Skyfall

Unzeitgemäße Betrachtungen. Skyfall zeigt einen James Bond im Kampf mit dem eigenen Universum.

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Es ist eine Welt der Abkürzungen und der schwer einzuschätzenden Distanzen, in der sich James Bond (Daniel Craig) auch im fünfzigsten Jahr seiner Leinwandpräsenz bewegt. In der Eröffnungssequenz wird ein Zug mit ein, zwei schnellen Schnitten von der Istanbuler Innenstadt in gebirgiges Terrain transportiert, und die unsichtbar gewordene Welt der endlosen Vorstädte und des darin gelebten Alltags markiert in absentia recht treffend jenen Anteil Wirklichkeit, der im Spionage- und Superheldenuniversum Bonds keinen Platz hat. Die repräsentativen Postkartenwelten der Innenstadt hier und eine mal als erhaben, mal als idyllisch inszenierte Natur dort setzen sich in Sam Mendes Skyfall zu einem ganz dem Bildlichen verschriebenen Kosmos zusammen.

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Diese Aussparungen jedoch sichern zugleich die Permanenz der Bedrohung, gegen die sich eine im ständigen Angstzustand beschriebene Gesellschaft wie die britische in Skyfall mithilfe von Superagenten rüstet. „Ask yourself: How safe do you really feel?“, fragt MI6-Koordinatorin M (Judi Dench) bei einer öffentlichen Anhörung im Londoner Gericht. Es geht um die Frage, ob in Zeiten der unvorhersehbar gewordenen Attacken, des transnationalen Terrorismus eine jenseits demokratischer Kontrolle agierende Geheimtruppe überhaupt noch Sinn ergibt. Selbstverständlich, sagen M und sagt uns der Film, denn die Gefahr wohnt in „den Schatten“, in zwielichtigen Welten auf halbem Weg zwischen roher Natur und zivilisatorischer Utopie.

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Aber man missversteht das Bond-Franchise sicherlich, wenn man eine klare politische Positionierung zu erkennen glaubt. Andeutungen zu Vorfällen der jüngeren Zeitgeschichte wie dem Londoner U-Bahn-Attentat von 2005 werden nur gestreut, um eine scheinbare Verbindung zur gelebten Welt der Zuschauer aufrechtzuerhalten. In Wirklichkeit ist die Bond-Welt ganz und gar mit sich selbst beschäftigt. Das Drehbuch von Neal Purvis, Robert Wade und John Logan hat es sich daher auch zur Aufgabe gemacht, keinen Bösewicht mit irgendwie gearteter politisch-sozialer Mission zu entwerfen. Nicht mal um Reichtum geht es Silva (Javier Bardem), denn auch Kapitalgier könnte man ja leicht als Kommentar zur Krise der Finanzmärkte missverstehen. Nein, in Skyfall ist Motiv des kriminellen Masterplans ganz ordinäre Rache: Silva, selbst einst Agent im Dienste des MI6, ist stinksauer auf seinen ehemaligen Arbeitgeber.

Die sich in der Anlage abzeichnende Autoaggression macht aus Skyfall einen Film über ein Franchise im Kampf mit sich selbst. Ganz im Geiste der jüngeren Superheldenfilme hat Mendes einen Meta-Bond gedreht, der zwischen Selbstironie und Burnout-Erscheinungen um die Legitimität seiner schieren Existenz ringt. Die Frage der Ministerin an M, ob die Institution MI6 denn noch zeitgemäß sei, ist zugleich Selbstbefragung einer fiktionalen Welt.

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Im Lichte dieser explizit gewordenen Legitimitätskrise wählt Mendes einen bescheidenen Ausweg: anders als die verzweifelten Versuche etwa eines Ein Quantum Trost (A Quantum of Solace, 2008), die Wackelkameraoptik der damals richtungsweisenden Actionkonkurrenz zu kopieren, zeigt sich Skyfall des eigenen Anachronismus bewusst. Man hat sich damit abgefunden, dass Bond nichts mehr Wesentliches zur Diskussion (sei sie politisch oder kinematografisch) beizutragen hat, sowohl der „Zeitgeist“ als auch die Ansprüche überraschender Inszenierung sind für eine Serie mit dermaßen langer Genealogie unerreichbar, so sie sich denn selbst treu bleiben möchte.

