Sixty Six

Zwischen Museum, Kino und Archiv baut Lewis Klahr seit Jahrzehnten akribisch Tagträumereien. Sixty Six fasst zwölf Arbeiten aus den letzten dreizehn Jahren zusammen.

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Jede Gegenwart will mit Bildern und Klängen gefüllt, muss mithilfe von Fotos, Filmen und Songs überhaupt erst gebaut und verfugt werden. Illustrierte, die Tagesnachrichten, Comicstrips, Vines – das Jetzt verdankt seine Kontur allerlei wirklichkeitsgebendem Alltagswerk, das sich willig dem kurzen Moment der Zeitgenossenschaft opfert. Denn die Zeit ist ein Zersetzungsprozess. Mit jeder vergangenen Gegenwart landen ihre Bilder und Sounds auf dem Abfallhaufen der Geschichte; von ein paar Ausnahmen abgesehen, die auf rätselhafte Weise vielleicht kanonisiert und damit ästhetisch verewigt werden. So schlummern die allermeisten Versatzstücke des Gestern wild verstreut in Kellern, auf Festplatten und in Archiven, als warteten sie auf den unwahrscheinlichen Moment, dass sie irgendwer doch wieder emporholte und einmal mehr eine Gegenwart aus ihnen zusammengesetzt würde. Etwas ist unheimlich an diesem Limbozustand der ordinären Gebrauchskunst, die gesellschaftlich vergessen ist, aber materiell fortexistiert. „Diese gespenstische Realität“, behauptete Siegfried Kracauer 1927, „ist unerlöst. Sie besteht aus Teilen im Raum, deren Zusammenhang so wenig notwendig ist, dass man sich die Teile auch anders angeordnet denken könnte.“

Ein Albtraum der Ratio

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Nun wird nicht erst seit dem (mittlerweile schon wieder fast anachronistischen) Retrowahn der Nullerjahre ausgiebig und hingebungsvoll in diesem Abfallhaufen der Geschichte gewühlt. So stellt Lewis Klahr seiner fast monströs detailversessenen Jahrzehntearbeit Sixty Six (2002–2015) denn auch ein Breton-Zitat an den Anfang: Die Surrealisten wollten im endlosen Cut & Paste von Vergangenheitsfetzen das wilde Spiel der Traumarbeit nachbilden, das rätselhafte In-und Miteinander von Vergessen und Kreativität. Dieser Bezug ist bezeichnend. Klahrs Collagestrategien stehen den oft strengen, experimentellen Gesten der frühen Avantgarden des 20. Jahrhunderts nämlich näher als dem oft von unkonturierten Gefühlen der Nostalgie und der sehnsuchtsvollen Melancholie gezeichneten Arbeiten seiner Zeitgenossen.

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Sixty Six ist eine hermetische, unterkühlte Arbeit, die ihr Publikum explizit fordert. In einer eigenartigen Kombination aus freiem Spiel und harschem Normverständnis scheint Klahrs Found-Picture-Animationsfilm an so etwas wie ein logisches Unbewusstes zu appellieren: Die Vernunft könnte auch ganz anders, aber nicht weniger klar verfahren. Die Teile erkennen wir wieder – Comics, Möbelmagazine, Filmstills, meist aus den amerikanischen 1950ern und 60ern –, aber sie sind „anders angeordnet“, als man sie sich gedacht haben mag, sie folgen Rhythmen und Abfolgen, die man nicht durchschaut. Wie ein Spiel, das strengen, aber unbekannten, höchstens erahnbaren Regeln folgt. So gelingt Klahr eine nachträgliche Verfremdung dieser dank Mad Men und sonstiger Retro-Arbeit allzu vertraut geglaubten Epochen Amerikas. Ein Totentanz der Swinging Sixties.

Work, bitch.

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Rhythmus, strukturierte Zeit, ist wohl die deutlichste stilistische Signatur des Films. In zwölf autonomen, über die Jahre entstandenen Kapiteln schiebt Klahr Vergrößerungen aus Silver-Age-Comics in schwarz-weiße Einrichtungsfotografien oder legt rückwärtslaufende Schnulzen unter Sixties-Ornamenttapeten. Er wiederholt Kombinationen, verschiebt Fragmente, lässt Kreise, Punkte, Mandalas wirbeln und blinken. Manchmal stückeln sich daraus kleine Frankenstein-Geschichten zusammen –verrückte Wissenschaftler, noir-hafte Heimlichtuereien, griechische Miniepen. Aber das kann auch Zufall sein, wer weiß? Durchgehend läuft nur die Filmmaschine, die Bild auf Bild folgen lässt. Ein Wahnsinn, wie zerfetzt kontinuierliche Zeit anmuten kann.

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Sixty Six bearbeitet mit seiner repetitiven, stückeligen und fast gänzlich auf Bewegungskontinuität verzichtenden Ästhetik die Grenzbereiche von Kino und Galerie. Die Weltpremiere fand passenderweise im Musuem of Modern Art in New York statt. Und vielleicht funktioniert der Film im Setting des Rundgangs, bei dem man beliebig lange verweilen kann, besser, als wenn man ihn von A bis Z schaut. Im ungebrochenen Seherlebnis erschöpfen sich die Rhythmen manchmal im Manierismus. Sixty Six ist das Ergebnis einer großen Anstrengung, die man im Englischen gut mit „laborious“ wiedergeben könnte, was „aufwändig“, „arbeitsam“ bedeuten kann, aber auch „mühselig“, „schwerfällig“, „angestrengt“. Im engeren Kunstkontext ist die Zurschaustellung des technischen Könnens vielleicht noch eine veritable Währung, im Filmischen aber vergrätzt ein Zuviel an Show-Off leicht die rezeptive Hingabefähigkeit des Publikums.

Sur-Materialismus

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Klahrs Film fasziniert somit, wenn, dann meist auf kühle Weise. Im Gegensatz zu, zum Beispiel, den politisch unmissverständlichen Surrealismen eines Jan Svankmajer oder den atmosphärisch klar akzentuierten Technoalbträumen eines Peter Tscherkassky ist Sixty Six primär mit seiner eigenen Materialität beschäftigt. Fast alle verwendeten Bilder sind wie im Brennglas vergrößert, man erkennt das Raster, die Millionen Pünktchen, aus denen die Comichelden und Wohnungswerbungen bestehen. Ziemlich zu Beginn hängt denn auch ein Roy Lichtenstein irgendwo herum, ein eindeutiger Ahnherr dieser Ästhetik. Klahr scheint von der reinen physischen Realität der verwendeten Bilder mehr angezogen als vom Dargestellten. Er sucht nach dem Ornament jenseits der Repräsentation, als läge die Essenz einer vergangenen Zeit weniger in ihrem Stil als in ihrem Korn. Flapsig gesagt: Dass es diese Bilder noch gibt, ist verwirrender, als dass es sie einmal gab.

Eben weil Sixty Six auf billige emotionale Appelle nahezu komplett verzichtet, kann man ihn manchmal eher als Arbeitsleistung würdigen denn als Erlebnis genießen. Nur in wenigen, meist mit dem Schmiermittel Musik unterlegten Momenten packen die vertrackten Fremdmaterial-Rhythmen des Films wirklich, verschalten sich Hirn und Herz, wenn die unerlösten Bilder und Klänge gespenstische Formationen bilden und zu tanzen beginnen. In diesen Momenten schaut man Sixty Six wirklich wie einen Traum, der aus einem wachen Verstand geboren und mit viel Anstrengung erschaffen wurde.

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