Sleeping Beauty

Bestechend kalt, betörend schön: Julia Leigh erzählt eine moderne Dornröschengeschichte und spricht zugleich über das Begehren im Kino.

Sleeping Beauty04

Mit einer klinisch-kalten Laborszene beginnt Sleeping Beauty: Ein junger Wissenschaftler hantiert mit Schläuchen, der Raum ist fast ganz in weiß gehalten, Tische stehen in parallelen Reihen hintereinander. Dann kommt eine junge Frau herein, die sich von dem Mann im Kittel einen Schlauch in den Rachen führen lässt, nicht ohne dass dieser vorher betäubt wurde – und die Kamera, erst statisch, verschiebt sich langsam, bis Oberkörper und Köpfe dieses ungleichen Paares ganz den Bildschirm ausfüllen.

Von diesem Beginn aus gesehen, ließe er sich als Versuchsanordnung deuten, eine oft atemberaubend unterkühlte Angelegenheit, in der die Menschen, so dicht sie auch nebeneinander stehen mögen, sich doch fremd bleiben, während der Blick der Filmemacherin mit fast wissenschaftlich entrückter Präzision ihrem Umgang miteinander auf die Pelle rückt. Und damit ist der Film vor allem ein erstaunliches Debüt.

Sleeping Beauty02

Die australische Regisseurin Julia Leigh wurde mit ihrem Debütfilm Sleeping Beauty gleich in den Wettbewerb von Cannes eingeladen. Ihrer Hauptdarstellerin Emily Browning hat sie so auf einen Schlag eine Chance auf anspruchsvolle Rollen verschafft, die die Schauspielerin mit ihrer Hauptrolle in Zak Snyders durchaus zwiespältigem Effektspektakel Sucker Punch allein sicher noch nicht gewonnen hatte.

Ihre Lucy – die willige Probandin der ersten Szene – ist Studentin in einer nicht näher präzisierten Stadt; sie wohnt zur Untermiete bei zwei Leuten, mit denen sie nicht viel verbindet, und macht alles, was ihr an Jobs so unter die Finger kommt: Neben medizinischen Tests sieht man sie auch in einem Café, beim Kopieren in einem Großraumbüro und sich prostituierend in einer vor allem von Geschäftsmännern besuchten Bar. Ihr Körper ist ihr nicht heilig – „meine Vagina ist kein Tempel“, sagt sie einmal –, sondern williges Werkzeug; sie schläft, meist tagsüber, wann immer sie Zeit dafür findet.

Sleeping Beauty01

Von dem verdienten Geld scheint sie nicht viel für ihre eigenen Bedürfnisse zu behalten – ihrer Mutter gibt sie die Daten ihrer Kreditkarte, und einem platonischen Freund (Ewen Leslie) aus Schulzeiten, nur „The Birdman“ genannt, bringt sie Vorräte und vor allem harten Alkohol, den die beiden dann gemeinsam konsumieren, bis Lucy in seinen Armen einschläft. Dieses psychisch zerbrechliche, suizidgefährdete Wesen ist, ohne dass sie ihm wirklich etwas erzählt, anscheinend ihr engster Freund und Vertrauter: Nur bei ihm zeigt sie überhaupt Emotionen.

Bis dahin bilden Leighs Blick und Brownings Darstellung ein ästhetisch vollendetes, unterkühltes Porträt einer jungen Frau, die sich emotional fast völlig von der Welt abgetrennt hat, deren Beweggründe aber fast so unergründlich bleiben wie ihre Gedanken und Beobachtungen. Herausgefordert wird Brownings Lucy schließlich durch ein Jobangebot, das sie auf einmal mit viel Geld versorgt: Auf Vermittlung von Clara (Rachael Blake) wird sie zunächst leicht bekleidete Bedienung auf mondänen Abendgesellschaften reicher Männer, später dann zur „Sleeping Beauty“, zur „schlafenden Schönheit“ des Titels. Ältere Herren zahlen dafür, mit Lucy – nackt und im künstlichen Tiefschlaf – ein paar Stunden allein sein zu können; Penetration, so die einzige Regel, ist nicht gestattet.

Sleeping Beauty08

Und wenn man sich dann ansieht, wie die Männer mit ihr umgehen, sie beschimpfen, mit ihrem Körper hantieren, wird immer deutlicher, wie Lucy als reine Projektionsfläche für die Fantasien und Bedürfnisse jener Männer inszeniert wird, für die sie sich prostituiert.