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Mendes überträgt die eingangs erwähnte räumliche Logik der krude vernähten Handlungsorte auf seine audiovisuelle Substanz. Skyfall ist eine Zitatschleuder sondergleichen, mehr klar gekennzeichnete Verweise auf die Filmgeschichte hat man lange nicht gesehen. Ob George-Lucas-Entertainment à la Indiana Jones (ein Wetttrinken mit Aussteigern und Skorpion) bzw. Star Wars (ein Erdloch mit Drachenmonster), ob 90er-Jahre-Action wie Speed (eine entgleisende U-Bahn), Science-Fiction wie Blade Runner (ein nächtliches Shanghai im bewegten Neonlicht der Werbebildschirme) oder, ganz im Ernst, ein Helikopterangriff mit Musikbegleitung (Apocalypse Now): Skyfall solidarisiert sich mit Klassikern von gestern und vorgestern.

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Ebenso führt der Film in die Tiefe der Bond-Historie. Alte Freunde wie der Aston Martin aus Goldfinger (1964) tauchen wieder auf, und Fragen des biologischen Alterns werden ununterbrochen gestellt. Mendes inszeniert einen Bond im kontrollierten Verfall. Und weil er die eigene Orientierungslosigkeit bejaht, ist Skyfall letztlich ein ganz ordentlicher Film. Die Häppchenstruktur seiner Räume und seiner Situationen macht es möglich, manches gut (ein grandios realisierter Schusswechsel in Shanghai, der nur aus Licht und Glas zu bestehen scheint), manches mies zu finden (dümmliche Kalauer wie jener, den Bond an eine duschende Schönheit richtet: „I like you better without your Beretta“).

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Wobei, und damit sind wir doch wieder im Heute: Beim Finale in den schottischen Highlands – über das en detail zu schreiben der Weltvertrieb des Filmes per Notiz untersagt hat – bricht Mendes mit der bisher herrschenden Logik der lose verbundenen Räume. Hier wird ganz klassisch und sehr konzentriert eine Lokalität entworfen und die darauf folgende Action gewissenhaft, mit klaren Achsen und Distanzen, inszeniert. Wie P.W.S. Andersons Resident Evil-Filme (siehe Kritik im Perlentaucher) entgeht Skyfall damit zuletzt der Frage nach dem Zeitgemäßen mit einer ganz und gar unzeitgemäßen Rückbesinnung auf die elementaren, sensomotorischen Stärken des kinetischen Kinos: Ort, Zeit, Raum kompakt zu halten, darin klare Positionen zu beziehen, jede Bewegung mit einem Feedback zu versehen. Bond ist auf einmal wieder im Hier und Jetzt angekommen, oder besser, in einem ewig relevanten Hier und Jetzt. Und dann war die Zukunft wieder offen.

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Kommentare


Bert Bertsen

Eine der wenigen wirklich treffsicheren Kritiken des Films, die ich im Netz finden konnte. 'Zwischen Selbstironie und Burnout-Syndrom' trifft es so herrlich. Danke dafür.


Stefan Jung

Sehr gute Kritik. Nino! Gerade deine Erwähnung von Achsen und Distanzen, die eine klare Verortung der Action, der Bewegungen erkennen lassen, finde ich wirklich wichtig. Ein sehr guter Bond, meiner Meinung. Schauspiel, Fotografie, Drehbuch - passt alles.
Und ja: auch mir hat Shanghai mit am besten gefallen: Licht und Glas und Schatten - und kein gesprochenes Wort, wenn ich es richtig in Erinnerung hab. Einfach toll! Kino, das fast ausschließlich durch Bilder funktioniert, so muss das sein.


Kurt Schubert

Ich habe selten so einen abgehoben und schwer verständlich formulierte Kritik gelesen.
Oder soll Kritik mittlerweile nur noch von Kritikern zu verstehen sein?
Dann ist sie wohl gut...


Frédéric

@Kurt Schubert: Wieso denn? Ich kann das natürlich ein bisschen nachvollziehen, wenn ich mir vorstelle, ich würde die Fremdwörter nicht kennen und wäre an eine Sprache bestehend aus Hauptsätzen mit höchstens maximal kurzen Nebensätzen gewöhnt. Aber vielleicht ist es noch etwas anderes?
Ich muss sagen, nachdem ich den Film gesehen habe, finde ich mich in der Kritik wie in keiner anderen wieder. Die Wertung, wie Stefan oben sehr positiv, oder wie in meinem Fall viel verhaltener, kann dann so oder so ausfallen, die Beschreibung trifft jedenfalls den Nagel auf den Kopf. Und mich hat dann schon eher überall rund um den Kinostart die exzessive Affirmationshaltung zum Bond verstört. Aber das bin ich, wenn man will, auch ein Kritiker.


sk

ich würde sagen: hier kämpft der einzelfilm gegen die franchise, die reihe. und verliert. man könnte auch sagen, die regie verliert gegen die produktion, aber das wäre zu einfach, denn sie kämpft vor allem gegen das schwache drehbuch und die miserablen dialoge. und abgesehen von der gelungenen herstellung von einzelbildern und tableaus sowie der wirklich großartigen shanghai-sequenz ist ihr ja leider gar nichts zur inszenierung von zwischenmenschlichem eingefallen.
und ständig muss der arme skyfall, anstatt sich um eine eigene dramaturgie zu kümmern, die franchise reorganisieren mit bond, q, moneypenny - und den eigenen 50. mit reminiszenzen feiern.
nach dem nicht wirklich diskussionswürdigen quantum finde ich, gibt es jetzt ein veritables gegenstück zu casino royale. der wurde nach dem kinobesuch immer besser...
sehr lesenwerter text, finde ich.


