Sleep Tight

Sympathy for the Devil: Ein Concierge zerstört systematisch das Leben einer Hausbewohnerin – und Regisseur Jaume Balagueró lässt den Zuschauer auf die Seite des Täters rücken.

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„Ich habe endlich einen Grund zu leben“, berichtet der freudig erregte César (Luis Tosar) seiner schwer kranken Mutter. Dieser Grund heißt Clara. Lange hat der einsame Concierge nach ihr suchen müssen. Nun aber kann er jede Nacht mit ihr das Bett teilen, bis ihn früh um fünf seine Armbanduhr weckt und er aufstehen muss, während sie noch tief und fest schläft.

Mit diesem Aufwachen Césars neben seiner geliebten Clara (Marta Etura) beginnt Sleep Tight (Mientras duermes, 2011) – und man mag sich dabei fragen, wie ein Mann, der neben einer solch bezaubernden Frau schlafen darf, unglücklich sein kann. Doch nach etwa 15 Minuten wiederholt Regisseur Jaume Balagueró diese Szene – und plötzlich sieht man das bereits Bekannte in einem gänzlich anderen Licht. Denn Clara weiß nicht, dass César neben ihr liegt. Sie bekommt nichts davon mit, weil er sie mit Chloroform betäubt hat. Wie jede Nacht.

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Anders als in Balaguerós bisherigem Hauptwerk, der weltweit erfolgreichen Horror-Mockumentary [REC] (2007), geht die Gefahr in Sleep Tight nicht von Zombies aus, sondern vom gefährlichsten Wesen überhaupt: dem Menschen. César belässt es nicht bei obsessivem Stalking, schließlich entspringt sein Handeln nicht etwa einer unerfüllten Liebe zu Clara. Was César antreibt, sind Missgunst und Hass, die sich in kalkulierter Boshaftigkeit und abgrundtiefem Sadismus manifestieren.

Sleep Tight ist einer jener Filme, über die man vor dem Kinobesuch möglichst wenig wissen sollte. An dieser Stelle sei daher nur so viel verraten: César erträgt Claras Glückseligkeit nicht – und wenn er sich selbst schon nicht glücklicher machen kann, so kann er sie doch vielleicht innerlich zerstören. „Ich werde ihr das Lächeln aus dem Gesicht wischen“, verspricht er und lässt auf diese Worte Taten – sinistren Psychoterror – folgen.

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Das Erstaunliche an Balaguerós Film ist, dass er aus der Sicht des Täters erzählt wird und so immer wieder Sympathien für den Protagonisten weckt. Eine solche Ambivalenz des Bösen ist im Horrorgenre nicht eben üblich, schließlich verunsichert sie den Zuschauer bei seiner affektiven Einteilung der Figuren. Césars deprimierte Lebensmüdigkeit und allumfassende Einsamkeit lassen seine rachelüsterne Niedertracht jedoch fast nachvollziehbar erscheinen. Statt ihn eindeutig als menschliches Monstrum zu zeichnen, lässt das Drehbuch den Zuschauer immer wieder mit dem Täter – statt dem Opfer – mitfiebern. Beispielsweise während einer zentralen, etwas zu sehr konstruierten Szene, in der César beinahe in eine Falle gerät.

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Auch seine Funktion als gute Seele des Hauses und Retter in jeder Not – César kümmert sich um Hunde, repariert Abflüsse und beseitigt Insektenplagen – lässt ihn zur Identifikationsfigur werden. Wenn die versnobten Hausbewohner ihn ignorieren oder ein hinterlistiges junges Mädchen ihn erpresst, kommt sogar Mitleid auf. Die Farbdramaturgie des Films, die Clara in sonnig-warmes Licht und César in düstere, kalte Blau- und Grün-Töne hüllt, lässt dann aber doch eine klassische Gut-Böse/Hell-Dunkel-Dichotomie erkennen.

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Passend dazu gerät der Musik-Einsatz mitunter allzu unsubtil – wenn César neben der betäubten Clara liegt, tönt es auf dem Soundtrack „I wanna get next to you“. Später wird zu Bildern der wehrlosen jungen Frau noch Patti Pages Lied Keep Me in Mind abgespielt, in dem die Worte „never resist“ akkurat die Wirkung von Césars K.O.-Tropfen beschreiben. Auch die Bilder selbst erscheinen in manchen Szenen etwas überdramatisiert – so zum Beispiel in einer entscheidenden Einstellung des Films, die das von Panik und Verzweiflung erfüllte Gesicht Claras in emphatischer Zeitlupe zeigt. Die Genre-typischen logischen Stolpersteine sind ebenfalls an mehreren Stellen zu spüren. 

Stark hingegen sind – neben einigen Bildern, wie einer Blut-Flut im Badezimmer und düsteren Untersichten auf einen massiven alten Fahrstuhl – die Wendungen und Steigerungen des Drehbuchs von Alberto Marini. Der erste Twist erfolgt zwar ungewöhnlich früh, während die Eingangssequenz zum zweiten Mal gezeigt wird. Doch mit dem vermeintlichen Stalking Césars führt das Skript den Zuschauer gezielt in die Irre. Und wenn der Concierge am Ende sein Ziel erreicht zu haben scheint und Claras Unglück sichtlich genießt, weiß Sleep Tight noch einen draufzusetzen – mittels einer scheinbar ausgelassenen, tatsächlich aber nur geschickt verzögerten sexuellen Ebene, über die sich Césars brillante Perfidie in Claras Leben verewigt.

Dass Sleep Tight zudem ein Horrorfilm mit psychologischem Tiefgang ist, wenn er individuelles Unglück als eine Quelle des menschlichen Sadismus postuliert, unterscheidet Balaguerós Werk von der einfallslosen Massenware, die das Genre so häufig hervorbringt.

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Kommentare


Fabian

Ich kann der Kritik nur zustimmen, sie spiegelt die Facetten sehr gut wieder. Nur "Sympathie für den Protagonisten"? Die hatte ich zu keiner Zeit. Hinweis: Ich finde fast etwas viel über die Handlung verraten, was bei diesem Film sehr schädlich für den Filmgenuß ist.






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