Nur wenig lenkt in Leighs Inszenierung davon ab, von außen auf die Geschichte zu blicken: nur minimalistisch wirkt der Ton ein, das Bild bleibt gewissermaßen nackt wie seine Hauptfigur. Auch die Kameraführung – meist ist das Bild statisch, gelegentlich gibt es klare, einförmige Bewegungen und Zooms – lenkt nicht den Blick auf das Bild selbst, sondern seine Entstehung. Die Settings schließlich stellen sich rasch als im Kino gern genutzte Rahmen heraus – die aristokratisch anmutenden Wohnräume der Reichen wirken fast wie aus Kubricks Eyes Wide Shut (1999), auch wenn das natürlich täuscht –, dass man sie fast schon als stereotyp lesen muss.

Sleeping Beauty07

Implizit verweist Sleeping Beauty durch seine Distanz zur eigenen Handlung auch – Brownings Körper, weiß wie eine Leinwand, ist ein Hinweis darauf – auf die Art und Weise, wie vor allem Schauspielerinnen im Kino als Figuren dienen, die die Begehren eines vor allem männlich gedachten Publikums spiegeln sollen; allzu oft sind ihre Rollen echte Leerstellen im Filmgefüge, Platzhalter gewissermaßen für begehrenswerte Körper.

Leigh freilich lässt Browning nicht in solch einer Leere enden und bedient sich dazu zweier Kniffe. Zum einen entzieht sie dem Begehren des Zuschauers seine Projektionsfläche dadurch, dass sie über ihre Distanz zur Story und die unpersönliche Inszenierung jegliche Erotik heruntergekühlt, bis die einzig mögliche Beobachtungsposition die fast sterile des Labors ist, wie man sie in der ersten Szene schon erlebt. Zum anderen schenkt sie Lucy ganz zuletzt – vorab vorsichtig schmerzend eingeführt – eine emotionale Ebene, die es unmöglich macht, sie als Leerstelle zu lesen.

Im Märchen von Dornröschen, der „Sleeping Beauty“, ist die Hauptfigur ebenfalls Objekt eines begehrenden Blicks – aber da ist es der Blick auf die Schlafende, der zur Rettung führt. In Leighs Fassung der Geschichte, wie bösartig sie ist, merkt man erst viel, viel später, ist einiges ähnlich: Alle denken nur an sich, und Dornröschen muss durch den Tod hindurchgehen, um wieder ins Leben zu finden. Aber retten muss sie sich letztlich allein; von einem edlen Prinzen weit und breit keine Spur.

Trailer zu „Sleeping Beauty“


Trailer ansehen (2)

Kommentare


Martin Zopick

Alte, reiche, geile aber impotente Männer dürfen das androgyne Kindmädchen Lucy (Emily Browning) begrapschen und begaffen, aber nicht penetrieren.
Obwohl optisch streng stilvoll durchgehalten, bleibt der Film eine leere Hülle. Es ist die distanzierte Emotionslosigkeit, die das Geschehen hinter einem Schleier von Langeweile vernebelt. Die wenigen verbalen Ausrutscher sollen in ihrer Ansatzlosigkeit schockieren oder wenigstens überraschen, wirken aber inhaltlich und dramaturgisch deplatziert. (‘Willst du mich heiraten?‘ Oder zu einem Fremden ‘Ich würde gern deinen Schwanz lutschen.‘). Es ist ein Sexfilmchen ohne Sex, bisweilen ein peinlicher sinnfreier Ringkampf. Der Schluss ist charakteristisch für den ganzen Film: ein Schrei! Aus! Da nickt der Zuschauer zustimmend. Er würde gern das gleiche tun. Manche Szenen verpuffen sinnlos: aufwachen, aufstehen und Höschen anziehen, wieder hinlegen und weiterschlaft…?!
Die ‘schlafende Schönheit‘ kann man im weitesten Sinne – wenn man so will - verbal mit Dornröschen assoziieren, inhaltlich eher nicht. Im Märchen lag die schlafende Königstochter nicht als Ausstellungsstück auf der Paradecouch, sie wartete vielmehr umgeben von einer dornigen Rosenhecke auf ihren Prinzen, der sie wachküsste. Von alledem ist hier nichts zu finden. Alte geile Böcke spielen die Schweinerolle. Wen interessiert das noch? Und selbst Lucys Wunsch mit versteckter Kamera aufzuzeichnen, was da in ihrer schlafenden Bewusstlosigkeit mit ihr passiert, bleibt ihr Geheimnis. Da lob‘ ich mir doch einen Softporno à la David Hamilton. Den Film hier braucht keiner. K.V.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.