Hiro Surogata

Bonds Magazin ist leer und er wirft die Pistole weg. Da habe ich ausgeschaltet und die Hülle der DVD weg geworfen. Gas riecht nach Gas, damit es nicht unbemerkt ausströmt. Eine Tür in der U-Bahn, die sich etwas schneller schließt und Bond hätte den Faden der Verfolgung verloren, so wie alle Beteiligten bei der Produktion dieses debilen Machwerks. Dieser Film ist ein Western von gestern. Sinnlos und lustlos. Der zweit schlechteste Bond nach Der Morgen bricht nie an, wenn ihm graut. Schlechte Gags und eine wirre Story, da ist es egal, ob ich Mission Impotent gucke oder Dirk Bourne oder Jason Pitt... alles austauschbar. Da wünscht man sich fast wieder einen Typen wie Roger Moore. M hätte Graig mitnehmen und den Mi6 einmotten lassen sollen. Gebt mir eine neue Version von den Profis und schickt Bond in den wohlverdienten Ruhestand. X-Men war auch mit dabei. Magneto im Glaskäfig. American Beauty war doch auch nur eine zahme Version von Lolita... denen geht doch komplett die Originalität ab, den heutigen Regisseuren. Denen muss doch schon beim Lesen des Drehbuchs aufgefallen sein, dass das alles nicht funktioniert. Angefangen beim einmaligen Schuss von der gut gebräunten Moneypenny (Wir sind so PC, dass wir selbst solche Klopfer einfach hinnehmen? - Bei einem Batman mit blonden Haaren würde die Gemeinde der Nerds Sturm laufen). Es ist nicht möglich, den Zug zu überwachen und den Schläger von einem anderen Team abfangen zu lassen? Da kräuseln sich einem die Fußnägel vor Verzweiflung. Wenn ich meine Romane so konstruieren würde, würde ich sicherlich einen Verleger finden, aber da schreibe ich lieber für die, hoffentlich klügere, Nachwelt. Straft doch bitte endlich diesen Mist an der Kinokasse ab und zeigt diesen Stümpern und Geldverbrennern, wo der Geschmack den Hammer hängen hat... hier läuft gerade Thor im TV... der ist auch schlecht. Meine armen Sinne.


Andreas Wasert

Hiro Surogata:
Dito! Anscheinend bin ich nicht der einzige, dem dieses grausame Machwerk schmerzhaft geworden ist.

Das ganze Metaebenen-Gemurkse ist richtig albern aufgesetzt, wie am Beispiel der Riesenwarane, die plötzlich Bonds Gegenspieler wegschnapulieren.
Auch peinlich: Augenzwinkerei über Bonds französische Mutter (siehe Grabstein!), sein verhaßtes Prachtschlößchen in den Highlands, der aufopferungsvolle Waldschrat, Unterwasserschlägerei Nummer 50, der frohlockende Computervirus, digitaler Ratespaß mit Hipster-Q, Waffenübergabe in der National Art Gallery und jede Menge Platzpatronen-Schießereien. Auch klasse: Terrorist Bardem schickt im Finale die ersten fünfzehn Mann vor, und erscheint erst dann selbst auf der Bildfläche, wenn diese Vorhut (quasi als erstes Spannungshäppchen) formidabel abgemurkst ist. Bringt dann nochmal fünfzehn Mann mit - warum die das wohl freiwillig mitmachen?
Ich meine, Bardems gutem Spiel war dann und wann die pure Verzweiflung anzumerken, einen Charakter ohne logischer Psychologie noch hinreichend passabel auszufüllen, um nicht die eigene Schauspielkarriere aufgrund des absurd dämlichen Drehbuchs komplett zu ruinieren.

Der Aston Martin war ein Lichtblick, weil er an die guten Bond-Zeiten erinnert. Als kalter Krieg herrschte und Stoßstangen noch Öllachen vor die Verfolger plazierten, Füllfederhalter und Hutkrempen tödlich waren. Als der Zuschauer nicht durch allzu staatstragend-weltpolitisches Affentheater auf die Credibility-Schiene gelotst wurde, um Minuten später hanebüchenen Slapstick verkauft zu bekommen.






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