Sing a Song of Sex

Viele Lieder, viele Obsessionen und einige Vergewaltigungen: Mit Sing a Song of Sex ist einer der radikalsten Filme des japanischen Ausnahmeregisseurs Nagisa Ôshima auf DVD erschienen.

Sing a Song of Sex

„Wo man singt, dort lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Kaum ein Sprichwort ist so falsch wie dieses. Gesungen wird überall, im Guten wie im Bösen, gemeinsames Singen hat mit Ausschluss der Nicht-Singenden oft mehr zu tun als mit integrativer Gemeinschaftsbildung, und böse Menschen kennen nicht selten böse Lieder. In Nagisa Ôshimas formal wie politisch radikalem Film Sing a Song of Sex sind die Menschen nicht unbedingt immer böse. Aber niederlassen möchte man sich bei ihnen dennoch auf keinen Fall.

Sing a Song of Sex

Das Lied vom Sex, das dem Film seinen Titel leiht, stellt ironisch Regeln für den Geschlechtsverkehr auf: „Ein erstes Mal, hey hey / wenn man mit einem Einzelkind schläft / benötigt man die Erlaubnis ihrer Eltern. hey hey / ein zweites Mal, hey hey / wenn man mit zwei Schwestern schläft / muss man die ältere zuerst flachlegen. hey, hey / ...“ Ein potenziell unendlich lang fortsetzbares Lied, das schon in seiner eigenen Struktur etwas Zwanghaftes hat. Und im Film wird es dann ebenfalls fast zwanghaft wieder und wieder aufgegriffen, es verbreitet sich wie ein Geschwür. Zuerst stimmt ein alkoholseliger Lehrer im Kreis einiger Schüler das Lied an, nicht ohne zu erklären, dass derartige Lieder authentische Selbstzeugnisse der japanischen Bauern- und Arbeiterschaft seien. Eine Behauptung, zu der sich der Film im Folgenden seltsam indifferent verhält. Aus heiterem Himmel verstirbt der Lehrer in der Nacht nach dem Saufgelage.

Sing a Song of Sex

Während der weibliche Teil der Schülerschaft in Tränen aufgelöst den Tod betrauert, haben die vier Jungen Hiroi, Maruyama, Nakamura und Ueda anderes im Sinn. Schon in der ersten Szene lungern sie vor ihrer Schule herum, rauchen jeweils drei Zigaretten auf einmal, machen sich über eine Gruppe protestierender Kommilitonen lustig und versuchen, sich an ein Mädchen heranzumachen, das im Folgenden nur „Nummer 469“ genannt wird. Von ihrem Lehrer übernehmen sie weder das politische noch das historische Bewusstsein, sondern nur das Lied vom Sex, und nach seinem Tod bahnen sie sich, gefangen im Labyrinth der eigenen Obsessionen, einen mäandernden Weg durch einen genuin sonderbaren Film. Gesungen werden dabei noch andere Lieder: unter anderen ein „Frauenlied“, nicht weniger obszön als das „Männerlied“ des Lehrers, Lieder aus der Zeit des Pazifikkrieges, schließlich die Folksongs der Friedensbewegung, teilweise im englischen Original, teilweise in japanischen Übersetzungen vorgetragen.

Sing a Song of Sex

Sing a Song of Sex verhandelt viele Schlüsselthemen Ôshimas. Nicht nur die Verbindung von Sex und Politik, sondern auch die Residuen des japanischen Nationalismus in den Nachkriegsjahren, das Vermächtnis der Kriegsschuld, das Verhältnis zur koreanischen Minderheit – das im ein Jahr später entstandenen Three Resurrected Drunkards (Kaetta kipa yopparai) im Zentrum eines ähnlich obsessiv strukturierten Films steht. Low-Budget-Filme sind das, mit kleinen Teams in kurzer Zeit gedreht in einer Karrierephase Ôshimas, in der sich sein Kino noch einmal radikalisiert. Weit weg ist der Regisseur inzwischen von den bösartigen Genre-Variationen seines Frühwerks, das unter dem Schlagwort der „japanischen Nouvelle Vague“ firmierte. Sing a Song of Sex entstand, so heißt es, ohne Drehbuch im engeren Sinne. Keine im Vorhinein festgelegte Struktur mehr, aber auch keine wilde, formlose Improvisation. Eher eine anarchische Lust an der Zerstörung narrativer Formen, die ersetzt werden durch zwanghafte Wiederholungen und pervertierte Variationen einzelner Motive, Bilder, Liedstrophen.

Sing a Song of Sex

Eine Szene stellt eine kollektive Fantasie der vier Studenten nach: die Vergewaltigung von Nummer 469 mitten im Hörsaal. In begleitenden Voice-Over-Kommentaren versuchen die Studenten ihre eigene Fantasie noch zu „verbessern“. Am Ende wird diese Szene noch einmal invertiert, die Grenzen zwischen Imagination und Realität wird nicht nur immer poröser in den Filmen Ôshimas, sie ist für diesen Film eine falsche Grenze, eine Ideologie, die reale Gewalt verschleiert. Man kann der Welt die Gewalt ebenso wenig austreiben wie die Geschichte, auf die eine oder andere Weise kehren beide noch stets zurück, davon handeln Ôshimas Filme wieder und wieder. Was bleibt, ist sture Zeichenproduktion: Man muss weiter singen, man muss weiter filmen.

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.