Sin Nombre

Südamerikanisches Elend, mit Verve in Szene gesetzt: Newcomer Cary Joji Fukunaga hat gleich zu Beginn seiner Karriere einen Festival-Hit gedreht.

Sin Nombre

Filme über südamerikanische Banden müssen, das gilt ungefähr seit dem Erfolg von City of God (2002), in der ein oder anderen zentralen Szene brachiale Gewalt zum Ausdruck bringen. Den Zuschauer schocken, ihm zeigen, dass das hier ernst ist. In Sin Nombre, dem Langfilmdebüt von Cary Joji Fukunaga, gibt es eine solche Szene gleich am Anfang. Sie zeigt das brutale Aufnahmeritual der mexikanischen Gang Mara Salvatrucha. 13 endlose Sekunden lang prügeln und treten die Mitglieder auf den vielleicht zwölfjährigen Smiley (Kristyan Ferrer) ein, danach gehört er dazu; sein zerschundenes, blutverschmiertes Gesicht blickt stolz herauf. Wenig später wird er noch einen Gefangenen töten müssen, einen aus einer verfeindeten Gang, der in einem Stall festgehalten wird wie ein Tier. Smiley zögert keine Sekunde.

Es sind stets solche Dinge, die als Beleg für Realismus herangezogen werden. Der Verleih macht für Sin Nombre Werbung mit dem zentralen Begriff „Authentizität“, um den Film im selben Atemzug als „atemberaubend, cool und sexy“ zu beschreiben. Dass zwischen Realismus und modischer Marketing-Sprache ein Widerspruch bestehen könnte, kam offenbar niemandem in den Sinn.

Sin Nombre

Genau darin liegt aber das Problem des Films, der authentisch immer nur dann ist, wenn es in eine recht herkömmliche Geschichte passt, die weit weniger Tiefe besitzt, als sie behauptet. Das ist auch deshalb so unbefriedigend, weil man eben doch nicht nur bis City of God (dem laut Regisseur wichtigsten Einfluss für Sin Nombre) zurückgehen muss, um sich der filmischen Darstellung von Gewalt in dieser Art Milieu zu vergewissern. Sondern fünf weitere Jahrzehnte, bis zu Luis Buñuels Die Vergessenen (Los olvidados, 1950), einem selten wieder erreichten Fixpunkt des Realismus im Kino.

Wie damals Buñuel, so hat auch Fukunaga intensiv recherchiert für seinen Film, hat Gangmitglieder im Gefängnis interviewt und ist sogar mit mexikanischen Flüchtlingen auf dem Dach eines Zuges in Richtung USA gefahren. Nicht die ganze Reise lang, aber immerhin 27 Stunden. Aus seinem Material destilliert er dann aber keine nüchtern-kalte Beobachtung wie Buñuel, sondern eine durchschaubar konstruierte Spannungsgeschichte mit Figuren, die nicht recht lebendig werden wollen.

Sin Nombre

Von Anfang an gehen zwei Handlungsstränge auf Konfrontationskurs: Die Geschichten von dem 18-jährigen Gangmitglied Casper (Edgar Flores) und von dem armen honduranischen Mädchen Sayra (Paulina Gaitan). Casper versucht, der Gewalt zu entfliehen, und muss sein Liebesverhältnis zu einem Mädchen vor seinen Kumpanen geheim halten; als sie doch dahinterkommen, wird seine Freundin getötet. Sayra macht sich mit ihrem Vater und ihrem Onkel auf den strapaziösen Weg quer durch Mexiko, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den USA. Die beiden treffen sich, als die Gang den Zug überfällt, auf dessen Dach die Flüchtlinge reisen, und Casper sich gegen seinen Boss auflehnt, den diabolischen Lil’ Mago (Tenoch Huerta Mejía). Danach sind sie als Paar wider Willen gemeinsam auf der Flucht.

Ab diesem Punkt wird Sin Nombre dann vor allem zu einem Actionfilm, mit rasant gedrehten Schießereien und Anklängen an den Western. Und mit einem erneuten Konfrontationskurs zweier Handlungsstränge: Smiley, der kleine, zu Anfang so übel verprügelte Junge und bisherige Freund und ständige Begleiter Caspers, wird auf den Renegaten angesetzt, bis zum Showdown am Grenzfluss.

Sin Nombre

Das ist dann streckenweise in der Tat „atemberaubend, cool und sexy“, flott gedreht (wenn auch nicht ganz so flott wie City of God), leidlich spannend, mit manchmal grandios eingefangenen Bildern: die Einfahrt des Zuges in der Nacht zum Beispiel, wie ein Ungeheuer inmitten von Rauch und Licht. Aber es ist eben auch arg konventionell, folgt herkömmlichen Erzählungsbögen und jubelt dem Arthouse-Publikum elegant die ältesten Hollywoodmethoden unter. Der angeblich zentrale Realismus ist lediglich ein Mittel zur gelegentlichen Aufrauung. Mit dem leeren Zentrum von Sin Nombre steht das in keiner Verbindung. Einmal hält der böse, wild tätowierte Bandenchef ein Baby im Arm, während er seine brutalen Reden hält. Das könnte ein gutes Bild sein, eines, das tief in die sozialen Strukturen dieses Lebens hineinweist. Es wirkt aber nur wie ein plakativer Versuch, den Charakteren etwas mehr Tiefe zu geben.

