Slow West

Dieser Western ist ein Liebesfilm. John Maclean codiert mit seinem Regiedebüt das unbeug­samste aller Genres virtuos um und zeigt, dass Leidenschaft wilder ist als jeder Westen.

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Die Geschichte von Jay Cavendish beginnt dort, wo auch die Geschichte der USA beginnt: in der Alten Welt. Der 16-jährige schottische Adelsspross ist dem Bauernmädchen Rose verfallen. Doch Rose liebt ihn nicht zurück. Als Jays Onkel bei einem Unfall stirbt, wird Roses Vater für den Tod verantwortlich gemacht. Vater und Tochter fliehen nach Amerika. Jay reist ihnen hinterher. Die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Neuen Welt ist für den Jungen der Glauben an die Erfüllung des Liebesglücks jenseits aller Standesgrenzen.

Liebestoll ins Unentdeckte

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Slow West liefert diesen Hintergrund erst in Rückblenden. Zu Beginn des Films ist Jay bereits in Colorado. Doch dort, wo 1870 der Wilde Westen beginnt, kommt das Bürschchen im maßge­schneiderten Anzug nicht mehr alleine weiter. Der Film stellt ihm eine Gegenfigur zur Seite: den Cowboy Silas, einen zynischen Pragmatiker, der gelernt hat, mit gnadenloser Brutalität in der Wildnis zu überleben. Jays Traum von ewiger Liebe und einer besseren Zukunft kennt er nicht mehr. Dass er ihm anbietet, ihn zu dem Mädchen zu führen, folgt einem eiskalten Kalkül: Er will das Kopfgeld kassieren, das auf Rose und ihren Vater ausgesetzt ist. Bald ist den beiden auch eine Gruppe anderer Outlaws auf den Fersen, angeführt von Payne, einem Mann mit sprechendem Namen.

Mclean, selbst Schotte, wählt aus der Mythologie und Ikonografie des Western die prägnantesten Elemente aus, trennt diese mit chirurgischer Präzision aus ihrem Umfeld und setzt sie zu einem reduzierten Ensemble neu zusammen. Jays romantische Naivität steht für den Pioniergeist der ersten europäischen Siedler und den ursprünglichen American Dream. Silas’ Ernüchterung repräsentiert die unbarmherzige Realität im frühen Amerika, einem Land der Gewalt und Gesetzlosigkeit. Die Spannung zwischen diesen beiden gegenläufigen Perspektiven, die Mclean mit den dramaturgischen Strukturen des Road Movies und Coming-of-Age-Films grundiert, bestimmt den Rhythmus von Slow West. Getreu seinem Titel ist er beides: langsam wie der Schmerz einer unerfüllten Sehnsucht und verwegen wie der amerikanische Westen.

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Schon seine Drehmotive dienen Maclean dabei als Verfremdungsmittel: Die Landschaften, durch die Jay und Silas reiten, wirken stets etwas frischer, grüner und blumenbesetzter als in klassischen Genrefilmen. Tatsächlich wurde Slow West in Neuseeland gedreht – einem Land, das an die USA erinnert, es aber ganz offensichtlich nicht ist. Immer wieder wechselt der Film schlagartig zwischen betörend schönen Naturbildern, der Darstellung von brutaler Gewalt und trockenem Humor. Als Jay und Silas etwa in einem Wald Halt machen, sieht der Junge in einiger Entfernung einen Baum, der sich zu bewegen scheint. Es folgt das Close-up einer gelb-blau gestreiften Raupe, die langsam über die Nase eines regungslosen Indianers wandert. Plötzlich zischt es laut in der Luft. Reflexartig hält sich Jay die Hand vors Gesicht, in der nun ein Pfeil steckt. Zwei andere Indianer wollen die Pferde stehlen, doch nach ein paar Metern werden sie zu Boden gerissen. Jay und Silas haben zuvor ein Seil zwischen die Tiere gespannt, um darauf ihre nass gewordene Wäsche zu trocknen. Zufall und Slapstick bannen die Gefahr.

Dead or alive?

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Die Reise durch die Wildnis wird zudem immer wieder durch sentimentale Elemente gebrochen: durch die Rückblenden nach Schottland, die Jays Liebestollheit erklären, durch Nachtszenen, in denen der Junge verträumt in den Sternenhimmel blickt und eine Einheit mit seiner Geliebten imaginiert, und durch einen behutsamen Gitarren-Score, der zugleich etwas Episch-Treibendes hat. Doch um an sein Ziel zu gelangen, muss Jay seine Naivität zumindest teilweise ablegen und seine Unschuld gegenüber Amerika verlieren. Auf einem Handelsposten gerät er mit Silas in einen Raubüberfall und tötet eine junge Frau. Mclean inszeniert die Standardsituation mit der klaren Suspense-Ökonomie früherer Neo-Western. Doch während die Figuren bei Sergio Leone oder Quentin Tarantino ihren Weg ungerührt mit Leichen pflastern, irritiert Jay die Tat so sehr, dass er vor Silas, den er kindlich „Grobian“ nennt, davonläuft.

Michael Fassbender macht aus dem Kopfgeldjäger weit mehr als einen gefühlsgehemmten, grimmig dreinblickenden Loner: Sein Silas ist selbst eine getriebene Figur, die mit allmählicher Entspannung der erstarrten Mimik an der eigenen Konsequenz zu zweifeln beginnt. Was mag das wohl für ein Gefühl sein, das diesen Jungen so furchtlos sein lässt? Gibt es etwa doch noch mehr im Leben als blankes Überleben? Paradoxerweise erscheint der 16-jährige Jay, den der austra­lische Nachwuchsdarsteller Kodi Smit-McPhee mit schüchterner Entschlossenheit spielt, in seiner Identität weitaus gefestigter. Für ihn gibt es nur einen Fluchtpunkt, und der ist unverrückbar.

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Als Jay und Silas – wieder vereint – endlich Roses Hütte erreichen, fließen alle zuvor etablierten Motive zusammen: Das lichtdurchflutete Farmhaus, das in jungem Pinienholz erstrahlt, bietet nicht nur einen leuchtenden Gegenraum zu der dunklen schottischen Hütte, aus der Vater und Tochter zuvor geflohen waren, sondern auch den Entwurf einer familiären Gemeinschaft – jenes Traumbildes, dem jeder Cowboy unbewusst hinterherjagt. Die Flüchtlinge aus Schottland haben hier bereits ihren Frieden mit den amerikanischen Ureinwohnern gemacht, den gemeinhin Verfolgten des Genres, die als geisterhafte Genossen zuvor den Weg von Jay und Silas säumten. Doch Erlösung und Erneuerung können im Western nur durch Gewalt erfolgen. Maclean montiert sein blutiges Finale schockierend präzise im Wechsel von Panorama- und Close-up-Aufnahmen seiner metaphorischen Innen- und Außenräume. Am Ende seiner unbestechlichen Genre-Interpretation ist nichts sicherer als der Tod. Außer die Liebe.

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