der Auswahl der leitmotivischen Musikstücke in seinen Filmen, diese sehen bei aller Realitäts-Erdung gleichzeitig auch immer unverschämt gut aus. Da ist es schlicht und ergreifend ideal, dass ausgerechnet er die filmische Quadratur des Kreises in Angriff nahm - nämlich sich mit den Mitteln Hollywoods anhand eines weitestgehend harte Realität zeichnenden Plots dem Phänomen Bollywood zu nähern. Das Ergebnis ist eine rauschhafte Bilderflut, wie ich sie zuletzt in Luhrmanns „Moulin Rouge“ sah.

Schnell, ekstatisch, instinktiv muss „Slumdog Millionaire“ auch sein, ist er doch ein Film über Entscheidungen aus dem Bauch heraus; eine Art Antithese zu Vernunft und Logik, zu überlegtem Abwägen von Pros und Contras. Denn wem kompromissloses Vertrauen auf die eigene Intuition zu riskant ist, sollte sich nicht wundern, wenn er im rasend schnellen Spiel des Lebens die richtige Abzweigung verpasst.
Wer nichts zu verlieren hat, ist automatisch schneller bereit, ein Risiko einzugehen; doch nicht nur das. Vielleicht sieht er dadurch auch klarer. Und wer sein Ziel klar vor Augen sieht, der ist sogar bereit, sich dafür leidenschaftlich und rückhaltlos in die Scheiße zu stürzen. In dieser herrlich-anrührenden Allegorie zu Beginn des Films begreift schon der kleine Jamal, dass die Erfüllung von Träumen immer auch mit Opfern einhergeht. Ein Sprung in die Kloake des Slums verhilft ihm zum ersehnten Autogramm eines Filmstars. Wie sollte er sich Jahre später nicht an dessen Namen erinnern. Im Schleudersitz des berühmtesten Quizshow-Formats der Welt muss er die Antworten nur noch aufheben, die ihm irgendwann einmal wie die wunscherfüllenden Haselnüsse aus dem Märchenland vor seine Füße gefallen waren. Vom Schicksal belohnt wird, wer nur unbeirrt genug an es glaubt. The American Dream made in India.

Der aufgeklärte Zuschauer mag bei dieser unbeirrten Karma-Gläubigkeit das ein oder andere innere Zwiegespräch führen - Ratio gegen Emotion. Trotz schonungsloser Darstellung von Armut und Gewalt sind die sie zeichnenden Einstellungen, Farben und Kamerafahrten fast ZU beeindruckend, ZU rauschhaft. Die Figuren bleiben bis zum Ende eindimensional, die Frau der Träume ohnehin zu sehr Traumfrau. Die Schnitte sind nicht nur schnell, sondern mitunter auch verdammt gewagt. „Jump Cut“ nennt sich sowas - und lehrbuchreif springen die beiden Brüder vom Zug heraus aus dem Kinderarbeits-Ghetto direkt vors Taj Mahal. Warum auch nicht. Im berühmtesten Jump Cut der Filmgeschichte benötigte Kubrick nur einen einzigen Schnitt von der Steinzeit ins Weltall des Jahres 2001. Ist alles nur eine Frage der Risikobereitschaft.
Außerdem: Jamal und sein Bruder Salim tragen auf der Leinwand letztendlich den gleichen Kampf aus wie manch einer ihrer Zuschauer; sie sind zwei Seiten einer Medaille. Der eine entscheidet nach Erfolgsaussichten, der andere hört ausschließlich auf sein Herz. Danny Boyle macht es einem mehr als leicht, sich für eine Seite zu entscheiden. Zu strahlend hell erleuchtet ist die Macht des Schicksals, zu finster deren dunkle Seite.

Der Protagonist und sein Regisseur haben auf ihr Bauchgefühl gehört, alles auf eine Karte gesetzt – und alles gewonnen. Mitnehmen in den Alltag möchten wir derartige Botschaften nur zu gerne. Sobald wir aber die Dunkelheit des Saales verlassen, bedarf es nur eines einzigen Schritts für den Jump Cut von der Leinwand zurück ins Leben - mit dem menschlichen Herz in der Kardio-Kardinal-Funktion als faustförmiger Muskel. Kino bedeutet immer auch verkehrte Welt. Und genau deshalb brauchen wir es; als Gewissen, Stopschild oder Gaspedal. Ein kleiner, gelber, selbstklebender Posted-Zettel, der uns von Zeit zu Zeit daran erinnert, dass dieser Muskel zu weit mehr bestimmt ist, als tagtäglich Unmengen von Blut durch unseren Körper zu pumpen.

Danny Boyle hat uns einen verdammt großen Posted-Zettel vor die Nase gehalten. Dieses cinematografische Herz-Ass lässt selbst Spielverderber erahnen, dass es das Risiko manchmal wert sein könnte, wieder an Märchen zu glauben.


Patryk

Indien eingebettet in schicker Videoclip-Ästhetik. "torture placement" zu Anfang. Das illuminierte Hollywood honoriert das. Schließlich lief Keanu Reeves Pass in "Matrix" auch am 11.09.2001 aus. Natürlich alles nur Verschwörungsquast. Der "American Way of Live" zieht globalistisch durch die Welt und in Hollywood kommt er am Bosporus an. Toll gemacht. Nur keine indische Produktion. Sondern eine britische. So wie das eben America und sein Verbündeter das sehen. Schön das die geopolitischen Interessen auch mal künstlerisch aufbereitet werden. Schöne neue Weltordnung.






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