Ein totes Huhn beim ein wenig Symbolismus niemals abgeneigten Buñuel ist schockierender und wahrhaftiger als dieser ganze Film, der einem etablierten und publikumswirksamen Genre nichts hinzufügt.

Trailer zu „Sin Nombre“


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Kommentare


Beasy Bossalini

Na, da bin ich ja mal froh, dass der Film nicht überall gnadenlos gehypt wird. Denn: er ist einfach nur mies, und zwar sehr. Warum: Er kann sich in seiner szenischen Schilderung nicht auch nur einen Moment lang über Klischees hinwegsetzen, wodurch alles an der Oberfläche bleibt. Dazu kommt die gnadenlos schlechte Schauspielleistung des Filmhelden (Gesichtsausdruck) und der Filmheldin, die miserable deutsche Synchronisation (mexikanische Gangster mit Berliner Akzent, das kann nur komisch wirken, oda?), die gar zu durchschaubare Konstruktion der Handlung, die Dramaturgie, die den Kinobesucher anscheinend nicht nur dreimal zum Einschlafen verführen will, und und und. Das einzige Plus ist die Thematik, die gewiss überaus spannend und eben thematisierungswürdig ist. Nur bitte nicht so...


_SeiA_

Aso so schlecht war der film jetzt auch nicht. also anschauen kann man den sich auf jedenfall. klisches sind immer dabei, und dafür das das nen mexicanischer film ist, muss man mit der synchronisation leben. lohnt sich aber...


Tümmi

Guter Film!


phil

Südamerikanisches Elend?
der film spielt komplett in mittel- und nordamerika. just sayin.


Adler

Ich habe den Film noch nicht gesehen, möchte aber sagen, das man einen Synchronisierten Film sowieso ziemlich schwer bewerten kann.Ich schaue mir solche Filme erst mal nur der Bilder wegen im Kino an, später dann auf DVD immer in Originalsprache, erst dann kann ich ihn, besonders auch in Schauspielerischer Richtung bewerten.


Snake

Elend, Gewalt, Hoffnungslosigkeit. Wer will so etwas eineinhalb Stunden lang sehen? Kein einziger Hoffnungsschimmer am Horizont.
Eins habe ich allerdings gelernt: nur Kriminielle tätowieren sich und erkennen sich daran. Gut zu wissen!


Korina

Der Film ist gar nicht so schlecht. Und das, dass viel „Elend, Gewalt, Hoffnungslosigkeit“ gezeigt wird, ist zwar traurig, zwingt aber zum nachdenken, dass es Leute gibt, die viel Gewalt in ihrem Leben erleben und oft ihre Hoffnung auf besseres Leben verlieren.


wins

der film war sehr, sehr gut.

was soll der schauspieler, der casper spielt auch für tolle gesichtsausdrücke machen. er hat gerade seinen boss gekillt und weiss, dass da draussen 50.000 mara gang mitglieder warten um ihn zu killen. naja, da würde ich auch keine grimassen schneiden.

und die gewalt... man schaut sowas nicht ger gewalt willen an, aber sie ist eben bestandteil in so einer gang in südamerika und wer es nicht glaubt sollte hin und wieder nachrichten lesen.

ich fand die gewalt scenen waren im rahmen und keinesfalls verherrlichend.

ein tipp an alle deutschen. bitte schaut weniger synchronisierte filme an und ihr werdet jeden film in einem anderen licht sehen. ich habe den film nicht mal auf english gefunden sondern nur mit untertitel und er war so sehr gut anzusehen.

freude, frieden - eierkuchen. wer schaut sich sowas 1,5 stunden an?


vuvuzela

Super Film, der viele seiner Art hinter sich lässt. Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen, für mich haben die Protagonisten durchaus Charakter, was man in der ersten 10 Minuten gar nicht vermutet. Die Story absolut schlüssig und sehr Spannend, auch nichts aus der Konserve wie so oft bei den mit Brimborium angekündigten Hollywood Filmen.


Val

Ich finde den Film sehr gut gelungen. sehr interessant und traurig, weil es wirklich so ist... Edgar Flores ist eine gute wahl, ist zwar erst sein zweiter film, aber er hat ein charakter Gesicht.
Solche Filme sind, denke ich, auch nicht zur unterhaltung da, sondern um zu zeigen was bestimmte umstände aus einem machen... traurig aber wahr leutz. und eins ist ganz gewiss, die gangs heutzutage nehmen wieder drastisch zu


sin nombre

der film war sehr gut..er hat die realität gezeigt und die schauspieler waren perfekt..der erste film, wo ich weinen musste..der erste!!!!..ich wein echt selten


Marco

Top Film, ich hätte den noch lang weiterschauen können. Vielen Dank


Mischa Grotjohann

Also zunächst Südamerika fängt südlich von Panama an. Hier ist´s Zentralamerika. Weiter: Mara Salvatrucha ist nicht mexikanisch sondern bestand ursprünglich aus salvadorianischen Flüchtlingen in L.A.(USA), später nachdem viele zurück nach El Salvador abgeschoben worden sind, ist sie zur größten Bande Zentralamerikas geworden und agiert mittlerweile in ganz ZA außer Nicaragua. Guter Film, trotz mancher Klisches, sehr autentisch-


_SeiA_

oh man, mache kritik kann ich nicht verstehen. man muss nicht immer so genau hin schauen, ist schliesslich keine docu.

einfach gut der film


Chris

Erstklassig! Einer der besten Filme die jch gesehen habe...






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