Sisters

Das Konzept ist einfach: Schlampe und Mauerblümchen tauschen bei einer Ü40-Party die Rollen. Doch schon jetzt möchte man Sisters prophezeien, eine der besten Komödien des Jahres zu werden.

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Wenn man die Komikerinnen Amy Poehler und Tina Fey das erste Mal in Sisters sieht, hat man sofort verstanden, welche Einstellung ihre Figuren zum Leben haben. Während Maura (Poehler) einen vermeintlich Obdachlosen mit einer gut gemeinten Sonnencreme-Attacke vor UV-Strahlen schützen möchte, erweist sich ihre Schwester Kate (Fey) in einem schäbig improvisierten Beautysalon als talent- und ehrgeizlose Stylistin. Was die zwei voneinander unterscheidet, kann man mit Eigenschaften wie Egoismus oder Selbstlosigkeit beschreiben, doch der eigentliche Grund scheint tiefer zu liegen – oder eher weiter zurück. Nicht ohne Grund erinnern sich die beiden kurz darauf an ihre High-School-Zeit.

Partygirl und Partymum

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Immer wieder erzählen uns amerikanische Komödien vom scheinbar unüberbrückbaren Graben zwischen Cheerleadern und Nerds, oder allgemeiner: zwischen beliebten und unauffälligen Schülern. In Sisters geht es jedoch weniger darum, welchen Platz einem das Schicksal in der Schulhierarchie zugewiesen hat, sondern um einen selbstgewählten way of life; um ein Leben, dass entweder dem gedankenlosen Spaß oder der puren Vernunft gewidmet ist. Die Protagonistinnen verkörpern genau diesen Gegensatz, der im Laufe der Geschichte noch auf den Kopf gestellt wird. Doch bevor sich die beiden von ihrer Vergangenheit lösen können, müssen sie sie zunächst noch einmal durchleben. Aus Frust darüber, dass das Anwesen der Familie verkauft wird, wollen die Schwestern mit ihren Freunden von früher noch einmal eine ausschweifende Party feiern. So wie Ende der 1980er Jahre, nur mit vertauschten Rollen. Diesmal soll Kate die party mum sein (die Vernünftige und Kontrollsüchtige, die andere beim Kotzen betreut, um sich dem Paarungsverhalten zu entziehen), während Maura ihr Debüt als Partygirl gibt.

Große Comedy-Kunst

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Schon seit einigen Jahren eignen sich Frauen in Hollywood-Komödien die Privilegien der Männer an. Fey und Poehler kosten diese Freiheit genüsslich aus; nicht so grenzüberschreitend und analfixiert wie es zum Beispiel Paul Feigs Brautalarm (Bridesmaids, 2011) getan hat, aber mindestens genauso lustig. Ihr Umfeld verunsichern sie mit anzüglichen Witzen oder gnadenlos unvorteilhaften Outfits. Vor allem nehmen sie sich aber raus, was meistens immer noch dem anderen Geschlecht vorbehalten bleibt: Sie wollen nicht erwachsen werden – zumindest vorerst. Die zunächst recht triste, dann zunehmend aus dem Ruder laufende Feier wird für die gesamte Partygemeinde zum Anlass, ihr bürgerliches Leben für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Sisters versorgt die eingerosteten Mittvierziger so lange mit Alkohol, Drogen und dummen Ideen, bis sie sich wie ungezogene Teenager benehmen. Lediglich die verbitterte Brinda (schön biestig: Maya Rudolph) erhebt vor der Tür die hässliche Fratze des Verzichts und versucht, die Party abwechselnd zu stürmen und zu sabotieren.

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Dass Poehler und Fey hier zwei Schwestern spielen, ist nur konsequent. Die beiden kennen sich bereits seit der Schauspielschule und stehen seitdem bei Preisverleihungen wie den Golden Globes oder Fernsehshows wie Saturday Night Live gemeinsam vor der Kamera. Bei so einer langjährigen Arbeitsbeziehung verwundert es nicht, dass Chemie und Timing stimmen. Für ihre Darbietungen brauchen die zwei keinen penibel ausgearbeiteten Plan, sondern nur eine Richtung – und dann geht es los: Sie plappern sich um Kopf und Kragen, spielen einander die Stichworte zu, fuchteln nervös mit den Händen herum und ziehen Grimassen. Wie die beiden sich immer wieder gegenseitig anfeuern oder ohnehin schon peinliche Situationen bis zur Grenze der Erträglichkeit auskosten, das ist schlichtweg große Kunst. Und glücklicherweise vermeiden es Regisseur Jason Moore (Pitch Perfect, 2012) und Drehbuchautorin Paula Pell, den beiden ein zu enges dramaturgisches Korsett aufzuzwängen. Die bewährte Plotstruktur, in der die Figuren neue Strategien ausprobieren, dabei beginnen, über ihr Leben nachzudenken und es schließlich zum Besseren ändern, hält den Film zwar zusammen, bildet aber letztlich nicht mehr als einen lockeren narrativen Rahmen, in dem genug Raum für Improvisation bleibt.

Genre-Revolutionen

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Sisters ist jedoch nicht nur als gut geölte Comedy-Routine oder auch wegen seiner prominent besetzten Nebenrollen (etwa einer ungewohnt burschikosen Diane Wiest oder einem wieder unfassbar schmierigen John Leguizamo) bemerkenswert. Es gibt nicht viele unter den neueren Hollywood-Komödien, in denen die Liebesgeschichten mehr sind als Ballast. Entweder erweisen sie sich als unangenehm sentimental oder sie versuchen auf Teufel komm raus, jegliche aufkeimende Romantik mit Humor zu bekämpfen. Moore gelingt dagegen ein ungewöhnlicher Balanceakt. Nachbar James (Ike Barinholtz) ist zwar „nur“ Mauras love interest, bleibt dabei aber nicht auf seine dramaturgische Funktion beschränkt. Dabei entspricht er auf den ersten Blick genau jenem bodenständigen und grundsympathischen Jungen von nebenan, die man auch in Romantic Comedies immer wieder antrifft. James offenbart aber eine sehr aufrichtig wirkende Verwundbarkeit, die man bei solchen Filmen häufig vermisst. Und damit ist nicht gemeint, dass er sich bei einem unglücklichen Sturz eine Spieluhr ins Rektum rammt, die jedes Mal, wenn Maura sie zu entfernen versucht, weiterdudelt. Vielmehr sind es intime Geständnisse, die dem Film in solchen Momenten eine nicht aufgesetzte Ernsthaftigkeit verleihen; etwa wenn James davon erzählt, dass er früher stark übergewichtig war und sich das neue körperliche Selbstbewusstsein noch etwas fremd anfühle. Bei dieser Szene bekommt man den Eindruck, dass es in Komödien mit weiblicher Besetzung größere Revolutionen gibt als Heldinnen, die vulgär sein dürfen. Zum Beispiel Männer, die mit Frauenkram wie Figurproblemen zu kämpfen haben.

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Kommentare


ule

Um Himmels willen Michael Kienzl. In welcher Verfassung haben Sie denn "Sisters" gesehen ? Ich habe einen schlaffen, sich an den Genre typischen vulgären Sprüchen abarbeitenden Film gesehen, der selbstverständlich hier und da auch recht humorvoll ist ("looks gorgeous on you"), aber gerade anhand der von Ihnen so unterstrichenen Love Story voll zuammenbricht, ..."James offenbart aber eine sehr aufrichtig wirkende Verwundbarkeit, die man bei solchen Filmen häufig vermisst." Ja klar.. :-)))






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